"Am Anfang meines Studiums war ich nur in Geschichtsvorlesungen, die nichts mit Europa zu tun hatten", erzählte mir eine Freundin, die in Oxford aufgewachsen ist, aber in Edinburgh, Peking und London studiert hat. "Aus der Schule wusste ich nur, dass das britische Empire was mit Gewürzen zu tun hatte und im Wesentlichen gut war. Vom Rest der Welt hatte ich praktisch keine Ahnung."

 

Ich studiere in Oxford Internationale Beziehungen. Die Universität hier ist ein merkwürdiger Ort, und ich könnte ein Buch mit Dingen füllen, die man wissen muss, um sie ansatzweise zu verstehen. Die Stadt und die Universität, die nahezu deckungsgleich sind, werden gerne als "traditionsreich" beschrieben.

Katharin Tai studiert Internationale Beziehungen mit dem Fokus chinesische Außenpolitik in Oxford. Als freie Journalistin schreibt sie über Politik, das Internet und Netzkultur in Ostasien. Heimisch in Berlin und überall, wo es chinesische Nudelsuppe gibt. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat


Geschichte und Traditionen stecken hier in allen Ecken und in jedem Gebäude: in der Bodleian Library, in der Harry Potter gedreht wurde, im Magdalen College, an dem Oscar Wilde studiert hat, in der Uniform, die wir seit Jahrhunderten für unsere Klausuren tragen müssen, und im lateinischen Tischgebet, das vor jedem Abendessen im College aufgesagt wird. Dieser Traditionsbezug bedeutet aber auch, dass Oxford 2015 nur 24 schwarze britische Studierende angenommen hat, dass es nur einen einzigen schwarzen Professor an der gesamten Uni gibt, und dass an der Außenseite des Oriel Colleges über einem Tor eine Statue von Cecil Rhodes thront.

Kolonialismus als Teil der Gegenwart

Wer Rhodes nicht kennt und einen Blick in die deutsche Wikipedia wirft, erfährt erst einmal nur, dass er Politiker und Unternehmer war. Doch reich haben ihn die Kolonien in Südafrika gemacht, die er für das britische Empire erworben hat. Eine davon hat er gleich nach sich selbst benannt – Rhodesien, das heutige Zimbabwe. Im Namen des Empires und vor allem des Geldes erweiterte Rhodes Ende des 19. Jahrhunderts den Einfluss Großbritanniens in Südafrika, immer auf der Suche nach Gold- und Diamantenvorkommen. Wurden die Effekte, die diese Expansion in den betroffenen Ländern hatte, zu Rhodes' Lebenszeiten gelegentlich kritisiert, werden sie im heutigen Großbritannien meist übergangen. Alle britischen Freunde, die ich bisher nach der Rolle des Empires in ihrem Geschichtsunterricht fragte, sprachen von Gewürzen und Handel.

In Oxford koexistieren koloniale Vergangenheit und Gegenwart wie an kaum einem anderen Ort. Die Uni ist stolz darauf, die besten Studenten aus aller Welt anzuziehen und viele dieser Studenten haben eine direkte Verbindung zum britischen Empire: Die Familie eines meiner Kommilitonen verdiente ihr Geld in der Vergangenheit mit Geschäften im Kongo, die Vorfahren eines anderen, der jetzt postkoloniale Gesellschaften studiert, verließen das Indien unter britischer Herrschaft gen Amerika. Viele meiner Kommilitonen aus Hongkong haben noch einen speziellen Pass für Bewohner britischer Kolonien, und der letzte britische Gouverneur von Hongkong, Chris Patten, ist Kanzler der Universität.

Die Universität dekolonialisieren

Für Studenten aus den ehemaligen Kolonien ist das Empire Geschichte und Gegenwart zugleich. Sie kommen aus Ländern, die noch immer mit den Folgen des britischen Imperialismus zu kämpfen haben. Für Briten ist das Empire wiederum ein Teil der Vergangenheit, der es nicht einmal wert ist, im Geschichtsunterricht ausführlich behandelt zu werden. Diese Welten stoßen in Oxford aufeinander und entzünden sich seit Oktober 2015 an der Statue des Kolonialisten Rhodes.

Die Studentenbewegung "Rhodes must fall" forderte, dass die Statue verschwinden müsse. Rhodes repräsentiere wie kaum ein anderer den Kolonialismus und habe zahllose Menschenleben auf dem Gewissen. In seiner erhöhten Position im Zentrum Oxfords habe er nichts zu suchen. Dass er immer noch dort stehe, sei vielmehr ein Symbol für den anhaltenden Rassismus in Oxford, so die Aktivisten. Dazu passe, dass die Curricula einer Uni, die als eine der besten der Welt gilt, die beiden Weltkriege in manchen Studiengängen immer noch so unterrichten, als hätten sie außerhalb Europas nicht stattgefunden. Die Aktivisten wollen die Universität nun dekolonialisieren: Sie fordern Inhalte, die mehr als nur die europäische Perspektive zeigen, und Professoren und Studenten, welche die Diversität, mit der Oxford sich brüstet, auch wirklich repräsentieren.