Am 12. Januar 2015 war ich zum ersten Mal bei einer Pegida-Demonstration. Also, nein, das ist nicht ganz richtig, ich bin in meine Heimatstadt Leipzig gefahren und habe mir dort als Reporterin Legida angeschaut. Legida, eine Art Filiale. Ich bin inmitten der Rechten gelaufen und habe mich doch auf Seiten jener Leipziger gefühlt, die Lautsprecherboxen in ihre Fenster gestellt hatten, um Pegida Bach und Beethoven entgegenzuhalten. Mein Herz schlug auch bei den fast 30.000 Menschen, die auf dem Ring für Demokratie, Menschlichkeit und Toleranz demonstrierten. Ich war, ja, das ist ein blödes Wort, stolz auf sie.

Das ist nun ein Jahr her, Zeit für eine Bilanz also. Die vergangenen zwölf Monate waren, gelinde gesagt, turbulent. Pegida ist nicht verschwunden, im Gegenteil, heute wissen wir, das war damals nur der Anfang. Der Anfang einer so noch nie dagewesenen deutschtümelnden, fremdenfeindlichen, ja, inhumanen Bewegung, die weit größer ist als die, die in Dresden und anderswo auf die Straße geht. Die Gedanken und Weltsichten und Anschauungen formuliert, die in weit mehr Köpfen herumgeistern, als wir uns damals vorstellen konnten oder wollten. Wer will heute noch ernsthaft zwischen Pegida und der AfD unterscheiden, die nun zwölf Prozent der Wähler hinter sich versammeln kann.

Für mich als Ostdeutsche war das eine Zäsur, heute fühle ich das stärker als damals, heute sehe ich das klarer. Auch wenn ich es bereits wusste, es wie viele andere auch in Texten beschrieben habe, durch die ostdeutsche Gesellschaft geht ein furchtbarer Riss. Dieser Riss ist nun noch größer geworden. Er lässt sich mit den Worten Gewinner oder Verlierer nicht beschreiben. Eher teilt sich die Gesellschaft in jene, die in Schwerin, Dresden oder Erfurt leben und aus diesem Land ein modernes, plurales, progressives Land mitten im Herzen Europas machen wollen, mitten in einem Herzen der Welt. Die aus unserer Geschichte des 20. Jahrhunderts gelernt haben, was daraus zu lernen ist. Und in jene, die das nicht wollen, die aus unserer Geschichte nichts gelernt haben.

Jana Hensel, 1976 in Leipzig geboren, 2002 erschien Zonenkinder, 2010 bekam sie den Theodor-Wolff-Preis, von 2012 bis 2014 war sie stellv. Chefredakteurin der Wochenzeitung der Freitag. Jana Hensel lebt in Berlin © Michael Mann

So traurig das ist, so schwer das zu leben ist, so einfach ist doch die Sache mit dem Riss zu verstehen. Vielleicht ist es ja so, dass es Menschen gibt, die in ihrem Leben zu viele Dinge gesehen und nicht verstanden, erlebt und nicht erklärt bekommen, erlitten und kaum Trost erfahren haben. Derart Täter wurden. Mir tun diese Leute aufrichtig leid, sie leben in einem Hass, sie verbringen ihr endliches Dasein, andere Menschen zu erniedrigen, zu klassifizieren, auszuschließen. Ich möchte in so einer Haut nicht stecken, ich möchte mit solchen Augen nicht auf die Welt blicken.

Was ich seit zwölf Monaten aber auch erlebe, soll ich das genauso sagen, wie ich es denke?, ist ein Hass auf die Ostdeutschen. Eine Wut und eine Lust auf Unterstellungen, Pauschalisierungen, Spott, Hohn und Verurteilungen, die ich mir so nie hätte vorstellen können. Ja, auch hier ist der Riss größer, sichtbarer geworden. Der zwischen Ost und West. Frauke Petry hat sich für einen Schießbefehl gegen Flüchtlinge an der Grenze ausgesprochen. Auf Facebook finden es die Leute lustig, sie als Enkelin von Erich Honecker darzustellen. Ich bin auch eine Enkelin von Erich Honecker. Soll ich Ihnen jetzt ernsthaft darlegen, dass ich gegen einen Schießbefehl bin? Möchten Sie wirklich, dass ich mich derart erniedrige?

Die Ostdeutschen sind demokratiefeindlich, tendenziell rechts und überhaupt eine total bescheuerte Spezies, das ist weitgehend Konsens. Der eine artikuliert das leiser, der andere sagt es lauter. Diese Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung sind so alltäglich geworden, dass niemand mehr daran Anstoß nimmt. Sie gehen so durch, sie produzieren Likes und Lacher in beinahe allen Milieus, politischen Lagern und Anschauungsrichtungen.

Immer wieder heißt es, die Ostdeutschen müssten doch, weil sie nach 1989 auch Flüchtlinge gewesen seien, das Schicksal der Syrer besonders gut verstehen. Dieser schräge Vergleich ist auch Konsens geworden, selbst ostdeutsche Publizisten, die es besser wissen müssten, glauben, ihre Landsleute so an ihr eigenes Schicksal erinnern zu können. Ich bin zwar eine Enkelin von Erich Honecker, aber nein, ein Flüchtling bin ich nicht. In Leipzig aufgewachsen, lebe ich heute in Berlin. Dazwischen liegen 250 Kilometer und keine einzige Grenze. Auch wenn es das Land, in dem ich geboren bin, heute nicht mehr gibt, habe ich mein Land nie verlassen. Also macht mich nicht dauernd zu einer Fremden, macht mich nicht dauernd zu jemandem, der hier nicht hingehört, der nicht dazu gehört, der euren Maßstäben nicht genügt. Ihr tut den wahren Flüchtlingen, die aus einem Krieg geflohen und ihr Leben riskiert haben, damit keinen Gefallen.