Als Kind mochte ich – wie so viele Kinder – die Geschichte von Moses: in einen Korb gebettet und hinaus aufs Wasser gestoßen, das Flussufer hinter sich lassend, auf der Flucht von einem Ort zu einem anderen. Zwischen diesen beiden Orten erstreckt sich die Hoffnung auf Neuanfang. Wahrscheinlich teilen deshalb noch immer unzählige Kinder diese Fantasie. Mein eigenes Kind, gerade mal eineinhalb Jahre alt, ist jetzt schon fasziniert von Schiffen, die auf dem Wasser treiben.

Adania Shibli ist eine palästinensische Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt zwischen Berlin und Jerusalem und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Doch uneingeschränkte Freude empfinden heute längst nicht mehr alle beim Anblick von Schiffen und beim Gedanken an die Reise über das Wasser. Nicht all die Kinder und Erwachsenen, die das Mittelmeer überquert haben und von den Küsten Libyens, Ägyptens oder der Türkei nach Europa aufbrachen. In einer Flüchtlingsunterkunft in unserem Viertel kritzelt ein kleines Mädchen, das vor Kurzem mit seiner Familie aus Syrien angekommen ist, etwas auf Papier, das wie ein Boot aussieht. Ihre Mutter erklärt, dass sie unter Albträumen leidet, in denen Boote eine wichtige Rolle spielen. Nun, da sie in Berlin angekommen sind und so viele Menschen ihnen Hilfe anbieten, hegt die Mutter Hoffnungen auf ein besseres Leben. Bei anderen hat genau diese Hilfe neue Ängste ausgelöst – die Angst, zur Last zu werden.

Trotz der Brandanschläge auf Flüchtlingsheime, trotz der Vorurteile, Pauschalverurteilungen und laufenden Gesetzesverschärfungen, werden Geflüchtete hier weiterhin mit Großzügigkeit überschüttet. Frauen und Männer, säkular und religiös, Alteingesessene und Zugezogene, mit deutschem oder Migrationshintergrund, aus der Mittelschicht oder arbeitslos, jung oder alt – sie alle wollen helfen und die Neuankömmlinge unterstützen. Es sind großherzige Gesten, die bleibende Spuren in der Gesellschaft hinterlassen werden. Und durch die vielen Engagierten wird auch ein wichtiger Aspekt offengelegt, der sonst so selten sichtbar wird: die außerordentliche Vielfalt dieser Gesellschaft.

Dankbarkeit und Abhängigkeit

Doch die Reaktionen auf die Massengroßzügigkeit sind zum Teil ambivalent. Viele Flüchtlinge empfinden Dankbarkeit und fühlen sich in dieser Situation der Abhängigkeit doch nicht wohl. Es war H., die mich darauf aufmerksam machte, als ich mich vor ein paar Wochen zum ersten Mal mit ihr traf.

H. ist eine der Zehntausenden, die vor Kurzem in Deutschland angekommen sind. In dem Land, in dem sie geboren wurde – Irak – sah sie keine Zukunft mehr. In dem Land, wo sie den Großteil ihres Lebens verbracht hat – Syrien – auch nicht. Beide Länder versanken im Krieg und verwandelten sich in Orte, wo der Tod nun allgegenwärtig ist. So begann sie ihre Reise hin zur letzten möglichen Hoffnung. Und der Anblick der vielen Menschen, die ihr auf dem Weg und nun am Ziel zu Hilfe kamen, veränderten etwas in ihr. Sie stellten ihr Vertrauen in die Menschheit wieder her, das die Kriege in der Heimat erschüttert hatten. H. fragte sich: "Wenn es in der Welt so viel Gutes gibt, wie konnte in meiner Heimat dann so viel Böses entstehen?" Doch schon bald fühlte sie sich in Deutschland wie eine Last – jemand, dem alles gezeigt, erklärt und möglich gemacht werden musste. Genau das wollte H. nie sein: eine Belastung.

Sie betont, dass ihr dieses Gefühl niemals von den Menschen vermittelt würde, die ihr helfen. Vielmehr sei es etwas, das sie tief im Innern spüre. Für sie ist die Abhängigkeit, die sie als Flüchtling erlebt, eine völlig neue und befremdliche Erfahrung. Gänzlich konträr zu dem Leben, das sie bis zu dem Augenblick führte, als sie ihre Heimat verließ. Wie viele von uns hat H. früher ganztägig gearbeitet. Ihre Arbeit war für sie nicht nur Selbstzweck, sondern auch ein Weg, der Gesellschaft zu dienen. Bei ihrer Ankunft hier hatte sie gehofft, in diesem Sinne weitermachen zu können. Doch bisher ist das nicht möglich gewesen. Statt sich gesellschaftlich einzubringen, hängt ihr Überleben noch immer von anderen ab. Sie befürchtet, dass diese anderen sie bald als Last empfinden könnten.

H. weiß, wie schnell es gehen kann, andere Menschen so zu betrachten, und dass sie es mittlerweile selbst manchmal tut. Als sie im Flüchtlingsheim ankam, lebten dort wenige Dutzende Geflüchtete, zuletzt kamen ein paar Hunderte dazu. Sie erzählt, wie schwer es ihr gefallen sei, die Neuankömmlinge aufzunehmen, und wie sich bei deren Ankunft die Dinge verändert hätten. "Wenn ich schon diese Gefühle hatte", sagt sie, "ich, die ich erst seit ein paar Monaten hier bin und genau wie sie als Geflüchtete ankam … Wie muss sich dann der gewöhnliche Deutsche fühlen?"

Seitdem sie hier ist, trägt H. die Last, eine Belastung zu sein – mit einer Ausnahme. Einmal versuchte eine Hebamme, sich mit einer Frau zu verständigen, die im Flüchtlingsheim ein Baby entbunden hatte und brauchte Unterstützung bei der Übersetzung vom Englischen ins Arabische. H., die einen Abschluss in Anglistik hat und viele Jahre als Englischlehrerin arbeitete, bot ihre Hilfe sofort an. Es war das erste Mal seit Langem, dass sie sich nicht als Last empfand. Tatsächlich scheinen viele Neuankömmlinge jede Gelegenheit zu nutzen, selbst zu helfen, angefangen von Übersetzungsdiensten bis hin zum Zeichnen von Plänen, die anderen Flüchtlingen als Wegweiser für ihre Bedürfnissen dienen. Für H. war es dieser eine Moment auf Augenhöhe – der Moment, in dem sie jemand sein konnte, der nicht nur nimmt, sondern auch zurückgibt. Dieser Moment machte es möglich, dass sie die Hoffnung auf einen echten Neubeginn wiederfand. Eine Hoffnung, die sie und so viele andere dazu getrieben haben, sich auf die lange Reise übers Wasser zu begeben.

Übersetzt von Ekpenyong Ani