Ab morgen herrscht in Köln Ausnahmezustand, dieses Mal mit Ansage: Bis Aschermittwoch wird die Betriebstemperatur in Promille gemessen, die Zahl der Einbrüche, die von Clowns verübten werden, wird ansteigen wie die Geburtenzahl der sogenannten Malörche zum Jahresende. Und allerorts grölen schwankende Gestalten karnevalistisches Liedgut, dessen Text und Melodie sie allenfalls rudimentär beherrschen.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

"Do steiht ene Schutzmann, dä hätt de janze Tach noch nix jedonn" ist einer dieser gekrächzten Klassiker der fünften Jahreszeit. Angeheiterte Jecken umringen dabei einen Uniformierten und wiederholen diese Zeile hopsend wieder und wieder. Besagter Schutzmann lacht dann ebenso amüsiert verlegen, wie an Wieverfastelovend, wenn ab 11.11 Uhr entfesselte Hausfrauen mit etlichen Pikkolöchen intus versuchen, ihm die Mütze abzunehmen, bevor ein Bützchen droht.

Der Kölner Karneval hat die längste Zeit das Bild des Polizisten als gutmütiger Mann in Grün befestigt. Weniger bewaffneter Vertreter der Staatsmacht als Freund und Helfer, entspricht dieser Ordnungshüter im Sinne und Geiste der Comicfigur Oskar, der freundliche Polizist. 58 Jahre wurde uns der stumme Wohltäter mit dem beinahe türkisch anmutenden dicken schwarzen Schnauzbart auf der Kinderseite des Kölner Stadt-Anzeiger als Autorität mit Herz präsentiert. Eine Bildsprache aus den fünfziger Jahren, die sich weit ins neue Jahrtausend gerettet hatte, so wie das moosgrün-cremefarbene Uniformdesign des Modeschöpfers Heinz Ostergaard, der bereits für Zarah Leander schneiderte.

Der freundliche Polizist wurde zum Scheißbullen

Natürlich zog mit dem Ende der 1970er Jahre auch im harmonietrunkenen Köln der Punk ein. Dabei avancierte nicht nur in meiner von Wandzeitungen und Schulstreiks durchgerüttelten Gesamtschule im Betonbezirk Chorweiler der freundliche Polizist zum Scheißbullen. Regelmäßig wurde "de Schmier" auf dem weitläufigen Schulhof mit Schmährufen und Farbbeuteln attackiert, wenn sie dort auflief, um Kiffer und KBWler einzusammeln.

Das Grün der Protestbewegungen der Achtziger biss sich mit dem der Oestergaard-Uniformen. Und das Bild des freundlichen Polizisten mit dem seiner weniger freundlichen Kollegen an der Starbahn-West oder im Hamburger Kessel. Im Spiel mit den Bildern hatte die Polizei auch in Köln für eine ganze Dekade lang die Arschkarte gezogen.

Genau wie ihre Sympathisanten: Ralf, ein Michael-Moriarty-hafter Hänfling, war bereits in der Mittelstufe durch das Tragen eines – ebenfalls grünen – Bundeswehrparkas unangenehm aufgefallen. Gleichwohl verstanden wir beide uns gut bis hin zu einer keuschen Zuneigung. Als wir Schüler kurz vor dem Abitur im Deutsch-LK erzählen sollten, was wir so vorhätten im Leben, nuschelten die meisten etwas von "Weltreise oder so …" und "Mal gucken". Ralf hingegen blickte kurz zu mir, dann errötend nach unten auf sein Pult und sagte trotzig: "Ich geh zur Polizei."

Alles im grünen Bereich

Das fand keiner so wirklich cool, aber Willy Millowitschs gesungene Devise "Wir sind alle kleine Sünderlein" überzeugte wenige Jahre später auch vormals renitente Gesamtschüler und bereits beim zehnten Klassentreffen galt auch für Ralf wieder das sechste "kölsche Jebot": Jede Jeck es anders.

Ohnehin hatte in den 1990er Jahren die Folklore einer Ordnung, die nicht erkämpft, sondern gehütet werden muss, Einzug ins karnevalistisch konditionierte Kölner Gemüt gehalten: die Bürger als Schäfchen, die mal die Partymusik zu laut drehten, mal mit dem einen Bier zu viel intus angehalten wurden und ins Röhrchen pusten mussten – alles im grünen Bereich beliebter TV-Serien von Großstadtrevier bis Die Wache.