Auf Einladung des Schauspielhaus Dresden, in Kooperation mit der Sächsischen Zeitung, sprach Giovanni di Lorenzo am vergangenen Sonntag, den 28. Februar, in Dresden zum Thema: "Alles Lüge? Warum Deutschlands Medien so stark – und manchmal doch so angreifbar sind". Hier veröffentlichen wir seine Rede in schriftlicher Form. Eine Audioversion finden Sie hier. Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, heute hier zu stehen, es ist mir eine richtige Ehre, als Redner für diese renommierte Veranstaltungsreihe angefragt worden zu sein.

Und ich gestehe Ihnen: Aus meiner Sicht hätte es wohl keinen besseren Moment für mich geben können, Sie hier zu besuchen, als jetzt. Allerdings hat jeder, dem ich erzählt habe, dass ich heute in Dresden sprechen werde, reagiert, als ob ich in die sprichwörtliche Höhle des Löwen fahre, in ein Bundesland nämlich, dessen Bild derzeit beherrscht wird von pöbelnden Menschen vor einem Flüchtlingsbus in Clausnitz, brennenden Flüchtlingsheimen wie dem in Bautzen und den montäglichen Pegida-Demonstrationen.

Lassen Sie mich gleich vorweg sagen, dass ich – anders, als der eine oder die andere von Ihnen es vielleicht erwartet – keinesfalls hierher gekommen bin, um den Prediger zu spielen und Ihnen gar die Leviten zu lesen. Dafür habe ich viel zu großen Respekt vor den Menschen in Sachsen, die zum größten Teil eben keine Hetzer und Pöbler sind. Ich bin im Gegenteil hergekommen, um mich kritischen Fragen zu stellen. Welche Rolle spielen die Medien in Deutschland? Welchen Anteil haben sie am Vertrauensverlust in der Gesellschaft und an der Spaltung, die überall zu beobachten ist? Damit möchte ich mich heute beschäftigen.

Bevor ich aber damit beginne, will ich Ihnen, die Sie mich gerade so freundlich empfangen haben, noch erzählen, wie mich die Pegida-Chefin Tatjana Festerling bereits vorab begrüßt hat.

Lassen Sie mich vorausschicken, dass ich Frau Festerling noch nie in meinem Leben getroffen habe oder persönlichen Kontakt mit ihr hatte, dass ich noch nie einen Artikel über sie geschrieben habe, und selbst – wie jeder weiß, der sich mit mir und meinen Texten auseinandergesetzt hat ­– ein Skeptiker und Kritiker der aktuellen Flüchtlingspolitik der Bundesregierung bin.

Bereits am 15. Februar also hat mich Frau Festerling mit einem Eintrag auf Facebook Willkommen geheißen. Empört verwies sie auf die Arbeit von Kollegen der ZEIT und schloss auf Italienisch mit dem Ausruf: "Was für ein Stück Scheiße du bist, leck mich am Arsch!"

Glauben Sie mir: Worte dieser erlesenen Preisklasse kommen zum ersten Mal in einer meiner Reden vor. Aber ich will diese Aussage hier zitieren, weil sie zeigt, was Menschen wie Frau Festerling offenbar unter deutschem Anstand verstehen, den sie immer wieder einfordern.

Sie geben sich als vermeintliche Underdogs, denen niemand Gehör schenkt und deren Meinung unterdrückt wird. Unter Meinungsfreiheit verstehen sie in Wirklichkeit die uneingeschränkte Lizenz, andere Menschen zu beleidigen, zu diffamieren, an den Pranger zu stellen. Ich kann mir vorstellen, wie auch etliche von Ihnen, die Sie hier sitzen, an solcher Hetze, an solcher Dumpfheit und Bösartigkeit verzweifeln. Aber wenn ich Ihnen an dieser Stelle auch gleich Mut machen darf, mein Vertrauen in Deutschland und meine Wertschätzung für dieses Land ist so groß, dass ich Ihnen zurufen möchte: Die ganz ganz große Mehrheit der Deutschen wendet sich wie Sie bei solchem Gerede angewidert ab und will mit diesen Leuten nichts zu tun haben – ganz gleich, wie drückend die Probleme werden!

Mit den Pegida-Anführern verbindet mich also nichts – wie sollte es auch anders sein bei Leuten, die andere Menschen beleidigen und herabsetzen? "Das Beste an Pegida", schrieb mein ZEIT-Kollege Martin Machowecz, "ist der Zwang, sich dazu verhalten zu müssen."

Trotzdem meine ich, dass wir uns die Fehler und Fehlentwicklungen unserer Branche anschauen müssen, denn längst herrscht gegenüber den Medien eine Skepsis, die weit über das Pegida-Milieu hinausreicht.

Während wir Journalisten selbst uns weiterhin als "vierte Gewalt" verstehen, sind wir neuerdings mit einem Vorwurf konfrontiert, der diesem Selbstverständnis diametral gegenübersteht und besonders ehrenrührig ist: "Lügenpresse!" oder "Systemmedien!" werden wir jeden Montag vor allem hier auf Dresdens Straßen beschimpft, von Plakaten, aber auch in Onlinekommentaren und manchmal sogar live bei Veranstaltungen. Die Beleidiger wollen unsere Integrität und damit nicht weniger als das Fundament unserer Arbeit infrage stellen. Es handelt sich bei ihnen vor allem um Menschen, die sich längst in einer Parallelwelt bewegen: Ihre Informationen suchen sie sich selbst zusammen und bedienen sich dafür dort, wo sie ihre eigene Meinung bestätigt sehen. Und auch auf Facebook – dem Algorithmus sei Dank! – werden ihnen nur noch Texte angeboten, die zu ihrer Weltsicht passen. Unsere Medienwelt haben diese Leute längst verlassen, wenn sie da vorher überhaupt jemals waren.

Eine der gängigsten Verschwörungstheorien in dieser Parallelwelt lautet ja, dass Frau Merkel mithilfe ihres Staatsapparates die Berichterstattung in Deutschland steuert. Dafür werden im Netz auch eine Reihe vermeintlicher Belege aufgeführt, einer absurder als der andere.

Haarsträubende Theorien über eine Steuerung der Medien "von oben"

Vor gut fünf Monaten beispielsweise, am 29. September 2015, führte der Journalist und Moderator Carsten Hädler auf N24 ein Gespräch mit dem Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt über die Zustände in Flüchtlingsunterkünften. Es war eine sehr offene Unterhaltung, in der Wendt nicht um kritische Worte für die Regierung verlegen war: "Es muss erst immer überall lichterloh brennen, bis die was auf die Reihe bekommen", so Wendt unter anderem. Im Netz wurde er für diesen Klartext gefeiert. Doch Anfang Oktober verbreitete sich auf einmal das Gerücht, das Video sei aus der N24-Mediathek verschwunden, zensiert worden auf Geheiß des Kanzleramts in Berlin. Aktivisten riefen dazu auf, das Videointerview auf möglichst vielen YouTube-Kanälen hochzuladen, damit – so die Parole – die Wahrheit nicht unterdrückt werden könne. Als Medienbeobachter das Thema schließlich aufgriffen, fühlte N24 sich genötigt, zu reagieren, ich zitiere: "Es ist unwahr, dass (das Video) 'nach kurzer Zeit' wieder aus dem Netz genommen wurde. Auf Nachfrage haben wir das Video sogar an interessierte Zuschauer kurz nach Ausstrahlung über unseren Infoservice zur Verfügung gestellt. Der Vorwurf, wir würden bewusst Videos von unserer Website löschen, weil uns Aussagen 'zu deutlich' waren, ist schlicht Unfug." Dazu stellten die Kollegen ein weiteres Interview mit Rainer Wendt, der versicherte, nie zensiert worden zu sein, und der die Gerüchte gelassen kommentierte: "Unsere Demokratie ist wirklich stark genug, auch solche Diskussionen auszuhalten." Doch wir alle wissen: Das Internet vergisst nicht und so halten sich Gerüchte dort besonders hartnäckig. Bis heute erreichen uns Zuschriften von Lügenpresse-Rufern, die auf den Fall Wendt/N24 hinweisen.

Frau Merkel – oder, wie sie hier bei Pegida-Demonstrationen auch genannt wird "die gefährlichste Frau Europas", muss noch für weiteres herhalten: Im Netz wird allen Ernstes verbreitet, sie sei die Tochter amerikanischer Juden. Überlegen Sie mal, was für ein antisemitisches Klischee darin steckt, Frau Merkel zu unterstellen, sie nimmt als Jüdin Rache an der deutschen "Volkssubstanz", indem sie alle Flüchtlinge, vor allem die muslimischen, ins Land lasse! Und das geben nicht nur Spinner in der Anonymität des Internets von sich, das erzählen auch Menschen, von denen ich bislang dachte, sie hätten noch alle Tassen im Schrank!

Welchen Einfluss solche haarsträubenden Theorien auf unsere journalistische Arbeit haben, zeigt ein Erlebnis der Kollegen von Gruner+Jahr: Das Eltern-Magazin des Hamburger Verlags brachte vor einem Monat seine zweite Ausgabe 2016 mit fünf verschiedenen Covern zum Titelthema "Warum jede Mutter die beste für ihr Kind ist" heraus. Die unterschiedlichen Titelbilder sollten für verschiedene Muttertypen in Deutschland stehen. Vielleicht hat der eine oder die andere von Ihnen die Hefte am Kiosk gesehen. Eines dieser Cover zeigt eine junge, lachende Frau mit ihrem Kind, die Frau trägt Kopftuch. In den darauffolgenden Tagen hagelte es im Verlag am Baumwall unflätige Beschwerden, Beschimpfungen per E-Mail, per Post, Drohanrufe gingen ein. Im Internet spannen sich sogleich Gerüchte um diese Titelgestaltung und vermeintliche Unterdrückungsbotschaften an junge Mütter: Der Verlag Gruner+Jahr gehöre doch zu Bertelsmann und Bertelsmann gehöre doch Liz Mohn und Liz Mohn sei doch eine gute Freundin von Angela Merkel und habe offensichtlich in ihrem Auftrag diesen Muslima-Titel gedruckt, um die Islamisierung Deutschlands voranzutreiben!

Was, meine Damen und Herren, soll man darauf erwidern? Solche Fantasie-Komplotte sind an Absurdität kaum zu überbieten!

Wie kommt es dazu, dass unsere journalistische Arbeit in letzter Zeit so deutlich in Verruf geraten ist? Weil uns mehr denn je zu schaffen macht, was der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen als die "Fünfte Gewalt" bezeichnet. Er meint damit eine kritische Öffentlichkeit, die sich über verschiedene Plattformen im Internet Gehör zu verschaffen versteht. Das ist grundsätzlich durchaus zu begrüßen.

Bei einem Teil dieser Öffentlichkeit jedoch, einem besonders lauten, zementiert sich in den vergangenen Monaten zunehmend ein fataler Eindruck. Weil sie selbst bestimmte Themen oder Ereignisse anders bewerten als es die Medien tun, kommen die Leute, die in dieser Parallelwelt gefangen sind, zu dem Schluss, die Berichterstattung müsse falsch, manipuliert und unwahr sein. Sie leben in einem Spiegelkabinett der Spekulationen und Diffamierungen, in dem sich jedes geäußerte Gerücht endlos vervielfältigt.

Leider gab es gerade in jüngster Vergangenheit Vorfälle, die Verschwörungstheorien wie die eben geschilderten schüren. Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Großstätten sind für mich ein klarer Wendepunkt gewesen. Schlimm genug, dass sie passiert sind! Aber es darf nicht geschehen, dass danach in der deutschen Presselandschaft tagelang nicht darüber berichtet wurde! Was in einer Nacht von Donnerstag auf Freitag geschah, darf nicht erst am Montag bundesweit bekannt und dann zunächst auch nur zögerlich verbreitet werden. Die Medien dürfen nicht von der mangelnden oder weit verspäteten Information der Behörden abhängig sein. Es kann nicht wahr sein, dass das Zweite Deutsche Fernsehen sogar in den Heute-Nachrichten am Montag noch nicht über die Vorfälle in Köln berichtete – oder berichten wollte – und eine zu Recht hoch angesehene überregionale Zeitung am Dienstag dazu nur eine Meldung auf der Vermischten-Seite brachte.

Solche Entwicklungen scheinen fatale Vorurteile zu bestätigen, dass nämlich unliebsame Auswirkungen des Zuzugs von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund bewusst verschwiegen werden. Auch ich kann mich in der Frage, warum die Meldungen über diese Vorfälle so spät kamen, des Eindrucks nicht erwehren, dass bei einigen nicht sein durfte, was nicht sein sollte. Polizei, Behörden und Medien haben in der Kommunikation und transparenten Aufklärung versagt. Dennoch sage ich Ihnen: Auch wenn diese Versäumnisse bis heute unbegreiflich sind, wir sind eben auch ein sich selbst korrigierendes System: Sobald das Thema erst einmal bekannt war, gab es eine hervorragende und ausgewogene Berichterstattung, auch beim ZDF.

Aber die Ereignisse in Köln und die Reaktion der Presse lassen keinen Zweifel zu: Wir Journalisten müssen uns mit den Vorwürfen auseinandersetzen und uns fragen, ob die Kritik an unserer Arbeit in Teilen nicht berechtigt ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir werden uns von Systempresse-Parolen nicht verrückt machen lassen. Meiner Einschätzung nach sind es allenfalls 10 Prozent der Bevölkerung, die so denken. Ich bezweifle sehr, dass wir diese 10 Prozent jemals erreicht haben, ob das also möglicherweise abtrünnige Leser und Abonnenten der FAZ, der Süddeutschen, des SPIEGEL oder der ZEIT sind.

