Irgendwann ist er wie eine sehr, sehr lange Rede von Joachim Gauck. Oder eine Busfahrt. Man erkennt den Sinn der Reise nicht, während man drin sitzt, und kommt überdies noch nicht einmal irgendwo an. Relativ bedeutungslose Landschaft zieht vorbei. So fühlt man sich als Zuschauer des Films Suffragetten – Taten statt Worte. Und das ist unfassbar traurig.

Kino - "Suffragette" (Trailer)

Sarah Gavron siedelt ihre Geschichte über den Kampf um das weibliche Wahlrecht in Großbritannien an, im Jahr 1913, ein Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und viele Jahre nach den ersten Aufständen der Suffragetten-Bewegung, die sich, angeführt von der bürgerlichen Emmeline Pankhurst, schnell radikalisierte.

Die Suffragetten setzten sich nicht nur für das Wahlrecht und das Rauchen in der Öffentlichkeit ein, sondern forderten allgemeine Gleichberechtigung. Die Wiedergabe dieser wichtigen und sympathischen, weil überaus chaotischen und radikalen Bewegung wird in dem Film verzerrt, vor allem durch unmotivierte Drehbuchautoren, die alles weglabern lassen, was nur annährend interessant sein könnte. So muss man sich als Zuschauer sehr oft anhören, wie wichtig es sei, "weiter zu kämpfen", und dass Taten wichtiger seien als Worte (wie ja schon der Untertitel des Films androht). Und genau das scheint die Drehbuchautorin Abi Morgan (mit ihr gerann Margaret Thatcher zu einer schrulligen Tante in Die eiserne Lady) verinnerlicht zu haben. Alles bewegt sich, aber nichts, was diese Frauen von sich geben, hat irgendeine Art von politischer Relevanz. Und es wird nicht einmal eine Meinung geäußert. Der Kampf um das Wahlrecht gleicht hier eher einem modernen Scheidungsdrama, in dem sowohl die Frauen als auch die Männer vollkommen profillos und klischeehaft daherkommen. Auf der einen Seite stehen die heiligen Aktivistinnen, auf der anderen die geistig mitunter beschränkten und machtgeilen Männer.

Warum verlangen diese Frauen eigentlich das Wahlrecht, fragt man sich zwischenzeitlich, und prompt gibt uns die Regisseurin eine Antwort: weil Frauen sonst vergewaltigt werden. Das kommt nämlich in der Wäscherei vor, in der unsere Hauptfigur, die Arbeiterin Maud Watts (Carey Mulligan), arbeitet. Maud beobachtet, wie sich der Chef an einem Mädchen vergreift und beschließt daraufhin, sich den Suffragetten anzuschließen. Ob es wohl irgendwo auf der Welt auch Frauen gibt, die zu einer politischen Überzeugung gelangen, ohne vergewaltigt worden zu sein?

Andrea Hünniger, geboren 1984 in Weimar, arbeitet als Buchautorin und Journalistin © Tobias Kruse/Ostkreuz

Mehr oder weniger egal ist dem Film die eigentliche Botschaft dieser Frauen. Und der Regisseurin Sarah Gavron merkt man den harten Kampf um jede Minute Filmmaterial erstaunlich oft an. Er gipfelt in der für den Zuschauer erpresserischen Szene, in der unserer Hauptfigur das Kind entwendet wird, um an eine Pflegefamilie überreicht zu werden, die phlegmatisch in der Gestalt unmotivierter Komparsen danebensteht. