Im November vergangenen Jahres stand in dieser Kolumne, was Frauke Petrys Lebensgefährte, nämlich Markus Pretzell von der AfD, an den deutschen Grenzen für eine Selbstverständlichkeit hielt: den Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge.

Es dauerte keinen Tag, da wiederholte Alexander Gauland, ebenfalls AfD, diesen Vorschlag. Damals wunderte ich mich, dass diese Nachricht als Agenturmeldung die Runde machte. Zum Zeitpunkt der Kolumne kommentierte niemand diesen Vorschlag. Die Erklärung ist ganz einfach. Man nimmt Parteien immer nur so ernst, wie die derzeitigen Umfrageergebnisse es hergeben und solange Landtagswahlen nicht akut anstehen.

In Deutschland gibt es große Teile der Medienöffentlichkeit, die sich einfach nicht vorstellen können, dass der Faschismus in seiner ganzen ideologischen Ausprägung, also der Idee, dass das deutsche Volk vor fremden Elementen geschützt werden müsse, erneut Fuß fassen könnte. Die Leute denken dann immer: Faschismus, hier in Deutschland, mit Konzentrationslager und Pipapo? Nie und nimmer! Mag sein, dass es nie wieder auf der Welt Konzentrationslager mit Gaskammern geben wird, aber dass Staaten Völkermorde auch im 21. Jahrhundert staatlich legitimiert durchführen, sehen wir an Syrien. Da wurde das Gas in die Städte geschossen. Und wir sehen auch, dass Europa nicht willens ist, dem Einhalt zu gebieten. Egal in welcher Form. Es findet einfach keine europäische Intervention statt. Stattdessen schaut man zu, wie Menschen vor dieser Katastrophe weglaufen.

Im März werden drei deutsche Landtage gewählt und im September zwei. Das bedeutet für die AfD, jetzt richtig loszulegen. Am Küchentisch des Liebespaares Pretzell-Petry hat man das sicherlich intensiv diskutiert. In der Partei offenbar nicht. Alexander Gauland, der im November noch dringend zum Schusswaffengebrauch riet, ist nun dringend dagegen. Beatrix von Storch hingegen konkretisiert seit einigen Tagen, wie der Schusswaffengebrauch humanistisch vertretbar ist. Mal ist er gegen Frauen und Kinder erlaubt, dann nur gegen Kinder und mittlerweile ... Man weiß es nicht. Vielleicht folgt demnächst eine detaillierte Handhabung. Schießen ins Knie – ja, in den Kopf – nein. In der DDR hieß das "Warnschuss" und zielte angeblich tatsächlich erst ins Knie.

Was so albern klingt, ist es nicht. Wir erleben in Deutschland Stück für Stück, wie die Parteien mit ihren politischen Ideen am Grundgesetz scheitern und infolgedessen das Grundgesetz infrage stellen. Der Innenminister schlug im vergangenen September vor, einfach das Grundgesetz zu ändern. Vor einigen Jahren war es undenkbar, dass man das Recht auf Asyl politisch anzweifelt. Man behalf sich zwar mit einem Zusatz, das dieses Asylrecht de facto abschaffte, aber es stand noch und sollte dort auch bleiben. Dennoch findet, angefangen von der AfD über die CSU/CDU bis hin in die SPD ein, wie es immer so schön heißt, kräftiges "Rütteln am Asylrecht" statt. Um das Wohl der Flüchtlinge geht es schon lange nicht mehr. Man hat das Gefühl, dass die wahren Opfer von Krieg und Armut wir Deutschen sind. Zusammen mit den Österreichern, Ungarn und so weiter.

Es fängt immer klein an. Und dehnt sich so weit aus, wie die anderen Parteien nicht Einhalt gebieten und Grenzen setzen. Was die AfD betrifft, hielt man es stets mit Verständnis und Herumgeeiere. Im heutigen Zitat geht es deshalb um einen Satz, der noch nicht gesprochen wurde. Er ist ganz simpel. Aber man hört ihn einfach nicht. Zwar haben sich hier und da ein paar Politiker angeekelt dazu herabgelassen, den Schusswaffengebrauch als "enthemmt" (Steeven Brets, Generalsekretär CDU Brandenburg) oder "absurd" (Wolfgang Bosbach, CDU) zu titulieren, aber es geht es nicht um Moral, sondern um die Demokratie. Und so vermisst man einfach dieses Statement:

Die AfD ist eine demokratisch legitimierte Partei, die die parlamentarische Demokratie abschaffen will.

Große Teile der Bevölkerung trauen sich aus noch unbekannten Gründen Mitmenschlichkeit einfach nicht zu. Sie sehnen sich nach Führern, die entschlossen durchgreifen. Wenn diese Führerpersönlichkeiten äußerlich auch noch so harmlos aussehen, als hätten sie gerade das Abitur hinter sich gebracht, wie es auf das Dreamteam des neuen deutschen Faschismus, Markus Pretzell und Frauke Petry zutrifft (Bernd Lucke ist ja auch so ein Sunnyboy gewesen), dann wählt man sie gerne. Denn rein äußerlich machen sie einem erst einmal nicht Angst. Das war stets das Problem der NPD gewesen. Dass sie aus ästhetischen Gründen unwählbar war. Auf deren Kundgebungen waren einfach zu viele stiernackige und rhetorisch untalentierte Prolls unterwegs. Dabei ist das Phänomen des unansehnlichen Rechtsextremen ein Phänomen der 1990er Jahre. Früher war man Faschist und hatte Tischmanieren. Nie hätte man ein Bier aus der Flasche getrunken.