Was mich aber beunruhigt, ist, dass die Zweifel an unserer Integrität mittlerweile weitere Teile der Gesellschaft haben. Sie reichen bis in das Umfeld von Menschen, die unsere Zeitung durchaus lesen, die wir kennen, mit denen wir vielleicht sogar befreundet sind. Ich bin sicher, Sie wissen, wovon ich spreche. Wenn Sie wüssten, wie viele Zuschriften von Lesern und Abonnenten uns wöchentlich erreichen, in denen ganz vernünftig erscheinende Schreiber den Verdacht begründet sehen, dass wir in irgendeiner Art und Weise "gesteuert" seien, wahlweise von der aktuellen Regierung, Dax-Unternehmen oder den USA, Sie würden wie ich erschaudern.

Jeden Journalisten empören solche Beschuldigungen: Wie kann man glauben, ein Anruf "von ganz oben" oder "aus Berlin" reiche aus, damit wir einlenken? Wie kann man uns einer Verschwörung bezichtigen? Uns Journalisten, die – um es mit einem Satz des berühmten Rudolf Augstein zu sagen – doch angetreten sind, um zu "sagen, was ist", zu informieren, Meinungen und Analysen anzubieten. Uns, die wir den NSA-Skandal aufgedeckt, Gurlitt gefunden, Steuerhinterzieher enttarnt und über die Morde des NSU aufgeklärt haben? Noch vor zwei Jahren wurde der VW Golf zum "Gelben Engel", dem Lieblingsauto der Deutschen gewählt – heute sind dank der Kollegen der Süddeutschen Zeitung die Machenschaften des ADAC bekannt und auch VW wird von Journalisten vor sich her getrieben, seit amerikanische Behörden den Abgasskandal öffentlich machten. Wenn Sie wüssten, wie sehr jeder Journalist – vom alten Hasen bis zum blutigen Anfänger – auf einen Scoop wartet! Es gibt für Journalisten keinen größeren Traum, als einmal die Machenschaften eines mächtigen Menschen aufzudecken, der einen wahrhaftigen Skandal am Hals hat, oder den Machtmissbrauch eines Politikers zu entlarven. Denken Sie nur an die drohend klingende Nachricht des Bundespräsidenten Christian Wulff auf der Mailbox des BILD-Chefredakteurs Kai Diekmann oder den Versuch des CSU-Pressesprechers, der 2012 gleich bei mehreren Medien Berichte über den Landesparteitag der bayerischen SPD verhindern wollte. Beiden ist das bekanntlich nicht gut bekommen. Auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben Journalisten in den vergangenen Jahren gelernt, sich erfolgreich zu wehren.

Skandalisierung und Boulevardisierung der Berichterstattung

Ich bin fest davon überzeugt: Wir Journalisten dürfen das einmal in uns gesteckte Vertrauen nicht verspielen. Ginge es beim Vorwurf der "Lügenpresse" um ein paar verlorene Abonnenten, um eine geringere Auflage, es wäre nur ein wirtschaftliches Problem, das jedes Medium für sich regeln müsste.

Doch wie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle betonte, kommt dem kritischen Journalismus eine "maßgebliche" Bedeutung für das Funktionieren der Demokratie zu. Vertrauen immer weniger Menschen auf die Informationen seriöser Medien, so ist folglich unsere Staatsordnung selbst in Gefahr. Oder – um es mit einer Abwandlung eines Brecht-Zitats zuzuspitzen: Stell Dir vor, die Tagesschau läuft und keiner guckt hin!

Ich werde jetzt ein großes Wort in den Mund nehmen, aber lassen Sie mich Ihnen versichern, dass ich das nur tue, weil ich davon zutiefst überzeugt bin: Die deutschen Medien gehören zu den besten, unabhängigsten Medien der Welt. Selbstverständlich müssen wir Kritik üben, auch wenn es – wie Sie sich sicher denken können – gerade Journalisten schwer fällt, Fehler einzugestehen. Aber bei aller notwendigen und berechtigten Kritik dürfen wir nicht die Wertschätzung für all das verlieren, was in Deutschland gut und erhaltenswert ist. Dazu zähle ich – weiß Gott – nicht nur die Medien, wir sind ja in vielen Bereichen Meister der Selbstdemontage! Dennoch bitte ich Sie, mein Loblied auf die deutsche Presselandschaft im Hinterkopf zu behalten, wenn ich jetzt mit meiner Branche hart ins Gericht gehe.

Es besteht kein Zweifel, dass wir in Deutschland gerade eine generelle Vertrauenskrise erleben. Wem soll ich überhaupt noch glauben, fragen sich viele Menschen, an wen kann ich mich halten? Das betrifft Unternehmen genauso wie es – seit den dramatischen Turbulenzen an den Finanzmärkten 2008 – die Banken betrifft. Es gilt für die Kirche nach ihren Missbrauchsfällen und anderen Skandalen, es gilt für die Politik sowieso und ganz besonders gilt es für den Journalismus, denn trotz des erwähnten Medienreichtums glauben eine Menge Menschen in Deutschland an eine "Systempresse".

Vor einem halben Jahr hat die infratest dimap im Auftrag der ZEIT eine Studie zum Medienvertrauen in Deutschland erstellt. Danach haben nur vier von zehn Deutschen ein "sehr großes" oder "großes" Vertrauen in die politische Berichterstattung der Medien. Die Mehrheit, insgesamt 60 Prozent der tausend repräsentativ Befragten, gab an, wenig (53%) oder gar kein (7%) Vertrauen in die Medien zu haben.

Wie konnte es dazu kommen? Man sollte es sich mit einer Herleitung nicht zu einfach machen. Dennoch will ich Ihnen vier Gründe nennen, die meiner Meinung nach dafür maßgeblich sind. Denn wir Journalisten selbst haben auch durch eigene Versäumnisse zu diesem Vertrauensverlust beigetragen.

Im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Lesers oder Zuschauers liefen viele Medien immer heißer. Der Übermut wandelte sich in eine Skandalisierung und Boulevardisierung der Berichterstattung auch in bis dato seriösen Medien um. Die Sensationen überschlugen sich: Kachelmann soll vergewaltigt haben! Guttenberg hat abgeschrieben! Wulff ist bestechlich! Schavan hat ebenfalls plagiiert! Hoeneß hat Steuern hinterzogen! Alice Schwarzer auch! Edathy guckt Kinderpornos! Und: Di Lorenzo hat zwei Mal gewählt! Die Erregung ging bis in die absurdesten Details: Im Fall Christian Wulff beispielsweise stellte ein wichtiger Verlag ganz offiziell die Anfrage: Trifft es zu, dass Christian Wulff bei der Schülerratswahl an seinem Gymnasium in Osnabrück Schüler der Unterstufe mit After-Eight-Schokolade kaufen wollte?

