Im Jahr 2013 sorgte die Ausstellung De l'Allemagne für Trubel im Louvre. Grünstichiger Expressionismus und dämonische Abgründe traten taghell hervor. Die Deutschen waren über ihr im Herzen Frankreichs ausgestelltes Gesicht entsetzt. Hatten sie nicht inzwischen ein besseres Selbstbild verdient? Feuilletons diskutierten über nicht beachtete Werke und versuchten mit allen Mitteln, das hassverzerrte Gesicht im Nachhinein geradezurücken. Dieses Spiegelbild entspricht uns nicht. Wir sind inzwischen gut. Wir haben das Bauhaus hervorgebracht (war das Bauhaus wirklich liberal – nicht eher dogmatisch?). Wir sind im Gleichgewicht, erfinderisch, weltoffen, Fußballweltmeister, Kosmopoliten. Wie sieht dieses Spiegelbild 2016 aus? Wie erklärt es sich, dass ein stabiles und erfolgreiches Land innerhalb weniger Monate zerbröckelt?

Sabine Bergk lebt als Schriftstellerin in Berlin. 2012 Prosadebüt erschien ihr "Gilsbrod" im Dittrich Verlag, 2014 "Ichi oder der Traum vom Roman". Sie arbeitet zusammen mit Deutschlandradio Kultur und dem WDR und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Giorgia Bertazzi

Mir kam die "Uns geht's gut"-Tapete seit Jahren wie eine geschickte, der Wirtschaft halber aufgesetzte Maske vor. Eine außenpolitische Schönheitskur, um drängende Brennpunkte nicht anzusprechen. Wir sind das Wirtschaftswunderland! Und hinter der Tapete stieg die Temperatur.

Während der sechs Jahre, die ich in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen an Theatern und Musikhochschulen gearbeitet habe, ist mir der unterschwellige Druck in der Luft nicht verborgen geblieben. Ich fuhr in der Gegend herum, streunte durch leere Fabrikhallen, setzte mich in Eckkneipen – aus Neugier, nicht, um voreilig Negatives zu berichten. Zerteilte Lager, Kämpfe zwischen Antifa und Nazis gab es in meiner Jugend selbst im friedlichen Ostfriesland.

Die Situation hat sich über ein Jahrzehnt zugespitzt und nun, da es eine wirkliche Krise zu bewältigen gibt, entlädt sich allseitig der Druck. Fast leidenschaftlich das Ganze, wenn es nicht inhaltlich erschütternd und im Kern giftig wäre.

Linke Selbstbilder zerbrechen, rechte Weltbilder – brechen aus?

Für eine Untersuchung über gesellschaftliche Hysterie könnten wir momentan eine umfangreiche statistische Zielgruppe abgeben. Warum schreien Sie? Wann haben Sie das letzte Mal geschrien? Wurde in Ihrer Familie vorwiegend geschwiegen und/oder geschrien? Gab es zwischen den Schrei- und Schweigephasen Gelegenheit für Gespräche?

Das Schicksalhafte am Schrei ist, dass er in jedem Fall gehört wird. Ein Schrei lässt dem Zuhörer keine Zeit. Wer schreit, fordert sofortige Aufmerksamkeit. Ein Baby, das schreit, wird versorgt. Not und Mangel finden im Schrei dringenden Ausdruck. Ein Schrei hat Signalwirkung, wirkt wie ein Superzeichen.

Edvard Munchs Bild Der Schrei hatte in Deutschland starke kulturelle Auswirkungen. Das Bild prägte als Schlüsselbild nicht nur den deutschen Expressionismus, es wurde ebenfalls für nordische Nazi-Propaganda missbraucht. Ein Bild, das die Nazis ansprach, rannten sie doch gerade leidenschaftlich einem schreienden österreichischen Gartenzwerg mit Oberlippensims hysterisch hinterher. 2012 wurde Der Schrei als teuerstes Bild der Welt für rund 120 Millionen Dollar innerhalb von zwölf Minuten bei Sotheby's versteigert. Munchs Schrei hat politische Systeme überlebt – als Kunstwerk, das für sich selbst steht und keiner ideologischen Einfärbung bedarf.

Wie steht es mit der Liebe zum Schreien in Deutschland? Seit Jahren beobachte ich, dass rationales Abwägen in Entscheidungsprozessen seltener wird. Stattdessen wird zunehmend unter Schreidruck entschieden.

Ein Millionenbeispiel aus der Opernwelt: Ein Förderverein schreit – und schon wird die alte Berliner Staatsoper wiederaufgebaut. Die Entwürfe werden weder verglichen, noch werden Kosten akribisch gegeneinander durchgerechnet. Die Kosten explodieren – und wieder wird geschrien. Eine Kommission untersucht inzwischen die Angelegenheit im Nachhinein. Wird der Mechanismus Schrei – blinde Handlung – Kosten – Schrei auch gefühlsmäßig untersucht? Wie viel Raum steht Gefühlen in Entscheidungen zu – und brechen sie sich nicht erst recht schreiend eine Bahn, wenn sie nicht berücksichtigt, in die Ecke gedrängt werden?