Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT, spricht am 28. Februar im Schauspielhaus Dresden. © Ronald Bonss

Auf Einladung des Schauspielhaus Dresden, in Kooperation mit der Sächsischen Zeitung, sprach Giovanni di Lorenzo am vergangenen Sonntag, den 28. Februar, in Dresden zum Thema: "Alles Lüge? Warum Deutschlands Medien so stark – und manchmal doch so angreifbar sind". Hier veröffentlichen wir seine Rede in schriftlicher Form. Eine Audioversion finden Sie hier. Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, heute hier zu stehen, es ist mir eine richtige Ehre, als Redner für diese renommierte Veranstaltungsreihe angefragt worden zu sein.

Und ich gestehe Ihnen: Aus meiner Sicht hätte es wohl keinen besseren Moment für mich geben können, Sie hier zu besuchen, als jetzt. Allerdings hat jeder, dem ich erzählt habe, dass ich heute in Dresden sprechen werde, reagiert, als ob ich in die sprichwörtliche Höhle des Löwen fahre, in ein Bundesland nämlich, dessen Bild derzeit beherrscht wird von pöbelnden Menschen vor einem Flüchtlingsbus in Clausnitz, brennenden Flüchtlingsheimen wie dem in Bautzen und den montäglichen Pegida-Demonstrationen.

Lassen Sie mich gleich vorweg sagen, dass ich – anders, als der eine oder die andere von Ihnen es vielleicht erwartet – keinesfalls hierher gekommen bin, um den Prediger zu spielen und Ihnen gar die Leviten zu lesen. Dafür habe ich viel zu großen Respekt vor den Menschen in Sachsen, die zum größten Teil eben keine Hetzer und Pöbler sind. Ich bin im Gegenteil hergekommen, um mich kritischen Fragen zu stellen. Welche Rolle spielen die Medien in Deutschland? Welchen Anteil haben sie am Vertrauensverlust in der Gesellschaft und an der Spaltung, die überall zu beobachten ist? Damit möchte ich mich heute beschäftigen.

Bevor ich aber damit beginne, will ich Ihnen, die Sie mich gerade so freundlich empfangen haben, noch erzählen, wie mich die Pegida-Chefin Tatjana Festerling bereits vorab begrüßt hat.

Lassen Sie mich vorausschicken, dass ich Frau Festerling noch nie in meinem Leben getroffen habe oder persönlichen Kontakt mit ihr hatte, dass ich noch nie einen Artikel über sie geschrieben habe, und selbst – wie jeder weiß, der sich mit mir und meinen Texten auseinandergesetzt hat ­– ein Skeptiker und Kritiker der aktuellen Flüchtlingspolitik der Bundesregierung bin.

Bereits am 15. Februar also hat mich Frau Festerling mit einem Eintrag auf Facebook Willkommen geheißen. Empört verwies sie auf die Arbeit von Kollegen der ZEIT und schloss auf Italienisch mit dem Ausruf: "Was für ein Stück Scheiße du bist, leck mich am Arsch!"

Glauben Sie mir: Worte dieser erlesenen Preisklasse kommen zum ersten Mal in einer meiner Reden vor. Aber ich will diese Aussage hier zitieren, weil sie zeigt, was Menschen wie Frau Festerling offenbar unter deutschem Anstand verstehen, den sie immer wieder einfordern.

Sie geben sich als vermeintliche Underdogs, denen niemand Gehör schenkt und deren Meinung unterdrückt wird. Unter Meinungsfreiheit verstehen sie in Wirklichkeit die uneingeschränkte Lizenz, andere Menschen zu beleidigen, zu diffamieren, an den Pranger zu stellen. Ich kann mir vorstellen, wie auch etliche von Ihnen, die Sie hier sitzen, an solcher Hetze, an solcher Dumpfheit und Bösartigkeit verzweifeln. Aber wenn ich Ihnen an dieser Stelle auch gleich Mut machen darf, mein Vertrauen in Deutschland und meine Wertschätzung für dieses Land ist so groß, dass ich Ihnen zurufen möchte: Die ganz ganz große Mehrheit der Deutschen wendet sich wie Sie bei solchem Gerede angewidert ab und will mit diesen Leuten nichts zu tun haben – ganz gleich, wie drückend die Probleme werden!

Mit den Pegida-Anführern verbindet mich also nichts – wie sollte es auch anders sein bei Leuten, die andere Menschen beleidigen und herabsetzen? "Das Beste an Pegida", schrieb mein ZEIT-Kollege Martin Machowecz, "ist der Zwang, sich dazu verhalten zu müssen."

Trotzdem meine ich, dass wir uns die Fehler und Fehlentwicklungen unserer Branche anschauen müssen, denn längst herrscht gegenüber den Medien eine Skepsis, die weit über das Pegida-Milieu hinausreicht.

Während wir Journalisten selbst uns weiterhin als "vierte Gewalt" verstehen, sind wir neuerdings mit einem Vorwurf konfrontiert, der diesem Selbstverständnis diametral gegenübersteht und besonders ehrenrührig ist: "Lügenpresse!" oder "Systemmedien!" werden wir jeden Montag vor allem hier auf Dresdens Straßen beschimpft, von Plakaten, aber auch in Onlinekommentaren und manchmal sogar live bei Veranstaltungen. Die Beleidiger wollen unsere Integrität und damit nicht weniger als das Fundament unserer Arbeit infrage stellen. Es handelt sich bei ihnen vor allem um Menschen, die sich längst in einer Parallelwelt bewegen: Ihre Informationen suchen sie sich selbst zusammen und bedienen sich dafür dort, wo sie ihre eigene Meinung bestätigt sehen. Und auch auf Facebook – dem Algorithmus sei Dank! – werden ihnen nur noch Texte angeboten, die zu ihrer Weltsicht passen. Unsere Medienwelt haben diese Leute längst verlassen, wenn sie da vorher überhaupt jemals waren.

Eine der gängigsten Verschwörungstheorien in dieser Parallelwelt lautet ja, dass Frau Merkel mithilfe ihres Staatsapparates die Berichterstattung in Deutschland steuert. Dafür werden im Netz auch eine Reihe vermeintlicher Belege aufgeführt, einer absurder als der andere.