Die Geographie unseres Reiseziels scheint ungewiss. Es handelt sich um Deutschland. Nur in welchen Grenzen? Die Debatten der letzten sechs Monate erscheinen wie eine Landnahme, eine Grenzverschiebung in bisher ungangbar und vermint scheinendes Gelände. Die Diskurse bewaffnen sich.

Ältere Herren, vielfach preisgekrönt, treten dieser Tage aus ihrem Werk hervor und springen schnappatmend in die politische Debatte der Gegenwart. Wie kommt zum Beispiel der Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl auf die Idee, dass Fremdenliebe, die Xenophilie, zur Pflicht der Deutschen und Bestandteil ihrer Staatsräson werde? Sein Text Die Arglosen im Inland in der Zeitschrift Tumult knüpft an Textsorten der konservativen Revolution der zwanziger Jahre an. Er sieht ein System am Werke, fantasiert von "interessierten Kreisen" und setzt auf die katastrophische Sehnsucht nach einem Ende mit Schrecken.

Oder was bewegt Wolfgang Hetzer, bis vor drei Jahren Jurist im Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung, zu diesem Satz: "Was wohl aus Deutschland geworden wäre, wenn Willy Brandt kein Asyl in Norwegen erhalten hätte"? Die Hoffnung darauf, dass Europa noch heute durch einen Eisernen Vorhang geteilt wäre? Hetzers Text durchziehen Putschgelüste, wenn er von einer "behördlich lizenzierten Invasion" spricht und an das grundgesetzlich garantierte Widerstandsrecht erinnert, das allerdings nicht für die Selbstermächtigung von Demokratiefeinden gedacht ist.

Ostpolitik gestrichen

Die Autoren der nächsten konservativen Revolution vernebeln den Blick auf die Zeitgeschichte. Rolf Peter Sieferle, Historiker in St. Gallen, beginnt einen Essay mit dem Satz "Zurzeit überschwemmt eine Migrationswelle von präzedenzlosem Umfang Europa." Die Russlandaussiedler und der Zerfall Jugoslawiens sind für ihn schon in Prähistorie versunken. 

Oder dieser Absatz vom Goethe-Biograph Rüdiger Safranski: "Deutschland hat nach 1945 als besiegte Nation ihre Souveränität verloren. Bis zum Mauerfall 1989 hatte Westdeutschland außenpolitisch eine bequeme Existenz: Wir standen unter dem Schutzschild der Amerikaner und waren für nichts verantwortlich. Da wir nicht für uns sorgen mussten, wurden wir infantil. Wir wussten nicht mehr, was Außenpolitik bedeutet."

Safranski, der Emil Ludwig unserer Zeit, streicht die Ostpolitik Willy Brandts aus der Zeitgeschichte. In einem Atemzug plädiert er für Realismus in der Politik und fantasiert von Abermillionen islamischer Einwanderer. Mit solchen Fantasien illustriert er im Eifer des Gefechts unbewusste Mechanismen des Angstmachens.

Konservative Revolution der Gegenwart

Ein anderer Fall in dieser Riege schmucker Denker auf Abwegen ist Peter Sloterdijk. Sein vieldiskutiertes Interview im Cicerofolgt in weiten Teilen einer psychoanalytischen Logik. Die Tatsachen meldeten sich zurück, die Macht sei auf der Flucht vor ihnen. Die Tatsachen seien die Jäger, die Mächtigen die Gejagten. So kommt er der Lage immerhin deskriptiv näher. Aufschlussreich ist, was er über das phobokratische Zusammenwirken von Terror und Mediatisierung schreibt. Im Gegensatz zu den anderen Autoren und ihrem zu heißen Baden im Schrecken ermöglicht er ein differenziertes Bild. Die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, bezogen sich auf einige schräge Formulierungen (Überrollung und Lügen-Äther), die seiner Provokationslust zuzurechnen sind. 

In den Wortmeldungen dieser Denker erklingen Vorboten einer Landnahme, eines Revisionismus, wie man ihn lange nicht für möglich gehalten hätte. Die Autoren adaptieren die Haltung von Heimatvertriebenen. Nur aus welcher Heimat fühlen sie sich vertrieben? Sie rufen nach einer Kontrolle, die sie über sich selbst in ihren Essays und Interviews verlieren. Ihre Texte durchzieht der Verlust von Maßstäben. Kein Wunder, dass Rufe nach "Aufräumen!" und "Hausaufgaben machen!" lauter werden. Unter den Völkern der Welt scheinen die Deutschen sich selbst in solchen Lagen gerne wieder als Lümmel zu sehen beziehungsweise anzusprechen.

In den Essays und Interviews der neuen Konservativen Revolution erklingen schnarrende Töne, Posen und Positionen, als träten sie als Wiedergänger aus den Bildern von George Grosz und Otto Dix in die Gegenwart. Zwischen Badenweiler und Berlin braut sich ein perfekter Sturm zusammen, ein Aufbäumen gegen die Realität, nur vorgeblich im Namen der Realität. Kein Wunder, dass aus dieser sich selbst verstärkenden Wut Rufe nach einem Staatsstreich hörbar werden.

Munitionierung der Rechtsradikalen

Die zeitlich begrenzten Erfolge der NPD in den späten sechziger Jahren, später nach der Wende, waren nie von Dauer. Sie verdankten sich einem Personal, das weder politisch noch intellektuell zurechnungsfähig wirkte. Insofern haben wir eine neue Lage. Es formiert sich ein intellektuelles Freikorps. Auf offener Bühne schwingen sie schwere rhetorische Säbel. Ihr Ziel ist offenkundig. Sie delegitimieren die Politik und munitionieren die neuen Rechtsradikalen, wenngleich sie das Fußvolk dieser Partei vermutlich genauso verachten, wie die Nationalkonservativen der Weimarer Republik die Nazis verachteten.

Es betrübt zu sehen, wie geschätzte Autoren die in ihrem Lebenswerk gesetzten Maßstäbe des Denkens missachten. Ihr Vorwurf des Verrats fällt auf sie zurück. Sie verraten sich selbst. Ihre Vorwürfe der moralischen Überheblichkeit sind Vorboten eines politischen Denkens, das sich zivilisierender Maßstäbe zu entledigen versucht. Aus ihrem entgleisenden Denken spricht die Gefahr, vor der sie warnen. Die Bürgerkriegsflüchtlinge haben ihnen etwas voraus. Sie wissen, wovor sie geflohen sind, wohin und warum.