Wenn wir Menschen derart auf den Prüfstand stellen: Wer ist dem gewachsen? Wer von uns wäre es? So ein Blick auf die Gesellschaft zeugt nicht von einem moralischen Kompass, es ist im Gegenteil die Neuauflage des mittelalterlichen Prangers. Ich finde, wir machen es uns als Medien bei der Unterteilung der Welt in "gut" und "böse" oft viel zu einfach und folgen damit auch dem Wunsch nach hochschießenden Klickzahlen oder dem reißenden Abverkauf am Kiosk, statt ein Gegengewicht zu bilden zu der Hysterie, die sich im Netz aufbaut. Ist es wirklich das, was wir als Aufgabe der "vierten Gewalt" verstehen wollen? Ob die Vorwürfe – wie in vielen der genannten Fälle – berechtigt waren, oder, wie sich später herausstellte, in manchen unberechtigt: Wimmelt es in Schlagzeilen nur so vor Ausrufezeichen, kommt die Berichterstattung bereits einer Verurteilung gleich. Da kann es nicht ernsthaft überraschen, dass das Misstrauen und die Häme, die wir beständig gesät haben, nun auf uns selbst zurückfallen. Wir sollten uns also dringender denn je fragen, welche Rolle wir als Journalisten in dieser Gesellschaft spielen wollen. Wollen wir Aufregung erhöhen, Treibjagden anheizen und Hysterien schüren? Oder das genaue Gegenteil davon tun, wofür ich dringend plädiere?

Die ständige Skandalisierung auch aus nichtigem Anlass entpolitisiert auf Dauer Gesellschaften. Sie stößt mehr ab, als dass sie Bindung zum Medium aufbaut. Vor allem aber: Sie verwischt zunehmend den Unterschied zwischen Wichtigem und Unwichtigem, sie führt zur fatalistischen Grundhaltung "Es ist alles schlecht".

Lange bevor Pegidisten und AfD den Begriff der "Systemmedien" wiederbelebten, habe ich in den deutschen Medien bereits einen besorgniserregenden Hang zum Gleichklang beobachtet. Immer wieder höre ich auch von wohlgesonnenen Leserinnen und Lesern dieselbe Frage, die sich manch einer unter Ihnen vielleicht auch schon gestellt hat: Sprecht Ihr Euch eigentlich ab? Ich muss Ihnen nicht sagen, dass wir das natürlich nicht tun, aber dass dieser Eindruck überhaupt entstehen kann, ist für mich ein Alarmzeichen. Das Merkwürdige ist, dass der Konformitätsdruck nicht von mächtigen Medienunternehmern, Regierungschefs oder anderen finsteren Mächten ausgeübt wird. Vielmehr kommt er aus der Mitte unserer Branche, er geht von uns Journalisten aus, zum Teil auch von Lesern und Zuschauern.

Zunächst einmal – das muss man eingestehen – kommt das auch daher, dass unser journalistisches Personal zu einheitlich sozialisiert ist. Unsere Hintergründe sind sich zu ähnlich. Wenn Redaktionen neue Leute einstellen, nehmen sie jemanden, der "zu uns passt". (Als ich diesen Satz das erste Mal öffentlich sagte, bekam ich prompt einen Haufen Bewerbungen von Menschen, die für uns arbeiten wollten und beteuerten, überhaupt nicht zu uns zu passen. – Was aber in vielen Fällen leider auch stimmte!)

Darüber hinaus neigen viele Medien aber auch dazu, sich an die Spitze der Nörgler und Herumhacker zu stellen, weil sie sich davon noch am ehesten das Interesse ihrer Leser und Zuschauer versprechen, die ansonsten der Parteipolitik müde sind.

Und wenn Sie mich fragen: Der Druck aus dem Netz tut das Übrige zur Konformität. Denn wer unliebsame Meinungen äußert, riskiert einen Shitstorm. Auf der "falschen" Seite zu stehen, ist unangenehmer denn je geworden.

Der Umgang von Journalisten mit ihren eigenen Fehlern

Das mangelnde Vertrauen der Leser in die Medien rührt aber nicht nur von Fehlern wie Skandalisierung und Konformität her. Es entsteht auch, wenn Probleme – wie beispielsweise im Zusammenhang mit Migration – kleingeredet werden. Seit Jahren habe ich immer wieder davor gewarnt und mich dann des Vorwurfs erwehren müssen, damit das Geschäft der Rechten anzutreiben. Ich bin der festen Überzeugung, dass Probleme nicht dadurch groß werden, dass man sie erwähnt, sondern dadurch, dass man sie verschweigt.

Es war unsere Aufgabe als Journalisten in den ersten Monaten der Flüchtlingskrise von der Begeisterung und Offenheit vieler Menschen hier im Land zu berichten, die ja überraschend und auch überwältigend großzügig war. Das hatten vor allem die vielen fleißigen Helferinnen und Helfer verdient. So erschien beispielsweise in der ZEIT vom 6. August letztes Jahr ein Leitartikel mit der Überschrift: "Freunde gesucht. Die Flüchtlinge sind ein Glück für Deutschland. Wir müssen es erkennen und gegen Widersacher verteidigen". Natürlich darf man das so intonieren, allemal in einem Meinungsstück, doch dieser Grundton hielt sich über Wochen und wurde medienübergreifend vertreten, ohne dass auch skeptische Stimmen genug zur Sprache kamen. So verfestigte sich der Eindruck, die Medien würden mit Kanzlerin und Regierung in ein Horn blasen. Nach dem Motto: Wer Angst vor zu vielen Flüchtlingen im Land hat, ist ein Modernisierungsverweigerer. Wer eine Obergrenze fordert, befürwortet auch Stacheldraht und den Schießbefehl an der Grenze. Wer sagt, "Wir können nicht alle reinlassen", nimmt den Tod von Menschen in Kauf. Eine solche Politik und Berichterstattung gerät zur permanenten moralischen Erpressung, die uns nicht gut tut und lediglich jene bestätigt, die ohnehin auf der richtigen Seite stehen. Dieses Gefühl aber führt dazu, dass die  gesellschaftliche Mitte in Deutschland sprachlos wird und nicht mehr den Eindruck hat, von der Politik vertreten zu werden.

Und schließlich verfestigt sich bei zu vielen Menschen der Eindruck, Journalisten würden zu dieser Elite gehören, die sie nicht mehr versteht und schon gar nicht vertritt. Einer Elite, die Alltagswahrheiten und -probleme der Menschen nicht mehr wahrnimmt. Denn es geht – gerade in Zeiten, wo internationale Probleme die Schlagzeilen beherrschen – auch noch um andere Themen: Was ist mit steigenden Mieten? Mit Hebammen, die von Versicherungen in die Knie gezwungen werden? Mit fehlenden Kindergartenplätzen und maroden Schulen? Was ist mit Kindern, die mitten in der Gesellschaft verschwinden oder zu Tode geprügelt werden? Was ist mit der schlechten Hygiene in Krankenhäusern und der Zunahme von Wohnungseinbrüchen? So erzählten es Leute, die gefragt wurden, was ihnen in der Berichterstattung fehlt. All diese Eindrücke haben Menschen dieser sprachlosen Mitte im Hinterkopf, wenn die Regierung – wie beispielsweise 2011 und 2012 geschehen – verkündet, Deutschland gehe es gut, oder sogar: "so gut wie nie zuvor". Welche Rolle spielen wir Medien dabei? Wir erzählen durchaus von all diesen Problemen. Und wie Sie sich möglicherweise erinnern, haben wir auch darüber berichtet, dass die Bundesregierung Sätze wie "Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt" oder "Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken" aus dem Armutsbericht 2012/2013 gestrichen hat. Aber noch lieber haben viele Medien sich in dieser Zeit um die Fettnäpfchen und Patzer des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück heißgeschrieben, sodass am Ende die Alltagsprobleme wenig Gehör fanden.

