Der Regisseur Spike Lee, der 2015 einen Ehren-Oscar gewann, will die Verleihung in diesem Jahr boykottieren, weil alle nominierten Schauspieler weiß sind. © Reuters/Fabrizio Bensch

Die Debatte um Quoten in Film und Literatur wird nicht erst seit der Bekanntgabe der diesjährigen Oscarnominierungen geführt. Nein, die Frage, wie viel gesellschaftliche Realität und wie viel erstrebenswerte Utopie in künstlerischen Werken repräsentiert werden müssen, wird immer wieder laut. Anlässlich der Oscarverleihung am 28. Februar widmen wir uns den Argumenten für und gegen eine solche Quote in einem Pro & Contra.


Wissenschaftler der Universität von Südkalifornien haben gerade bewiesen, dass Frauen, queere sowie nicht weiße Menschen in Hollywoodfilmen dramatisch unterrepräsentiert sind. Und zwar sowohl bei den dargestellten Personen, als auch unter Drehbuchautoren, Regisseuren und Produzenten.

Die Branche, die die erfolgreichsten Geschichten der Welt hervorbringt, so die Studie, werde von weißen Männern dominiert. Ihre Filme prägen unsere Vorstellungen, unsere Erwartungen an die Wirklichkeit. Die Zahlen zeigen aber, dass wir damit um die Wahrheit über die gesellschaftlichen Verhältnisse betrogen werden. Was sich in diesem Missstand ausdrückt, ist allerdings die Wahrheit über Machtverhältnisse: Politische, soziale und ökonomische Entscheidungen liegen ja in der Tat auch sehr überproportional in den Händen weißer Männer. Und selbstverständlich haben die ein Interesse daran, dass dieser Umstand für "normal" gehalten wird, ja eigentlich für die einzig repräsentable Wirklichkeit.

Deshalb reproduzieren sie als Herrscher über die Traumfabriken hartnäckig immer gleiche Vorstellungen und Rollenklischees. Die Forscher haben zum Beispiel nachgewiesen, dass Frauen nur etwa ein Drittel der sprechenden Rollen in Filmen und Serien haben. In wieder einem Drittel davon tauchen sie in sexy Kleidung oder teilweise nackt auf. Männer sind in höchstens zehn Prozent ihrer Rollen als "sexy" markiert (wie schade!).

Eine Quote ist nicht kunstfern

Weil amerikanische Filme weltweit gesehen werden, ist diese Untersuchung besonders brisant. Aber Hollywood hat das Problem nicht exklusiv. Man möchte gar nicht wissen, wie eine solche Statistik über die deutsche Literatur oder die europäische Malerei aussehen würde.

Eine Lösung, die auch die Studie nahelegt, bestünde darin, Quoten einzuführen. Es müssten dann die dargestellten Personen im Film und überhaupt in der Kunst sowie Künstler und Produzenten zu einem den realen Bevölkerungsanteilen entsprechenden Teil weiblich, schwul oder lesbisch, schwarz, lateinamerikanisch, asiatisch oder auch jüdisch, muslimisch und katholisch sein. Die Verkäufer und Preisjuroren, die einem Kunstwerk zu Aufmerksamkeit und finanziellem Erfolg verhelfen, natürlich ebenso.

Diese Lösung ließe sich schwer durchsetzen, aber kunstfern ist sie nicht. Sicherlich, die Kunst steht nicht in der Verantwortung, die Realität originalgetreu abzubilden. Aber sie muss der Wahrheit verpflichtet sein! Und die besteht darin, dass Menschen verschiedenen Geschlechts, verschiedener Klassen, Ethnien und Religionen unterschiedliche Erfahrungen machen und deshalb die Welt möglicherweise ganz anders sehen.

Im Alltag sind wir alle froh, wenn wir unsere eigene Realität halbwegs im Griff haben. Wenn es je die Möglichkeit gibt, dass wir die Perspektiven anderer übernehmen, uns selbst vergessen, radikal den Horizont wechseln und die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Welt auch ganz anders aussehen könnte, dann, wenn wir uns Kunst ansehen, Bücher lesen und Filme gucken. Da liegt ein irres Potenzial zur Freiheit, Empathie und zum Fortschritt. Deshalb ist es bedenklich – nein, sogar gefährlich! – wenn im Kunstbetrieb nur die realexistierenden Machtverhältnisse reproduziert werden.

Unterschiede müssen sichtbar werden

Eine Quote wäre ein erster Schritt, um über die Trägheit dieses Betriebs hinwegzukommen. Aber im Grunde ist eine Quote eine zu bescheidene Forderung. Gesellschaftliche Minderheiten und Gruppen, die zu Minderheiten gemacht werden, obwohl sie es nicht sind, wie zum Beispiel Frauen, müssen in Filmen, Büchern und Bildern sogar mehr vorkommen als in der Wirklichkeit. Viel mehr! Denn es sind die Unterschiede zwischen Menschen, die uns inspirieren, uns bewusst machen, wer wir sind, und unsere Fantasie nicht einschlafen lassen.

Es ist doch langweilig, sich immer wieder nur selbst zu sehen. Wie öde, in seinen Erwartungen bestätigt zu werden, wie durch einen Großteil der Hollywoodproduktionen: eine Schwarzer ist der beste Freund des weißen Helden, eine Frau über 40 bestenfalls "interessant" und ein Schwuler spricht mit einer zu hohen Stimme.

Schwarze, Frauen und Homosexuelle wären natürlich nicht per se die besseren Filmemacher. Aber sie würden uns am Ende vielleicht sogar Filme zumuten, in denen die Identität der Figuren nicht das Hauptthema wäre. Wenn es einmal um eine Staatsanwältin ginge und man erführe nur en passant, dass sie lesbisch ist, wenn es einen Film über Aufstieg und Fall eines Unternehmens gäbe, dessen Boss so profitorientiert wie zufällig schwarz wäre, wenn sich in einer romantischen Komödie ein Chinese in eine lateinamerikanische Frau verliebt, einfach so, weil beide in New York leben – dann erst können wir darüber reden, ob Quoten vielleicht unnötig geworden sind.

Lesen Sie hier die Erwiderung von Wiebke Porombka.