Im New York des Jahres 2263 fährt man vielstöckig. Weil Autos fliegen können, mussten dafür nicht mal Hochstraßen gebaut werden. Die Straßenschluchten, durch die sie im Film Das fünfte Element düsen, erscheinen tiefer als der Marianengraben. Der Bau in die Vertikale reagiert auf die immensen Grundstückspreise. In den unteren Stockwerken ist das Tageslicht knapp geworden.

Auch in Neo-Seoul sind die Häuser in den Himmel geschossen, der Verkehr hat sich in Unterwasserröhren und auf blaue Leuchtstreifen in schwindelnde Höhe verlagert. Nachdem aufgrund des Klimawandels der Meeresspiegel erheblich gestiegen ist, blieb den Bewohnern nur die Flucht nach oben. Andere Städter mussten derweil ihre Heime unter den Waldboden verlegen oder werden in den Wahnsinn getrieben, weil beim Stadtumbau nach den Vorstellungen einer Feng-Shui-ähnlichen Wissenschaft etwas falsch gelaufen ist. So erzählt es der Film Cloud Atlas.

Besonders erbaulich sind sie nicht, die Visionen, die Science-Fiction-Autoren von unseren Städten der Zukunft haben. Doch gerade deshalb können Planer daraus lernen, meint Stephan Günthner vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. In seinem Auftrag haben Stadtforscher und Literaturwissenschaftler der TU Cottbus mehr als 50 Filme, Bücher, Comics und Computerspiele des Genres auf Tauglichkeit für die Stadtplanung untersucht. Jetzt wurden die Ergebnisse in einer Studie veröffentlicht.

Die Zukunft auf der Erde

"Science Fiction ist nicht der Blick nach vorn, sondern zur Seite. Sie kommentiert unsere Gegenwart", sagt Günthner. Entwicklungen, die sich heute schon andeuten, werden radikal zu Ende gedacht und zu einem Gesellschaftsbild zusammengesetzt. Das unterscheidet die Arbeit der Kreativen von der von Wissenschaftlern, die sich auf ihr Spezialgebiet konzentrieren. "Beispielsweise gehen die Sozialwissenschaftler davon aus, dass die Bevölkerung ärmer wird. Die Einzelhandelsforscher rechnen mit einem Boom der Shoppingcenter. Das passt nicht zusammen", meint Günthner. Auf der Suche nach einem integrierten Gesamtbild kam er auf die Idee, auf die Stadtvisionen der Science-Fiction zurückzugreifen.

Ausgewählt wurden dafür Werke, die im westlichen Kulturkreis entstanden sind und einen deutlichen Bezug zur Realität aufweisen. "Schließlich wollten wir etwas über die Zukunft auf der Erde und nicht auf einem Raumschiff erfahren", sagt Günthner. Zudem wurde nur berücksichtigt, was nach 1970 entstanden ist. Damals wurden Ressourcenknappheit und Umweltverschmutzung als Probleme erkannt und erstmals in der Science-Fiction thematisiert. Heute gehört beides zu den zentralen Herausforderungen für unsere Städte, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung in der Agenda Zukunftsstadt im vergangenen Jahr formuliert hat.

Schon 1970 beschrieb etwa William Earls in seiner Kurzgeschichte Traffic Problems ein New York, das im Smog versinkt. Der Central Park ist einem Parkhaus gewichen; Straßen haben bis zu 230 Fahrbahnen. So weit ist es bislang nicht gekommen. Doch unter einer hohen Luftverschmutzung leiden Städte durchaus.

Gated Communitys sind unsere Raumstationen

Ein besonders drastisches Beispiel dafür ist Beijing, wo man schon heute an manchen Tagen die Hand vor Augen kaum sieht. Aber auch in Stuttgart musste im Januar Feinstaubalarm ausgelöst werden. Der Aufruf, zumindest vorübergehend aufs Auto zu verzichten, wurde weitgehend ignoriert. "Der Egoismus überwog", sagt Günthner. Der Blick in die Science-Fiction zeige, dass dieses Verhalten keine Zukunft habe. "Wir werden unsere Lebensstile anpassen müssen."

Andere Science-Fiction-Szenarien sind ebenfalls näher an unserer Wirklichkeit, als uns lieb sein kann. So zeigt der Film Elysium von 2013 eine überbevölkerte Welt, in der Arme um Wasser kämpfen und Krankenhäuser gnadenlos überfüllt sind, während sich die Superreichen auf einer Raumstation verschanzt haben. In der Realität haben sich diese bislang zwar noch nicht ins All, dafür aber hinter die hohen Mauern von Gated Communitys zurückgezogen. Längst sind diese nicht mehr nur in Johannesburg oder Moskau, sondern auch in Potsdam und Düsseldorf zu finden.

Ein Mangel an öffentlicher Infrastruktur, etwa an Krankenhäusern, ist jetzt schon zu beklagen. An einem normalen Tag müsse man in der Ambulanz der Bonner Universitätsaugenklinik sechs Stunden warten, erzählt Stephan Günthner. "Wir diskutieren über ein paar Minuten, die die Bahn zu spät kommt. Sind das die richtigen Prioritäten – wenn andererseits Menschen mit Schmerzen stundenlang auf Versorgung warten müssen?"