Vergangenes Jahr besuchte Sie hier in Dresden der von mir sehr geschätzte und verehrte Heinz Bude und hielt eine Rede über Pegida. Er stellte fest: "Es existieren eine ganze Menge Leute in unserer Gesellschaft, unten – (im) Dienstleistungsproletariat – und in der Mitte, denen diese Beschreibung Hohn spricht: Dass wir so ein tolles Land sind, und die würden am liebsten sagen: 'Was soll diese Lügnerei'?"

Wir müssen uns fragen lassen, ob wir diesen Menschen und ihren Problemen die ihnen gebührende Aufmerksamkeit geschenkt haben. Beginnt die Entfremdung von unseren Lesern und Zuschauern nicht bereits dort, wo Journalisten sich schon sprachlich nicht so vermitteln können, dass sie auch verstanden werden und so einen Teil der Leserinnen und Leser einfach ausgrenzen? Oder dort, wo sie manchmal auf ihre Zuschauerinnen und Zuschauer mit Herablassung schauen? Kürzlich diskutierte ich mit einem von mir sonst durchaus geschätzten Fernsehkollegen über Florian Silbereisen – kennen Sie den? Silbereisen, der Moderator von Volksmusiksendungen, Freund von Helene Fischer, und selbst Sänger des Schlager-Trios Klubbb3. Was dieser Redakteur dann sagte, hat mir die Schuhe ausgezogen: Silbereisens Sendungen seien "faschistoid", auf Verdummung und Täuschung des Publikums ausgelegt, denn dieses Publikum sei sowieso "AfD-minded". Nun hat dieser Mann keine Macht über die Volksmusiksendung und ist auch sonst kein hohes Tier. Aber diese Art, Zuschauer zu verachten, die einfach nur Freude an Roland Kaiser und von mir aus auch Bernhard Brink haben, das sagt viel über uns, aber ganz wenig über die Zuschauer.

Der vierte Kritikpunkt an meiner Branche, auf den ich hinweisen möchte, ist ein zutiefst menschlicher: Es ist der mangelnde Umgang oder der nur mangelhaft souveräne Umgang von Journalisten mit ihren eigenen Fehlern. Wie bei den bereits erwähnten Skandalen um einzelne Politiker gilt auch für die Medien: Einen Fehler zu machen, ist das eine, der Umgang damit das zweite.

Ich selbst ärgere mich über Fehler grün und blau, besonders über meine eigenen, und natürlich auch über die meiner Redaktion. Fehler sind blöd, ärgerlich, aber leider unvermeidlich. So sehr man sich auch müht: Wer macht, macht Fehler. Und wer Fehler macht, sollte sich dazu bekennen und dafür entschuldigen. Keinem Chefredakteur, keiner Sendung oder Redaktion bricht dadurch ein Zacken aus der Krone. Im Gegenteil: Nichts wirkt wahrhaftiger als das Bekenntnis, trotz des großen Bemühens, alles richtig zu machen, versagt zu haben. Wer sich nicht äußert oder gar Fehler leugnet, nährt die Theorien derer, die mehrere Fehler zu einer Systemfrage verknüpfen.

Dass in diesem Punkt ein Umdenken geschieht, lässt sich seit Anfang des Jahres erkennen: Am 6. Januar entschuldigte sich Elmar Theveßen, der stellvertretende Chefredakteur des ZDF, öffentlich dafür, dass sein Sender zu lange mit einer Berichterstattung über die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht gewartet hat: "Es war ein Versäumnis, dass die 19-Uhr-heute-Sendung die Vorfälle nicht wenigstens gemeldet hat", so Theveßen. "Die heute-Redaktion entschied sich jedoch, den geplanten Beitrag (...) zu verschieben, um Zeit für ergänzende Interviews zu gewinnen. Dies war jedoch eine klare Fehleinschätzung." Nur knapp zwei Wochen später entschuldigte sich auch Heute-Journal-Anchorman Claus Kleber: Er hatte in seiner Sendung vom 30. Dezember 2015 Zweifler an der Flüchtlingspolitik Angela Merkels mit Rechtspopulisten und Neonazis auf eine Stufe gestellt. Das sei "fahrlässig moderiert gewesen", kommentiert Kleber.

Und gerade erst in dieser Woche räumte Klaus Brinkbäumer, Chefredakteur des Spiegel, ein, der "Stoppt Putin jetzt!"-Titel des vergangenen Jahres mit den Gesichtern der Opfer des über der Ukraine abgeschossenen Passagierflugzeugs sei ein Fehler und durch einen handwerklichen Patzer missverständlich gewesen: Dadurch, dass es keine Unterzeile gegeben habe, sei der Titel von vielen Lesern als "Appell zum Eingreifen der Nato im Osten" gedeutet worden, gemeint gewesen seien aber Sanktionen gegen Russland. "Wir haben uns nicht klar genug ausgedrückt", hält Brinkbäumer schließlich fest.

Eingeständnisse dieser Art zeigen eine neue Qualität. Oder können Sie sich den Boss eines Dax-Unternehmens, den Vorsitzenden einer Partei vorstellen, der auch in Detailfehlern so deutlich und selbstkritisch öffentlich Stellung bezieht?

Unsere Leserinnen und Leser sind die Richter

Es gibt aber auch Fehler von Medien, die unmöglich aufgebauscht werden. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür war der Furor, den die Tagesschau zu Beginn des letzten Jahres erlebt hat. Vielleicht erinnern Sie sich: Die Kollegen berichteten vom Trauermarsch durch die Pariser Innenstadt für die Opfer des Anschlags auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo. Dabei blieb unerwähnt, dass die gezeigte Reihe von hochkarätigen Staatsoberhäuptern nicht etwa Teil des großen Trauermarsches war, sondern in einem separaten Block ging. Die Kamerabilder ließen – zumindest in der ersten Berichterstattung – darauf auch keinen Schluss zu. Doch guter Journalismus heißt, möglichst genau zu sein. Es hätte selbstverständlich sein müssen, zu berichten, dass die Staatsoberhäupter aus Sicherheitsgründen vom Rest der Menschen getrennt waren. Sofort wurde der Tagesschau regierungsverherrlichende, zensierte Berichterstattung vorgeworfen. Ich glaube, diese Fixierung auf Fehler hat eine psychologisch entlastende Funktion: Wenn ich meine ganze Emotionalität, meine ganze Wut darauf richten kann, dass die Tagesschau einen Satz nicht gesagt hat, dann muss ich mich mit dem viel wichtigeren Problem nicht mehr auseinandersetzen: dass das nämlich ein Anschlag war auf unsere Zivilisation. Und dass der Westen auch herausgefordert ist, sich zu wehren. Das macht natürlich große Angst.

