Zu Beginn des Jahres staunte ich einfach nur. Ich staunte, wie die Stimmung in Lichtgeschwindigkeit zu kippen begann. Wie das Sommer-Helfer-Märchen offenbar von der vermeintlichen Realität eingeholt wurde. Und wie nach Silvester selbst in meinem direkten Umfeld viele den unvermeidbaren Clash der Kulturen heraufbeschworen. Die Debatte über kulturelle Werte hatte so rasant Fahrt aufgenommen, dass ich kaum hinterherkam. Aus Reflex brach ich schließlich eine Lanze für sämtliche marokkanischen Freunde. Mit Händen und Füßen wehrte ich mich gegen die Ethnisierung einer sexuellen Straftat. Und merkte gar nicht, wie ich mich von der starren Debatte über Herkunft vereinnahmen ließ. Für Nuancen schien in den vergangenen Wochen ohnehin keiner Zeit zu haben.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Irgendwann ebbte der Medienwirbel ab, und die Aufregung war für den Moment vergessen. Als es leiser wurde, fragte ich mich, wie sich die vielen jungen Männer wohl fühlten, deren Anderssein seit den Vorfällen in Köln wieder besonders skeptisch beäugt wurde. Männer, von denen viele definitiv nicht ins Muster der aggressiven sozialen Randfigur passten – und die doch schon lange mit der Zuschreibung lebten. Denn Differenzierung geht seit jeher als erstes verloren, wenn wir es mit der Angst vor Überfremdung zu tun bekommen.

Vor ein paar Tagen telefonierte ich mit einer Freundin. Ihr Sohn ist 14, ein hübscher junger Mann, die weichen hellen Locken wie der Vater, die dunklen Augen wie die Mutter. Seine nordafrikanischen Wurzeln sieht man ihm nicht an. Es erleichtert meine Freundin dieser Tage, und dafür schämt sie sich. Kopf hoch, Brust raus, postmigrantisch und selbstbewusst – so hat sie ihn erzogen. Doch auf einmal ertappt sie sich dabei, wie sie ihren Sohn vor kultureller Sippenhaft schützen will. Sie wünscht sich, sein Name klänge irgendwie mehr nach Schulze oder Meier. Dabei gehört er ja schon zu den "Guten" – zum Migrationspotenzial aus einem Akademikerhaushalt. Ein Teenager, dessen kulturelle Wurzeln sich unauffällig ins deutsche Gesamtbild fügen und der auch sonst nicht unangenehm durch sozialen Missstand auffällt. Hier geboren, aufgewachsen, bestens integriert. Nur eben der arabische Name.

"Mohammed, Du Kinderficker"

Man sollte meinen – und hoffen –, dass ein Name nicht weiter ins Gewicht fällt. Doch viele Journalisten erleben es anders, berichten schon lange vom Gegenteil. Sie erzählen von übelsten Beleidigungen und Drohungen, die vor allem auf ihre vermeintlich "fremde Herkunft" abzielen. Beim Performance-Projekt Hate Poetry haben sich ein paar von ihnen zusammengetan, um den Beschimpfungen etwas entgegenzusetzen. Mit Sprüchen wie "Mohammed, Du Kinderficker" und regelmäßigen Morddrohungen ist man nämlich lieber nicht allein. Besser lacht man zusammen darüber, dass die eigenen Texte oft gar nicht erst gelesen werden, weil der Autorenname schon Anlass für Kommentare war. Man trägt die schlimmsten Beiträge vor Publikum vor, um sie unmittelbar der Lächerlichkeit preiszugeben. Und zusammen kichert man über kaum Fassbares wie: "Schön, dass Sie zwischen zwei Ehrenmorden Zeit für eine Kolumne finden."

Auch die Schauspieler, die ich neulich in Moabit traf – die meisten arabisch- oder türkischstämmig – gehen die Vorurteile offensiv an. Anders als der Sohn meiner Freundin und viele Journalistenkollegen sind sie in eher prekärem Umfeld aufgewachsen. Und dadurch noch öfter Vorurteilen ausgesetzt, denen sie nicht entsprechen wollen. "Wut bringt nix", sagt ein junger Mann mit schwarzem Flaum auf der Oberlippe, wendet sich der Bühne zu und feixt mit dem Regisseur. Auch im Jugendtheaterbüro wird viel gelacht. Vor allem bei Gastvorstellungen an etablierten Bühnen, wenn sich das Ensemble am klassischen Bildungsbürger reibt.

Klischee des frauenverachtenden Sozialschmarotzers

Von Sucuk mit Frauenunterdrückung und Magermilch ist in einem Stück von Çığır Özyurt die Rede. Von Döner mit extra viel Knoblauch und Ehrenmord, Schwarzköpfen, Kanaken und überhaupt sämtlichen Muslimen mit Psychosexualstörung – "Tamam, ich muss gucken, ob ich noch eine Cousine für Dich frei hab". Kaum zugespitzt spiegeln die jungen Schauspieler Klischees, mit denen sie täglich konfrontiert sind. Die Kolleginnen, mit denen sie zusammenarbeiten, können darüber nur den Kopf schütteln. Für sie sind ihre Jungs das beste Beispiel für den respektvollen Umgang mit Frauen. Schon durch die gemeinsame Arbeit, wo immer wieder auch Gender-Fragen ernsthaft diskutiert werden. Doch das Image klebt an den jungen Männern. Im Alltag bleiben sie diejenigen, die regelmäßig als gewalttätige, frauenverachtende Sozialschmarotzer beschimpft werden. Die sich angeblich nicht anpassen wollen und auf den Werten der Mehrheitsgesellschaft herumtrampeln.

"Ja, so sind wir, oder?" – rufen sie übermütig ins Publikum. Um im nächsten Moment damit zu kontern, wie auch sie aufgewachsen sind: "Deutsche Schule, deutsches Fernsehen, deutsche Machogesellschaft – bestens integriert." Wer das zynisch findet, müsse aufwachen, sagt der Regisseur Özyurt. "Die Probleme immer nur auf die 'Anderen' zu schieben, erscheint mir doch etwas zu bequem." Dass viele es dennoch tun, versucht er gelassen zu nehmen. Selbst wenn die Öffentlichkeit in regelmäßigen Abständen über sein vermeintliches Anderssein diskutiert. "Für öffentliche Debatten sind Muslime ja immer gut", sagt der 24-jährige Kunsthochschulabsolvent und grinst. Weil er selbst, seine Eltern und viele seiner Freunde sowieso nicht gläubig sind. Aber das sei etwas anderes und vielen zu kompliziert.

Für Özyurt und die anderen sind die ständigen Beteuerungen, "nicht so zu sein" wie das Angstklischee, zermürbend. Auf der Bühne können sie die Zuschreibungen ungehemmt auseinandernehmen. Im Alltag unterstellt man ihnen allzu schnell mangelnde Anpassung.