Clausnitz, brennende Häuser, Hass. Deutschland hat ein Rassismusproblem. Und wir denken immer noch, es ginge weg, wenn wir es wegreden, wegkommentieren. So denkt möglicherweise sogar die sächsische Justiz.

Die passende Sprache ist uns abhanden gekommen. Wir wissen gar kein Wort für das, was wir dieser Tage in Deutschland beobachten: Besorgte Bürger? Unbescholtene mit Molotowcocktails? Brauner Mob? Rechter Terrorismus? Auf die Sprachlosigkeit reagieren viele mit einem Betroffenheitszynismus, der sich vor allem natürlich im Internet darstellt, aber auch im Fernsehen. Es heißt inzwischen von jungen, gut ausgebildeten und klugen Leuten: "Das ist nicht mein Land" oder "Ich wandere aus" oder "Nazis sind scheiße" oder "Sachsen aus Deutschland raus". Ausdrücke der Hilflosigkeit. Empathiefähigkeit geht auch da verloren, wo verlangt wird, Sachsen einfach abzuschaffen.

Viele Menschen in den sozialen Netzwerken hatten nach Clausnitz sofort das Bedürfnis, die Parole "Wir sind das Volk" wieder an sich zu reißen. Der gute Deutsche sei gefälligst das Volk, nicht der böse Deutsche. Ist jemals in den Köpfen angekommen, dass das Gerede über das Volk überhaupt erst so etwas wie die Brüllerei in Clausnitz hervorbringt? Über das Volk zu streiten, wen es umfasst und wen nicht, das nennt man – tut mir echt leid – völkisches Denken! Von "Wir sind das Volk" führt unweigerlich der Weg zu "Wir sind EIN Volk" zu "Deutschland den Deutschen".

Sachsen - Sachsens Innenminister nennt grölende Demonstranten “zutiefst beschämend” Rund 100 Demonstranten haben am Donnerstagabend in Clausnitz versucht, die Ankunft von Flüchtlingen in einer Unterkunft zu verhindern. Das Video auf einer fremdenfeindlichen Facebook-Seite ist inzwischen nicht mehr abrufbar.

Und schon sind wir bei den Nazis.

Gegen Nazis zu sein, ist richtig. Wer ist das nicht? Nicht mal Pegida ist für Nazis. Aber wir haben es in Sachsen mit einer gefährlichen Parallelgesellschaft zu tun, die wir vor einigen Jahren mit stark zugedrückten Augen noch deutschen "Mainstream" genannt haben. Das war bevor Sarrazin und Pirinçci in ganz Deutschland berühmt geworden sind mit ihrem Rassismus. Es ist aber nutzlos, das Wort Nazi zu sagen und zu glauben, man würde wenigstens jemanden damit bestrafen. Kein Witz über Hitler hat einen Brand in einem Flüchtlingsheim verhindert.

Bürokratie blockiert Zivilisation

Andrea Hünniger, geboren 1984 in Weimar, arbeitet als Autorin und Journalistin. Im Jahr 2011 erschien ihr Buch "Das Paradies: Meine Jugend nach der Mauer" im Tropen-Verlag. © Tobias Kruse/Ostkreuz

Norbert Elias hat in Der Prozess der Zivilisation in zwei Bänden erklärt, was eine Zusammenrottung aus Menschen zu einer Zivilisation macht. Eine Beobachtung ist darin sehr wichtig: Je kürzer die Dauer zwischen Tat und Urteil ist, desto barbarischer ist eine Gesellschaft. Das heißt, je schneller ich etwas bewerte, desto fragwürdiger ist mein Urteil. In früheren Gesellschaften sind Menschen schnell geköpft worden oder haben, ganz das Gegenteil, die Absolution erhalten. Das ganze Konstrukt, das wir Bürokratie und Justiz nennen, ist ein Ausdruck unserer Zivilisation. Facebooks Logik unterwandert dies gnadenlos. Shitstorms und Hasskommentare, genauso wie Schafft-Sachsen-endlich-ab sind Ausdruck der Barbarei. Barbarisch ist das Vorgehen von Pegida, AfD, Brandstiftern an Flüchtlingsheimen. Barbarisch sind die Reaktionen wie "Ostdeutschland hat ein Rassismusproblem wegen des Kommunismus" oder "Weg mit Sachsen".

Was wir gerade erleben, ist Norbert Elias' Prozess der Zivilisation, nur rückwärts. Nicht einmal die Bürokratie will noch mitmachen. Wichtige Institutionen wie das Berliner Lageso funktionieren nicht mehr. Die Überforderung äußert sich freilich in der Kommunikation. Die Bürokratie blockiert den zivilisatorischen Umgang. Und Clausnitz, auch nur ein Dorf wie viele andere, wirkt wie ein Failed State. Man könnte in diesen Tagen direkt aus der Zeitung eine Dystopie abschreiben. Es wäre einer der schlimmsten Romane. Er läse sich wie eine Fiktion, ein stümperhaftes, zu sehr nach Brecht klingendes Theater.