Meine Damen und Herren, ich sage es nicht gerne, aber: Der journalistische Ruf als unbeteiligte Beobachter steht bei Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern, auf dem Spiel – betrachten Sie nur das Thema Flüchtlinge. Wir selbst sind zum Thema geworden und müssen uns dem Bedürfnis nach mehr Verständnis widmen. Was also können wir in Zukunft besser tun?

Zunächst einmal Aufklärung und Transparenz leisten. Wir können erklären, was wir tun und warum. So simpel das klingt, so nachhaltig wird es wirken, davon bin ich fest überzeugt. Es ist kaum zu erfassen, wie viel Unverständnis und Unkenntnis über den journalistischen Beruf herrscht. Ich möchte Ihnen von einem Fall erzählen, der bereits ein Jahr alt ist, aber exemplarisch für die mangelnde Kenntnis um die Struktur der vierten Gewalt. Die Kollegen Katja Döhne und Max Schmutzer von Spiegel Online waren auf einer Legida-Demonstration unterwegs und wollten mit den Menschen über ihr Verhältnis zu den Medien sprechen. "Das ist ganz einfach", erklärte ein Demonstrant der Reporterin in dem Video, "die Journalisten haben eine Konzession und wer nicht spurt, der ist die Konzession los." Die Reporterin widerspricht: "Jeder darf Journalist sein, selbst Sie dürfen Journalist sein, wenn Sie wollen." Doch der Demonstrant insistiert: "Ja, ich brauche aber eine Konzession." Zum Schluss ist nur noch die verzweifelte Stimme der Reporterin zu hören: "Nein, das stimmt nicht!".

Wir sollten also nicht müde werden, auf die besondere Verankerung der Pressefreiheit in Artikel 5 des Grundgesetzes zu verweisen (– Vielleicht nicht gerade auf einer Legida-Demonstration)! Hin und wieder sollten wir daran erinnern, dass die Berufsbezeichnung "Journalist" nicht geschützt und Zensur verboten ist. Das ist die Basis, um journalistische Arbeit zu verstehen.

Nur wer informiert und kommuniziert, hat eine Chance, der Angst den Wind aus den Segeln zu nehmen. Viele Menschen heute kennen den Unterschied zwischen verschiedenen journalistischen Formaten nicht mehr. So zum Beispiel, dass eine Nachricht Informationen zusammenfasst, ein Kommentar aber ein Meinungsstück ist, das ruhig polarisieren und nicht Allwissenheit demonstrieren soll! Diese Formate gilt es auseinanderzuhalten, viele Kollegen haben dafür schon Maßnahmen ergriffen. So kennzeichnet Spiegel Online seit letztem Jahr Meinungsbeiträge deutlich, um klar zwischen einem auf Fakten basierten Stück und der persönlichen Meinung eines Autors zu unterscheiden.

Wir müssen die Unterschiedlichkeit unserer Meinungen, die in Redaktionskonferenzen der ZEIT durchaus lautstark zu Tage treten, in Leitartikeln und Pro- und Contra-Stücken aufzeigen. Wir müssen uns eingestehen, dass in dieser Welt nicht alles schwarz oder weiß ist. Es gibt auch noch viele andere und sehr schöne Farben.

Wir müssen Haltungen und Tendenzen aufzeigen, dafür sind Kommentare da. Wir haben auch schon große, historische Schlachten geschlagen – die ZEIT beispielsweise für die Ostpolitik, für die Versöhnung mit Israel, für den Schutz der Bürgerrechte. Nur eins dürfen Medien nie: Vorfälle und Verbrechen verschweigen oder kleinschreiben, damit sie der vermeintlich falschen Seite nicht in die Hände spielen. Gerade im Gegensatz zur anonymen Parallelwelt des Internets verstehen wir bei der ZEIT unseren Auftrag in Tradition unserer ehemaligen Herausgeberin und Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff darin, unsere Leserinnen und Leser nicht zu indoktrinieren, sondern ihnen das Material an die Hand zu geben, dass sie benötigen, um sich ihre eigene Meinung bilden zu können. Denn wir sind die Staatsanwälte der Information, Sie aber, als Leserinnen und Leser, sind die Richter.

Darum sollten wir selbst nicht zu Handelnden werden, auch nicht für eine gute Sache, wie beispielsweise eine große Boulevardzeitung mit ihrer "Welcome-Refugees"-Aktion. Es ist meine dringende Empfehlung, auch an alle Kollegen in unserem Haus: Journalisten dürfen nicht befangene Akteure sein, die Kampagnen organisieren, statt kritische Begleiter zu sein. Und das sage ich Ihnen als einer, der 1992 in München zu den Initiatoren der ersten Lichterkette gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Deutschland gehörte.

Deshalb tut Stefan Raue, Chefredakteur des MDR, auch gut daran, eine Partnerschaft bei Benefizveranstaltungen gegen Pegida abzulehnen. Er hält sich und seiner Redaktion damit die Möglichkeit offen, auch über diese Veranstaltung unabhängig und kritisch zu berichten.

Auch wir bei der ZEIT sind gerade dabei, neue Instrumente der Aufklärung zu entwickeln. Seit knapp vier Monaten steht neben großen Artikeln der Informationskasten "Hinter der Geschichte" im Blatt, der unseren Lesern eine Art Making-of anbietet.

Denn häufig sind Menschen heute ganz erstaunt, wenn man Ihnen sagt, dass ein Kollege für eine Reportage fünf Mal an denselben Ort gefahren ist, oder mit 30 Personen gesprochen hat oder eine Person über ein Jahr hinweg 25 Mal getroffen.

Der Journalist wird zunehmend zum Feindbild

"Verlorene Liebesmüh!", werden einige von Ihnen vielleicht denken. Wer einmal "Lügenpresse!" ruft, ist nicht mehr zu retten. Das gilt vermutlich für einen Teil der Menschen, vielleicht auch für einen großen Teil – aber nicht für alle! Darum will ich Ihnen von einem Beispiel erzählen, das mich sehr beeindruckt und in meiner Hoffnung bestärkt hat. Danko Handrick, Chefreporter des MDR, hat letzten Monat während einer Montagsdemonstration von Pegida hier in Dresden Demonstranten angesprochen und eingeladen, ihn einen Tag lang in der Nachrichtenredaktion zu besuchen und sich selbst anzusehen, wie dort gearbeitet wird. Zwei wohlsituierte ältere Herren, beide bereits seit über einem Jahr jeden Montag für Pegida auf der Straße, haben das Angebot tatsächlich angenommen. Der "Feindkontakt", wie es witzelnd im Bericht heißt, verlief erstaunlich: Die beiden nahmen an Themenkonferenzen und Sendungskritiken teil, lernten die Abläufe der Redaktion und die Gesichter hinter den Namen kennen. Am Ende wohnten sie sogar dem Schnitt des Beitrags über ihren eigenen Besuch bei. Fazit des Pegida-Anhängers Herrn Hempel: "Der Tag war für mich sehr interessant, da ich niemals wusste, wie so etwas funktioniert, und ich bin auch überzeugt, dass die Dinge, die hier dargestellt werden, zumindest in den Hauptpunkten (...) richtig sind."

