Das Square Dress ist genau das, was sein Name aussagt: ein Kleid, das sich zu einem Viereck aus Stoff entfaltet, sobald die Trägerin ihre Arme ausbreitet. Ein simpler, eleganter und humorvoller Entwurf, der den beiden New Yorker Designerinnen Mimi Hecht und Mushki Notik für ihr Modelabel Mimu Maxi gelungen ist. Minimalistisch und geistreich ist die gesamte Kollektion. Und von besonderem Witz zeugen auch weitere Stücke. Zum Beispiel das Moses Dress und die dazugehörige Beschreibung: "Get biblical in the Moses Dress. So comfortable, you may just want to wear this for 40 days and 40 nights." Doch der Stil ist nicht das Einzige, was die Designs auszeichnet. Alle Mimu-Maxi-Entwürfe sind minimalistisch, bezahlbar und modest, das heißt, sie entsprechen orthodox-jüdischen Vorgaben, wie Frauen sich kleiden sollen.

Márcia Elisa Moser, lebt als freie Autorin in Frankfurt am Main, studierte Gender Studies und Religionswissenschaft in Berlin und arbeitet zur Intersektionalität von Religion, Geschlecht und Sexualität. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

Mit ihren eigenen Kreationen wollten die zwei chassidischen Schwägerinnen Hecht und Notik ihrem Frust über unstylishe religiöse Kleidung Abhilfe verschaffen und feiern damit nun – über Religionsgrenzen hinweg – beachtliche Erfolge. 2012 gegründet, sprachen sie mit Mimu Maxi zunächst vor allem eine stilbewusste, religiöse (orthodox-jüdische, aber auch konservativ christliche und muslimische) weibliche Käuferschaft an. Spätestens seit 2015, als ihr Stil in Mode- und Lifestyle-Blogs zum Trend ernannt wurde, erreichen ihre Kollektionen nun auch säkulare Fashionistas.

Neben ästhetischen Kriterien erfüllen die Kollektionen von Mimu Maxi auch jene des tzinut, der orthodox-jüdischen Maßgabe für eine keusch-sittliche Lebensführung. Das hat durchaus Aufsehen erregt. Kein Bericht über das Label kommt ohne Verweis auf den religiösen Rahmen aus. Popsugar.com schreibt, die Mimu-Maxi-Designerinnen definierten keusche Mode (Modest Clothing) neu, laut der Huffington Post erschüttern Hecht und Notik mit ihren Kollektionen stereotype Vorstellungen von religiöser Kleidung. Religiös-keusche Trendsetter – die Vogue bringt auf den Punkt, was hier an Widersprüchen mitschwingt: "Jüdisch-orthodoxer Stil wurde zu einer ungewöhnlichen Inspirationsquelle für den heißesten Herbsttrend 2015." Ungewöhnlich deshalb, weil mit orthodoxem Judentum wohl vieles, jedoch kaum (Mode-)Trends und keinesfalls Sexyness assoziiert wird.

Tatsächlich wirken die Entwürfe von Mimu Maxi schlicht und unaufgeregt. Die Schnitte sind simpel und häufig im Oversized-Stil. Die Materialien fallen locker und leicht (von der äußerst beliebten Skirt Leggins abgesehen), die Farben sind gedeckt, alle Stücke unifarben. Hecht und Notik verzichten größtenteils auf figurbetonende Schnitte. Dennoch denkt man beim Durchstöbern der Kollektion nicht an religiöse Kleiderordnungen und die damit verbundenen Verhüllungsgebote – obwohl sie eingehalten werden: bedeckte Ellbogen und Knie, hochgeschlossene Krägen. Die ansonsten in chassidischen und anderen orthodox-jüdischen Kreisen geradezu absolut gesetzte Farbpalette Schwarz, Grau, Dunkelblau wird allerdings um einige hellere Töne erweitert. Zudem wird das Haar auch offen und oft unbedeckt gezeigt.

Die Repräsentation von Weiblichkeit – in diesem Fall religiöser Weiblichkeit – ist in diesem Fall eine ungewohnte. Frau und Religion, dieses Verhältnis wird noch immer zu oft und zu undifferenziert als fixiert, repressiv und beklemmend eng aufgefasst. Auf der Website und dem Instagram-Profil von Mimu Maxi werden jedoch Frauen gezeigt, die in Bewegung sind. Models posieren vor repräsentativen Gebäuden, in der Mitte einer Straße, vor graffitibemalten Häuserwänden oder auch in einem riesigen, leer geräumten Loft. Auf Instagram zeigen sich die Modedesignerinnen und ihre Kundinnen selbst in der keuschen Mode. Den Inszenierungen zufolge ist der Umgang dieser Frauen mit religiösen Kleidervorschriften ein spielerischer – und vor allem ein aktiver und selbstbewusster: Die Interpretationen der durch religiöse Schriften und männliche Autoritäten übermittelten Vorschriften und Empfehlungen für eine religiöse Lebensführung sind vielfältig. Jede Einzelne setzt dabei ihre eigenen Maßstäbe, die für sie relevanten Aspekte umzusetzen.

Religion ist keine Antithese zur Moderne

Die Auffassung, die Religionen wirkten vor allem unterdrückend auf Frauen ein, hängt eng mit einem ahistorischen Verständnis von Religionen zusammen: Sie seien traditionalistisch, dogmatisch und der feministischen Kritik nach im Kern patriarchal. Es steht außer Frage, dass ein solch spielerischer Umgang mit Kleidervorschriften nicht in jedem Kontext möglich ist und dass Verstöße gegen diese Ordnung zum Teil zu scharfen Sanktionen führen.

Dennoch gilt, dass Religionen nicht die Antithese zur Moderne darstellen, dass sie keine starren, unwandelbaren, nicht verhandelbaren und in sich geschlossenen Gebilde sind. Dies hat die Religionssoziologie in den vergangenen 30 Jahren deutlich herausgearbeitet. Religionen unterliegen einem kontinuierlichen Prozess der Aushandlung von Wandel und Bewahrung. Sie sind, wie andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens auch, menschengemacht. Ebenso die von ihnen ausgehenden Macht- und Geschlechterverhältnisse.

Kein autoritärer Gott, keine normativen Schriften gestalten Religionen, sondern Menschen. Als Gestalterinnen sind Frauen in der Geschichte und in den Schriften der Religionen – oder in dem, was von ihnen tradiert und kanonisiert wurde – jedoch äußerst selten in Erscheinung getreten. Auch die säkulare Religionswissenschaft berücksichtigte Frauen lange Zeit kaum. Diese Lücke ist mittlerweile aufgrund von stichhaltiger feministischer Kritik zumindest ideell geschlossen. Es gilt nun, Frauen nicht nur als religiöse Akteurinnen wahrzunehmen, sondern anzuerkennen, dass vor allem sie es sind, die innerhalb von Religionen die jeweilige Notwendigkeit von Wandel und Bewahrung gestalten und verhandeln. Hecht und Notik – und ihre Kundinnen – sind solche religiösen Gestalterinnen. Mit den Mimu-Maxi-Kollektionen interpretieren sie, welche Aspekte von Modest Clothing bewahrenswert und welche verhandelbar und wandelbar sind.