Völlig abgesehen davon, ob "wir", die deutschen Bürger, es schaffen, könnte man doch beginnen zu fragen: Schaffen die das?

Schaffen es die Flüchtlinge?

Wieso stellt sich diese Frage angesichts der immensen Verluste und des Leids, das die Geflohenen erfahren haben, in Deutschland zu keinem Zeitpunkt? Wieso dreht sich keine einzige deutsche Talkshow um die Perspektive der Geflohenen? Und wieso wissen wir so wenig über die Lebensverhältnisse der Iraker, Afghanen und Syrer, wo sie doch zu Tausenden in unserem Land leben? Sie müssten unsere politischen Korrespondenten sein. Nur sie können detailliert berichten, was ihnen widerfuhr und welche politischen Perspektiven sie sich für ihre Heimatländer vorstellen und wünschen.

Aber alles Spekulieren, Diskutieren und Politisieren geschieht aus der Sicht der Deutschen. Wir kreisen immer um uns. Es dreht sich stets um die Angst, die "wir" vor "ihnen", den Fremden, haben. Um die Erschöpfung unserer Helfer. Um die Sorgen unserer Politiker. Um die Anstrengung unserer Kommunen. Um die Lösungen, die "wir" mit den Diktatoren vor Ort treffen müssen. Unsere Kapazitäten, unsere Machbarkeit, unsere Ressourcen, kurz, wir, die Egogesellschaft, rücken uns ins Zentrum aller Debatten.

Die schutzsuchenden Asylbewerber sind in diesem Land darauf angewiesen, dass sie in der Öffentlichkeit eine Stimme bekommen, die durch unermüdlichen Protest stellvertretend für sie um ein würdiges und gesundes Leben in Deutschland kämpft. Nichts ist selbstverständlich. Kein Brot, kein Wasser, kein beheiztes Zelt, keine Decken, keine Medikamente. Es ist nicht der Staat, der die Flüchtlinge in Schutz nahm, sondern es waren die Bürger, die im Widerstand zu einem nicht funktionierenden Staat dafür sorgten, dass es Notfallbetreuung und Erstversorgungen gab. Die politischen Parteien haben derzeit keinerlei Skrupel, sämtliche Bedenken der rechtsradikalen Kräfte in ihre politischen Programme zu integrieren, aber sie haben immense Skrupel, in der Öffentlichkeit souverän aufzutreten und für die Sache der Flüchtlinge einzustehen. Die Folge sind weitere Asylrechtsverschärfungen an einem Asylgesetz, das es eigentlich schon lange nicht mehr gibt.

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Im Moment gestaltet sich der Diskurs so, dass die Aufnahme der Flüchtlinge zähneknirschend erfolgt war, weshalb alles, was den Flüchtlingen zugute kommt, wie Impfungen oder Schulpflicht, der Öffentlichkeit als Maßnahmen erklärt werden, die man gezwungen war zu ergreifen. Kaum einer traut sich zu sagen: Es ist mir eine Ehre, alles Menschenmögliche für die Flüchtlinge zu tun. Was diese Erfahrungen bei den Flüchtlingen selbst auslöst, können wir nicht wissen, müsste man abwarten, aber sozialpsychologisch ahnen kann man es schon. Ablehnung und Abwertung in gesellschaftlichen Systemen führt zu einem Gefühl der Ohnmacht. Und diese Ohnmacht ist Sprengstoff für nachfolgende Generationen. Menschen, die am Limit leben, sind sensibel und werden früher oder später spüren, dass sie nicht willkommen sind.  

Wenn Jens Spahn, CDU, davon spricht, dass noch mehr Flüchtlinge uns "politisch-kulturell" zerreißen würden, dann ist das keine Politik mehr, sondern primitiv. Die Flüchtlinge kommen aus Kriegsländern. Sie sind politisch-kulturell zerrissen, nicht wir. Sie kommen aus dem Irak, aus Afghanistan und Syrien und haben Gesellschaften erlebt, die es nicht schafften, Vielfalt zu leben. Deshalb sind sie hier, die vielen Iraker, Syrer und Afghanen, die, wenn man genau hinschaut, über unterschiedliche Religionen und Ethnien verfügen. 

Unser Diskurs "Millionen Muslime in diesem Land" hat mit der Realität nichts zu tun. Eben, weil sie nicht alle Muslime sind, kam es in ihren Ländern zu gesellschaftlichen Spannungen. So mancher Syrer ist eigentlich Kurde und mancher Kurde ist Jeside und mancher Jeside ist Iraker und mancher Iraker ist Christ. Aber wir wollen es nicht wissen. Wir wollen noch fünf laminierte Badeordnungen mit verstörenden Verhaltensbildern zeichnen und noch drei Fernsehrunden darüber diskutieren, wie wir uns vor den Angriffen der Flüchtlinge schützen können. 

Es ist alles so armselig und hysterisch. Deutschland hat es, so zumindest der derzeitige Eindruck, verlernt, was Krieg und Vertreibung mit Menschen anrichtet. Wir haben es verlernt, das Leid der anderen zu unserem Leid zu machen. Diese Denkleistung ist aber die wichtigste Voraussetzung für Solidarität.