Es ist eine alte Weisheit, dass Beziehungen Arbeit bedeuten. Um das Verhältnis der Medien zum verunsicherten und skeptischen Teil der Bevölkerung dauerhaft zu verbessern, sind kleine Schritte nötig. Wir Journalisten sollten nicht mit den Hetzern, aber mit den Skeptikern sprechen, wir sollten die Zweifler mit Transparenz und Argumenten überzeugen! Und wir können das auch!

Wenn die Menschen vor allem der Berichterstattung glauben, die Freunde oder Bekannte ihnen schicken und posten, weil sie denen vertrauen und Journalisten nur Unbekannte für sie sind, müssen wir daraus Konsequenzen ziehen und persönlicher werden. Denn schon jetzt, sind wir, die Mitarbeiter der ZEIT, Ihnen ja nicht unbekannt! Die persönliche Note hat bei der ZEIT von jeher Tradition, das konnten Sie unter anderem in unserer Jubiläumsausgabe zum 70. Geburtstag vergangene Woche erkennen. Denken Sie an Personen wie unseren Gründer Gerd Bucerius, die Gräfin Dönhoff, Helmut Schmidt, Theo Sommer, Iris Radisch – nicht alle davon werden Sie mögen, aber sie alle haben ein Gesicht. Und auch in Zukunft laden wir Sie ein, die Macher der ZEIT kennenzulernen. Gerade haben wir auf ZEIT ONLINE die Profilseiten aller Autoren ausgebaut, sodass sie nun jedem ins Gesicht gucken können. Wir laden Sie damit ein, die Menschen hinter den Nachrichten kennenzulernen, zu sehen, wie wir recherchieren und arbeiten.

Für die meisten von uns ist dieser Beruf der beste und spannendste, den wir uns vorstellen können. Eine gute Redaktion besteht neben Skeptikern und Kritikern auch aus einer Menge Idealisten, die wissen, dass sie mit ihrer Arbeit einen Unterschied, manchmal die Welt auch ein bisschen erträglicher machen können.

Und es ist viel passiert, was die Welt bewegt hat, gerade im vergangenen Jahr. (Herr Löbbers sagte, es sind gute Zeiten für den Journalismus, ich würde mal sagen, es sind zumindest sehr fordernde und anstrengende Zeiten für den Journalismus.) Wir haben in der ZEIT viele neue Projekte verwirklicht. Vor allem aber sind wir immer wieder auch durch aktuelle Nachrichtenlagen getrieben worden. Solche Situationen prägen unseren Redaktionsalltag sehr und wenn ich Ihnen jetzt von einem Beispiel, nämlich der aufreibendsten Woche bei ZEIT und ZEIT ONLINE im vergangenen Jahr, erzähle, dann werden Sie vielleicht merken, wie weit diese Beschreibung von der absurden Theorie entfernt ist, wir würden erst einmal abwarten, dass uns jemand aus dem Bundeskanzleramt in Berlin oder sonstwo Anweisungen gibt.

Es war die Woche vom 10. November, die Woche, in der unser verehrter Herausgeber Helmut Schmidt gestorben ist, der 32 Jahre lang die Geschichte unseres Blattes maßgeblich prägte. Viele Kollegen hatten das vorherige Wochenende, an dem wir jede Stunde mit der Todesnachricht rechnen mussten, durchgearbeitet, um unsere Sonderausgabe vorzubereiten. Eine – wie ich weiß – für Nicht-Journalisten makaber erscheinende Routine. (Ich muss gestehen, dass wir vor 10 Jahren schon die erste Sonderausgabe zum Tod von Helmut Schmidt fertiggestellt hatten, nur hatte er in der Zwischenzeit eine Menge der Journalisten, die daran mitgewirkt hatten, überlebt.) Auch uns fiel es in diesem besonderen Fall alles andere als leicht. Als Helmut Schmidt schließlich starb, fühlte sich die Printredaktion am Speersort in Hamburg für einige Stunden wie der Mittelpunkt der internationalen Trauer an: Unentwegt klingelten die Telefone, fragten Kollegen Interviews und Drehgenehmigungen an, suchten Gäste für Sondersendungen, riefen Weggefährten und ehemalige Staatspräsidenten an, um zu kondolieren. Auf ZEIT ONLINE trugen sich währenddessen Hunderte in einen Trauerblog ein. An diesem Nachmittag und Abend produzierten wir nicht nur bis 16 Uhr die Sonderausgabe, sondern bis zehn Uhr abends auch die reguläre Ausgabe – ein Mammutprojekt!

Die folgenden Tage sahen ähnlich aus: Wir kommunizierten, wir trauerten, wir fanden uns zusammen und sprachen über Helmut Schmidt. Erst gen Ende der Woche flaute die Aufregung ab, wiewohl täglich weitere E-Mails und Trauerbriefe bei uns eintrafen. Erschöpft und traurig gingen viele Kollegen am Freitag ins Wochenende.

Doch der Nachrichtentag war noch längst nicht zu Ende. Die meisten von uns waren schon dabei, ins Bett zu gehen, als uns die ersten Meldungen über die furchtbaren neuen islamistischen Anschläge in Paris erreichten. Im Pariser Stadion fand an diesem Abend ein Freundschaftsspiel der französischen gegen die deutsche Nationalmannschaft statt. Was mit einigen dumpfen, in der Übertragung hörbaren Knallen begann, entwickelte sich zu einer brisanten Nachrichtenlage: Als erste war die Online-Redaktion in Berlin gefragt. Innerhalb der folgenden zwei Stunden loggten sich in ihren Wohnungen in Berlin und Hamburg gut zwei Dutzend Kollegen in den Redaktionschat ein. Egal, ob für Kultur oder Wissen, Sport oder Politik zuständig, fragten sie: Was können wir tun? Was braucht ihr? Die aktuelle Berichterstattung stand kurz darauf, doch nachts taten sich noch Lücken auf. "Kein Problem", schrieb ein Kollege, "ich leg mich kurz hin und übernehme ab 3 Uhr!" Unser Print-Korrespondent in Paris, Georg Blume, lieferte noch im Laufe der Nacht drei Artikel für Online. Am nächsten Morgen kamen ein politisches Essay aus Hamburg und ein Stück der Investigativ-Kollegen "Was wir über die Anschläge wissen". Und – was bis heute niemand außerhalb der ZEIT ONLINE-Redaktion weiß: Während rund 45 Kollegen statt der sonst üblichen 4 bis 6 Wochenenddienst in der Berliner Redaktion schoben, brach der Internetzugang zusammen. Ohne Zugriff auf die eigene Seite schnappten sich die Onliner kurzerhand alle greifbaren Laptops und zogen ins nahegelegene Café um, um für die folgenden drei Stunden das dortige WLAN zu nutzen. Er habe so etwas noch nie erlebt, erzählte mir Markus Horeld, unser stellvertretender Chefredakteur von ZEIT ONLINE, der die Berichterstattung in diesen Tagen koordinierte, später. "In dieser Nacht", sagte er, "war ich so verliebt in diese Redaktion – und dieses Hochgefühl hielt das ganze Wochenende an!"

