Die Schauspielerin Charlotte Rampling hält die Forderung nach mehr Schwarzen unter den Oscaranwärtern für Rassismus gegen Weiße. © Clemens Bilan/Getty Images

Die Debatte um Quoten in Film und Literatur wird nicht erst seit der Bekanntgabe der diesjährigen Oscarnominierungen geführt. Nein, die Frage, wie viel gesellschaftliche Realität und wie viel erstrebenswerte Utopie in künstlerischen Werken repräsentiert werden müssen, wird immer wieder laut. Anlässlich der Oscarverleihung am 28. Februar widmen wir uns den Argumenten für und gegen eine solche Quote in einem Pro & Contra.


Bevor Sie aufschreien: Dies ist kein Plädoyer gegen Gleichberechtigung. Genauso wenig wie eine Legitimierung der Marginalisierung vermeintlicher Randgruppen. Es geht stattdessen um die Frage, was passiert, wenn Kunst in ein Verhältnis zur Gegenwart gesetzt wird, das von einem Standpunkt außerhalb der Kunst justiert wird. Klingt sehr abstrakt. Aber wo es die Kunst betrifft, da muss man notwendiger Weise vom Großen und Ganzen ausgehen, um nicht bei der Betrachtung des Einzelfalles zu landen, die womöglich noch geschmäcklerisch argumentiert.

Fangen wir dennoch etwas bodennäher an. Bei der Frage, was damit gewonnen wäre, wenn mittels einer Quote in der Kunst – sei es im Film, in der Literatur oder auch beim Theater – ein gesellschaftlicher, diskriminierungsfreier Idealzustand abgebildet würde, der in der Wirklichkeit noch nicht erreicht ist. Durchaus ergibt das Sinn, könnte man sagen, wenn man das Kunstwerk als einen utopischen, zukunftsweisenden Entwurf versteht, dem sich das Leben sukzessive anzunähern versucht. Kunst erfüllt aber eben auch eine andere Funktion: Die der Zerstreuung, vor allem aber die der kulturellen oder individuellen Selbstversicherung. Im Umkreis des im vergangenen Jahr verstorbenen Philosophen Odo Marquard hat sich eine Formel für diese Wirkung herausgebildet: die der Kompensation.

Einfach zurücklehnen?

Was Marquard für die Geisteswissenschaften festgestellt hat, lässt sich problemlos auf die Kunst übertragen. Kompensation meinte dann: Die Kunst tröstet über die als unzulänglich empfundene Wirklichkeit hinweg. Sie wird zu einem narrativen Sinnersatz, der im Dienst eines Erträglichmachens der eigentlich unverträglichen historischen Bedingungen steht. Etwas weniger akademisch ausgedrückt: Wenn uns durch eine Quote in Filmen oder in der Literatur eine ideale, weil diskriminierungsfreie Gesellschaft vorgeführt wird, dann können wir uns problemlos und beruhigt zurücklehnen, weil die Kunst uns vorgeführt hat, dass die Wirklichkeit keinen Verbesserungsbedarf hat. Die Quote trübt also den Blick auf die tatsächlichen gesellschaftlichen Zustände.

Unsere Ansprüche an Kunst müssen deshalb von vornherein grundsätzlicher, weniger auf einen konkreten gesellschaftlichen Teilaspekt, also weniger operativ gedacht sein – so richtig und moralisch und sogar human dieses Anliegen jeweils erscheinen mag. Kunst muss, wenn sie ihren Status als ästhetische Erkenntnisform und als Gegenüber der Gesellschaft nicht verlieren will, tatsächlich wieder viel konsequenter im idealistischen Sinne gedacht werden: als eine moralische Erziehung des Menschen, die unabhängig ist von Zweckzusammenhängen. Nur indem Kunst sich der Rationalität und der Vernunft entzieht, vielleicht sogar mitunter dem Verstehen, kann es ihr gelingen, autonome, eigenständig denkende Menschen zu bewahren, bevor deren Gehirne von den Mühlen der Verwertungslogiken zerhackstückt werden, die überall sonst den Takt angeben.

Die Quote macht sich die Kunst zunutze

Um zu verstehen, warum das so ist, mag es genügen, sich für einen Moment vorzustellen, dass diejenigen, die soziale Wahrheiten vorgeben, nicht mehr wir sind, für die ein gleichberechtigtes, auf Diversität angelegtes Miteinander selbstverständlich und erstrebenswert ist. Wer einmal Quoten zulässt, vergreift sich grundsätzlich am Fundament dessen, was wir als Kunst verstehen. Er verändert die Kunst strukturell, indem er sie der Indienstnahme preisgibt. Wenn in naher oder etwas fernerer Zukunft diejenigen andere werden, die für die vermeintlich gerechte Quotierung verantwortlich sind, dann landen wir vielleicht nicht ganz schnell, aber möglicherweise doch relativ bald irgendwo zwischen ideologischer Auftragskunst und dem Verbot so genannter entarteter Kunst. Insofern hilft eine Quote weder der Gegenwart und deren sozialer Unzulänglichkeit, noch der Kunst. Schlimmer noch: Eine Quote betriebe deren langsame Erosion.

Vielleicht liegt der Fehler schon darin, dass dort, wo von Quotierung die Rede ist, immer von einer bestimmten Form der wirklichkeitsnahen, auf Spiegelung der Verhältnisse beschränkten Kunst ausgegangen wird, ein Kunstbegriff, der so natürlich ungenügend wäre. Zoomt man näher heran und schaut, aus aktuellem Anlass, auf die Frage einer Quote in Hollywoodproduktionen, dann müsste man allerdings zunächst mal bei der Frage ansetzen, inwiefern es sich bei diesen Filmen überhaupt noch um Kunst handelt. Oder ob man es bei ihnen nicht ausschließlich um Produkte einer Zweck- und Verwertungsgesellschaft handelt, die durch andere Quoten bereits dermaßen stark reglementiert sind, dass jedes Aufbrechen dieser Mechanismen nur die Sinne erweitern kann.

Lesen Sie hier die Erwiderung von Marie Schmidt.