Liebe Leser, wie halten Sie es mit dem Gendern? Entschuldigung – hätte ich Leser/innen, LeserInnen oder Leser:innen schreiben sollen? Oder den wandernden Unterstrich benutzen sollen: Lie_be Le_serinnen? Oder etwa, besonders beliebt, die neutrale Form: Liebe Leserschaft? Oder verstehen sich manche von Ihnen als nicht so eindeutig einem Geschlecht zugehörig oder als transsexuell? Dann hätte ich mich des Konzepts Exit gender bedienen und die x-Form verwenden, also Leserx – gesprochen Leseriks – schreiben können. Oder ich hätte die Sternchenform genommen: Leser*. Das Sternchen kennt man von Internetsuchmaschinen, es kann alles Mögliche andeuten. Deswegen wird es als gut geeignet befunden, auf uneindeutige Geschlechterzugehörigkeit hinzuweisen. Ich entscheide mich meist für den Slash. Aus reiner Gewohnheit. Oft wähle ich aber auch Umwege: Schülerschaft statt Schüler.

Texte gegendert zu schreiben, braucht Übung und Geduld. Und im Falle einer Veröffentlichung, egal ob online oder gedruckt, sind sie auch noch auf das Wohlwollen der übergeordneten Redakteure/innen und Chef/innen vom Dienst angewiesen. Sie müssen viele Hürden überwinden: Selbst Onlinetexte, bei denen es nicht wie bei gedruckten Texten so sehr auf die genaue Zeichenzahl ankommt, schaffen es oft nicht gegendert an die Oberfläche. Dabei ist Gendering – als Teil der Strategie Gender-Mainstreaming – seit gut 16 Jahren eines der schriftlich festgehaltenen gemeinsamen Ziele der Europäischen Union.

Seitdem kommt es doch etwas häufiger vor, dass Frauen, immerhin etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, in Behördentexten sprachlich sichtbar gemacht werden. Nicht immer auf die eleganteste Art und Weise, aber nun gut, daran kann ja gearbeitet werden.

Antidiskriminierende Ideen erwünscht

Um mehr über gegenderte Texte herauszufinden und um mit meinen jahrelang antrainierten Gewohnheiten zu brechen, nehme ich an einem Workshop zu Sprachveränderung teil, der sich speziell an Journalisten/innen richtet. Geleitet wird er von Lann Hornscheidt. Lann, groß gewachsen, lebhaft, bebrillt, hat eine Professur für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität zu Berlin. Erst mal stellen wir uns vor: Wer sind wir, und vor allem: mit welchem Pronomen bezeichnen wir uns, mit er, sie oder gar keinem? Alle außer Lann entscheiden sich für sie oder er; keine/r der Teilnehmenden versteht sich also als außerhalb der Geschlechtsnormen stehend.

Stephanie Wurster lebt als freie Autorin und Redakteurin in Berlin. Sie studierte deutsche und englische Literaturwissenschaften in Freiburg, Köln und Berlin. Im Januar 2015 erschien ihre Übersetzung des Romans "Torpor" von Chris Kraus im b_books Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

Bei Lann ist das anders. Seit November 2014 steht auf Lanns Uni-Seite: "Wenn Sie mit Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen wollen, verwenden Sie bitte respektvolle Anreden, die nicht Zweigeschlechtlichkeit aufrufen. Bitte vermeiden Sie zweigendernde Ansprachen wie 'Herr ___', 'Frau ___', 'Lieber ___', oder 'Liebe ___'. Es gibt nicht die eine richtige und gute Anrede, sondern es bedarf respektvoller neuer Anredeformen – ich freue mich auf Ihre kreativen anti-diskriminierenden Ideen." Das steht da, und noch ein bisschen mehr. Es wird auch eine E-Mail-Adresse für Hatemails angegeben, denn dass diese Nachricht Ärger nach sich ziehen würde, war gleich klar. Der Shitstorm, der daraufhin losbrach, war jedenfalls gewaltig – von einer "Verschwendung von Steuergeldern" war die Rede, es gab persönliche Angriffe auf Lanns Aussehen, es war von "Sprachvergewaltigung" und "Genderwahnsinn" die Rede. Es war schlicht grausig.

Was mir an dieser Geschichte aber vor allem auffällt: Die Macht der Sprache ist groß. Selbst Menschen, die wenig bis keine Literatur lesen und im Internet auch nur das Kurze, wissen das, und sie haben offenbar Angst davor, dass die Sprache, so wie sie sie kennen, verändert wird. Sprache wird als quasi gottgegeben wahrgenommen. Dabei wurde sie durch viele Tausend Jahre des Patriarchats geformt.

"Als Journalistinnen und Journalisten habt Ihr eine besondere Verantwortung", sagt Lann im Workshop und erzählt, was psychologische Untersuchungen bestätigen: Wenn ein journalistischer Text ausschließlich das generische Maskulinum benutzt – das ist die Norm –, dann nimmt man die Akteure/innen des Textes auch als maskulin wahr. Ist einfach so. Auch wenn man weiß, dass Frauen mitgemeint sind.

Im Workshop geht es jetzt in den Praxisteil. Wir arbeiten an journalistischen Texten, die bereits erschienen und oder noch in Bearbeitung sind, die von uns selbst oder von anderen geschrieben wurden. Der Text, den ich mir mit einer Kollegin anschaue, handelt von dem Gesetz über die Geschlechteridentität in Argentinien.