"I am losing hope in Europe", schreibt M. Grund zum Jubeln für die europäische Flüchtlingspolitik, denn genau das wird von ihr beabsichtigt in diesen Tagen: M. ist ein junger Syrer, und Syrer sollen, wie auch alle anderen Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten, nicht mehr auf Europa hoffen, es soll Schluss sein mit den "Pull-Effekten", sie sollen sich keine Chancen und keine bessere Zukunft in Europa mehr ausrechnen.

Das ist die Logik, die zur Zeit europaweit am Werke ist und der sich Angela Merkel mit letzter Kraft entgegenstemmt: nur noch Abschreckung, egal, welche Fluchtgründe vorliegen, und auch egal, wie sehr wir alle von den Neuankömmlingen hier profitieren könnten. Sollen die Menschen vor den Toren Europas verrecken, es sind eh schon zu viele hier – so wird inzwischen in weiten Kreisen gedacht. Hinter jedem Flüchtling sieht man die Fratze eines Terroristen oder Vergewaltigers, hinter jedem Syrer tausend Marokkaner mit falschen Papieren, die nicht mehr nach Marokko zurückgeschickt werden können, hinter jedem für sich genommen eigentlich zu bewältigenden Problem den Schatten eines riesigen Monsters, das uns in unserer Existenz zu bedrohen scheint und uns in unsere Mauselöcher treibt.

Marion Detjen ist Publizistin und Historikerin. Sie arbeitet am Zentrum für Zeithistorische Forschung. Ihre derzeitigen Schwerpunkte liegen auf der Historiografiegeschichte der innerdeutschen Mauer, der Verlagsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Gender und den Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. 2005 erschien ihre Doktorarbeit mit dem Titel "Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961-1989" beim Siedler Verlag. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Wenn ein Mensch wie M. die Hoffnung verliert, dass Europa für ihn ein Ort der Rechtlichkeit und Freiheit bleiben könnte, dann empfinde ich das als ein vernichtendes Urteil. Ich werde jetzt nicht die Geschichte von M. erzählen, denn es ist seine Geschichte. Wer sie hören möchte, soll dafür sorgen, dass die Bedingungen dafür geschaffen werden, damit M. eine Stimme bekommt und für sich selbst sprechen kann. Aber M. bedeutet mir viel, genauso wie S., oder H., oder Y., nicht nur, weil ich sie kenne und lieb habe, sondern weil sie aus ihrer Position Dinge sehen, die ich aus meiner nicht sehen kann, die wir aber dringend sehen sollten, wenn wir uns selbst erkennen und weiter entwickeln wollen. Ihre Erfahrungen finden sich nicht im öffentlichen Diskurs. Sie kommen nur als Abziehbilder unserer Klischees des "armen Flüchtlings" vor, der Unvorstellbares erlebt hat, dankbar für jede Tasse Tee ist und nun nichts lieber möchte als den Ärztemangel in der ostdeutschen Provinz beheben.

Auch ich hänge an einem Klischee, aber an einem anderen: Ich stelle mir vor, M. sei eine wieder geborene Hannah Arendt, ein neu auf die Welt gekommener Uwe Johnson. M. verkörpert für mich den Universalismus des Intellektuellen. Wenn er als vertriebener und heimatloser Intellektueller in Europa keine Zukunft bekommt, dann möchte ich ebenfalls nicht mehr auf Europa hoffen.

M. wird wohl in die USA gehen, wo es Elite-Universitäten gibt, die jungen, begabten Leuten aus Krisengebieten Vollstipendien verschaffen und von ihnen keine Assimilation oder Integration verlangen, sondern geradezu gieren nach Diversität und Heterogenität. Selbst ein Donald Trump kann an diesem Diversitäts- und Freiheitsvorsprung Amerikas gegenüber Europa nichts ändern, ebenso wenig wie ein Joseph McCarthy in den fünfziger Jahren daran etwas ändern konnte. M. wird in die USA gehen, obwohl er eigentlich lieber in Europa bleiben würde. Europa versprach in den letzten Jahrzehnten immer wieder Freiheit UND Solidarität, während die USA seit jeher Freiheit versprechen, aber Solidarität verweigern. M.s Familie ist in Europa; die USA haben fast keine syrischen Flüchtlinge aufgenommen. Die Rosinenpickerei und Exklusivität der amerikanischen Eliteuniversitäten wirkt abstoßend. Dennoch bleibt jemandem wie M. am Ende des Tages keine andere Wahl: Ein Europa, das wieder im Nationalismus versinkt, das Grenzbäume hochzieht und hinter Schengen zurückfällt, ist für einen Heimatlosen kein guter Platz.

Westbalkanroute - Der beschwerliche Weg in Richtung Asyl Seit Anfang des Jahres sind über 100.000 Flüchtlinge über die Westbalkanroute nach Europa gekommen. Die Europäische Union ringt um die Verteilung der mehr als eine Million Schutzsuchenden, die 2015 kamen.

Viele Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler, die 1940/41 in die USA emigrierten und von dort aus unser Denken bis heute geprägt haben, wären damals auch lieber in Europa geblieben. Ich habe lange nicht verstanden, wie Frankreich im Krieg so vernagelt sein konnte, die aus Deutschland vertriebenen Flüchtlinge in Lager zu sperren und als feindliche Ausländer zu behandeln, obwohl sie doch seine engsten Verbündeten waren und nichts lieber getan hätten, als die französische Demokratie und den Rechtsstaat gegen die Nazis zu verteidigen. Jetzt verstehe ich es. 

Die moralische, politische und intellektuelle Selbstaufgabe, mit der jetzt Werte über Bord geworfen werden und längst überwunden geglaubte Essentialismen und Vorurteile wieder hoffähig werden, erinnert in mancher Hinsicht an den desolaten Zustand Frankreichs am Ende der III. Republik. Es ist die Angst vor der Veränderung. Und von dieser Angst führt ein gerader Weg in die Kollaboration mit den Unrechtsregimen und Diktaturen der Welt. Hannah Arendt und ihre Freunde haben das am eigenen Leib erfahren und Europa die Hoffnung entzogen, so wie M. heute Europa die Hoffnung entzieht.