Und trotzdem: Niemand muss uns Journalisten lieben. Aber wo Kollegen und Kolleginnen Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt sind, da haben jedes Verständnis und jede Toleranz ein Ende. Vor allem aus der rechten Ecke wird der Journalist an sich zunehmend als Feindbild aufgebaut. Zunächst mit Worten, das habe ich Ihnen zu Beginn meiner Rede am eigenen Beispiel beschrieben. Doch es bleibt nicht bei verbalen Attacken dieser Art, zunehmend wird von Übergriffen auf Journalisten berichtet. Im Januar 2015 stand die MDR-Journalistin Uta Deckow bei einer Pegida-Demo hier in Ihrer Stadt an der Bühne, als ein Ordner ihr zuraunt: "Ich schlage normalerweise keine Frauen, aber bei dir mach ich schon mal eine Ausnahme." Mitte September letzten Jahres wurden ein MDR-Reporter und ein Mitarbeiter der Dresdner Neuesten Nachrichten von Teilnehmern einer Pegida-Demo getreten und geschlagen – unter Applaus der Mitdemonstranten. Diese Beispiele sind längst keine Einzelfälle und sie beschränken sich nicht auf Dresden. Die Leipziger Internetzeitung, die seit über einem Jahr über die Aufmärsche von Legida berichtet, hat vergangene Woche angekündigt, ihre Live-Berichterstattung einzustellen, weil sich die Kollegen – stellen Sie sich das bitte mal vor! – von der Polizei nicht mehr ausreichend vor den Übergriffen der Demonstranten geschützt fühlen! An dieser Stelle, meine Damen und Herren, wo ein Grundrecht zugunsten der eigenen Sicherheit aufgegeben wird, muss ich wirklich einmal den historischen Vergleich zu sehr belasteten Zeiten ziehen, was ich sonst nie tue: Das klingt für mich nach Weimar! Ein Staat wird so lange akzeptiert, wie seine Regeln für alle gelten, durchgesetzt werden und die Nichteinhaltung auch mit allen Konsequenzen geahndet wird. Das gilt für stehlende und grapschende Migranten aus Nordafrika ebenso wie für pöbelnde Demonstranten in Clausnitz oder Brandstifter in Bautzen. Das gilt für einen Gewalttäter, der aus fremdenfeindlichen Motiven die spätere Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker mit einem Messer lebensgefährlich verletzte, genauso wie für den, der mit einer Schreckschusspistole auf einen Mann in Karlsruhe geschossen hat, der AfD-Plakate anbrachte. Diese Täter müssen das Gesetz unverzüglich und unmittelbar zu spüren kriegen – alles andere ist ein Freibrief für weitere Aktionen. Umso konsequenter, dass Arno Schupp, Ressortleiter Berlin/Brandenburg bei der Berliner Zeitung, vor einem Monat verkündet hat, die Berliner Zeitung werde ab sofort juristisch gegen alle vorgehen, die ihre Redakteure bedrohen oder diffamieren – das gilt auch für Kommentare in sozialen Netzwerken. Diese Übergriffe müssen aufhören, sie sind eine Schande für unser Land und ein Generalangriff auf die Freiheit der Berichterstattung.

Wir dürfen uns von diesen Gewalttaten auch nicht entmutigen lassen. Wir Journalisten werden auf unsere Weise um die Zukunft unserer Branche kämpfen müssen: Das Vertrauen unserer Leser, Zuschauer, Zuhörer ist eine Prämisse für funktionierenden Journalismus. Ist diese Voraussetzung nicht mehr gegeben, ist die schönste Recherche nichts wert. Unsere Arbeit besteht nicht nur darin, den Mächtigen auf die Finger zu gucken. Qualitätsjournalismus, so wie ich ihn verstehe, muss die Menschen dazu befähigen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden, um am politischen Prozess teilnehmen zu können.

Wir sollten aus der polarisierten Stimmung in Amerika lernen, wo es oft nur noch extreme Positionen und schrille öffentliche Debatten zu geben scheint. Einer solchen Entwicklung müssen wir zuvorkommen, indem wir eine Stimme der Vernunft dagegensetzen. Die Stimme von Medien, die Menschen nicht öffentlich verurteilen, bevor nicht alle Fakten geklärt sind, und die das Lebenswerk eines Menschen in Beziehung zu einzelnen Fehlern setzen und nicht einzelne Fehler über dessen Lebensleistung stellen. Medien, die nicht nur alle paar Wochen ein einziges neues, alles beherrschendes Thema kennen und dann eine neue Sau durchs Dorf jagen. Medien, die nicht mit den Wölfen heulen, die Lesern gerade auch Unbequemes zumuten und sich mit verschiedenen Meinungen auseinandersetzen.

In der ZEIT gibt es dafür Platz und muss es immer Platz geben und erlauben Sie mir jetzt ein pathetisches Schlusswort, denn es kommt von Herzen: Ich werde bis zu der Stunde, in der man mich feuert oder auch ehrenvoll verabschiedet oder von mir aus auch aus der Redaktion trägt, dafür kämpfen. Umso glücklicher bin ich, in einer Redaktion voller Kollegen zu sitzen, die das genauso sehen.

Und Ihnen, meine Damen und Herren hier in Dresden, möchte ich zurufen: Ich weiß, dass die Stimmen der Vernunft es gerade verdammt schwer haben. Ich weiß, wie vergiftet das Klima nicht nur in dieser Stadt ist. Erst vorgestern schrieb mir ein junger Mann, "im Bekanntenkreis, in der Familie, man ist nirgends mehr sicher vor bösen Überraschungen und man erlebt Leute, von denen man nie gedacht hätte, dass sie so denken. Manchmal betrifft das sogar die eigenen Eltern."

Und trotzdem: Bleiben Sie bei Ihrer Meinung! Stehen Sie für Ihre Überzeugungen ein! Zaudern Sie nicht, denn Sie sind die Mehrheit, nicht die anderen! Sachsen braucht Sie! Das ganze Land schaut auf Sie! Lassen Sie sich bitte nicht Ihren Mut nehmen!

Ich danke Ihnen!