Ist es überhaupt schon einmal vorgekommen, dass bei einem Playboy-Covermodel vor allem die Augenfarbe diskutiert wurde? Es gibt kaum einen Artikel über das Model auf dem Cover des aktuellen US-Playboy, der ohne einen Absatz über ihre Augen auskommt. Das Model heißt Sarah McDaniel und ist mit einer sogenannten Iris-Heterochromie zur Welt gekommen, einem Gendefekt, der dazu führt, dass sie zwei verschiedenfarbige Augen hat. Das rechte Auge ist braun, das linke blau.

Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass sich die Entscheidung des Playboy, ab sofort keine nackten Frauen mehr abzubilden, umgehend in eine züchtigere Diskussionskultur übersetzt hat. Andererseits besteht natürlich der Verdacht, dass die Debatte über Sarah McDaniels Augen lediglich eine kollektive Ersatzhandlung ist, um nicht darüber sprechen zu müssen, was einem vom aktuellen Cover des amerikanischen Playboy eigentlich viel direkter anspringt: Sarah McDaniel sieht darauf sehr, sehr jung aus. 

Sarah McDaniel auf dem Cover des neues US-"Playboy" © Playboy

Das löst unter den Fans und Gegnern des Playboy gerade nicht nur jene Art Erregung aus, auf die es das Magazin ohnehin abgesehen hat. Ganz offenbar sorgt eine angezogene 20-jährige Sarah McDaniel auf dem Cover des Playboy für deutlich mehr Unruhe als eine ausgezogene 48-jährige Pamela Anderson, das letzte Covergirl der Nacktbild-Ära. 

Der NSFW-Modus

Womit wiederum das demographische Zielgruppenproblem des Playboy gut umrissen wäre: Das Problem des Magazins sind Männer, die sich noch daran erinnern können, wie Pamela Anderson im roten Badeanzug ausgesehen hat. Schließlich entwachsen die langsam der werberelevanten Zielgruppe. Als der Playboy seine Homepage vor ein paar Monaten auf den SFW-Modus umgestellt hat, sei der Altersschnitt der Nutzer von 47 auf 30 Jahre gefallen und der Traffic um 400 Prozent gestiegen, sagte der Chefredakteur des Magazins, Cory Jones, der New York Times.

"SFW" steht in diesem Fall für "safe for work", das Gegenteil von "NSFW", also "not safe for work", und meint Aktdarstellungen, auf denen keine Brustwarzen oder Schlimmeres zu sehen sind. Die Formel ist ein Euphemismus, der eigentlich darauf hinauswill, dass man diese Bilder auch auf Facebook teilen kann, ohne die Community-Standards des Unternehmens zu verletzen. Bislang war der Playboy vom wichtigsten Publikumszulieferer der digitalen Welt im Grunde ausgeschlossen.

Erstmals mit Sprechrolle

In diesem Sinne hat Facebook in der Aktfotografie unversehens ein neues Genre eingeführt: das SFW-Piece, das man am besten an seiner umständlichen Perspektivierung erkennt. Denn natürlich gibt es auch in diesem Heft gänzlich unbekleidete Frauen zu sehen. Sie sind nur eben so arrangiert, dass man sich die Brustwarzen selbst dazudenken muss. Einen praktischen Nutzen hat das Genre übrigens auch noch: Man muss die Darstellungen nicht verhüllen, wenn Irans Präsident Hassan Rohani zu Besuch kommt.

Sarah McDaniel ist allerdings nicht nur das erste angezogene Playboy-Covermodel seit fast einem halben Jahrhundert, sondern auch das erste mit einer Sprechrolle. Über dem Bild liegt ein grauer Balken, auf dem steht: "heyyy ;)". Der Balken ist dem sozialen Netzwerk Snapchat entlehnt, und weil sich dort in erster Linie Teenager bewegen, spielt auch dieser Balken mit dem Sexappeal des Verbotenen.