Nun also Bautzen. Eine geplante Flüchtlingsunterkunft brennt ab, und Schaulustige applaudieren. Davor in Clausnitz, von Bautzen nicht weit weg, blockieren etwa hundert Menschen einen Bus, in dem Flüchtlinge warten und brüllen so laut "Wir sind das Volk", wie es nur Verlierer können, wenn sie sich in der Mehrheit glauben.

In der Spätphase der DDR mag der Satz gegen die SED-Diktatur gerichtet gewesen sein, gegen die "das Volk" als politisches Subjekt aufbegehrte, was man als Ausdruck demokratischer Selbstermächtigung lesen kann, aber nicht muss. 25 Jahre später in Clausnitz, Dresden, Bautzen oder sonstwo in Deutschland ist der Ausruf mittlerweile zum Kampfschrei eines Verbitterungsmilieus geworden, das sich die Welt wieder auf Kleingartengröße wünscht, in der es zwar weiterhin weinerlich sein will, aber wenigstens unter sich: in einer vorpolitischen Schicksalsgemeinschaft, die sich bisweilen hinter Kultur, auf jeden Fall hinter ihrer Abstammung verschanzt hat und niemanden mehr reinlassen will.  Wer "Wir sind das Volk" brüllt, brüllt zugleich "Ihr seid es nicht". 

Sprache, die sich früher gegen die Obrigkeit gewendet hat, wendet sich jetzt nach unten. Gegen Flüchtlinge, die mit dem Bus in einer sächsischen Kleinstadt ankommen, wo schon mehr als hundert Feierabendrassisten warten, die sich selbst für friedlich halten, weil dem Satz, den sie mit blindem, beleidigtem Hass herausschreien, ein friedlicher Ursprung nachgesagt wird. Sie protestierten ja nur. Allerdings bündelt sich in dem Satz die gewaltlose Gewalttätigkeit von Menschen, die sich als tragisches Opfer des, nicht nur in Talkshows, herbeigeredeten "Chaos" wähnen, das die Flüchtlingspolitik übers Land bringe. Und mit diesem imaginären Ausnahmezustand legitimieren sie fortan all ihre Selbstempathie, all ihre Abneigung gegen die plurale Gesellschaft und offenbar jeden Widerwillen gegen jeglichen Anstand.   

Man muss eigentlich nicht mehr darauf hinweisen, dass in der sogenannten Flüchtlingskrise einzig die Menschen leiden, die ihrem Land entfliehen mussten. Man muss nicht mehr daran erinnern, dass das, was in Deutschland derzeit passiert, nicht das Ergebnis von Rechtlosigkeit ist, von der Leute wie Horst Seehofer und Frauke Petry ständig reden. Sondern von einer Anwendung des Rechts, das zu ändern ein fundamentaler Eingriff in die Demokratie wäre sowie in das, was wir Zivilisation nennen.

Und man muss auch nicht mehr sagen, dass in den vergangenen Monaten die Ausnahmezustände zumal von den Menschen erzeugt wurden, die mit Fahnen und Parolen vor Bussen und Heimen zum "Volk" verklumpen, das seine geistige Konkursmasse in die Welt brüllt und schon lange nicht mehr zuhört, weil es schon lange nicht mehr reden will – zumindest, wenn das hieße, auf den Boden einer humanistischen und demokratischen Gesinnung zurückzukehren oder ihn womöglich zum ersten Mal zu betreten. 

Muss man alles trotzdem wieder und wieder sagen?

Aber wäre nicht vermutlich jedes Gesprächsangebot, das vom Rest der Bevölkerung an den Mob herangetragen würde, im günstigsten Fall, wie der Kulturkritiker Georg Seeßlen schrieb, bloß eine "Beschwichtigungsrede gegenüber einem aggressiven Betrunkenen"? Im schlimmsten Fall unterstellte man womöglich, das radikalisierte, selbsternannte Volk fände lediglich die falschen Antworten auf gleichwohl richtige Fragen.      

Zehn Deutsche sind dümmer als fünf, sagte Heiner Müller einmal. Das tröstet wenig. Ebenso wenig die Erkenntnis, dass die Behauptung eines "Volks" immer ins Reich des Imaginären verwiesen hat, an dessen Tor die Vernunft draußen bleiben muss. Der dunkelkonservative Botho Strauß schrieb einst, das "Volk" sei noch "mit seinen Königen tief in den Berg gesunken" und "schlummert dort, bis seine Stunde kommt." Sollten jene, die sich jetzt laut als Volk bezeichnen, es auch tatsächlich sein, darf diese Stunde niemals kommen.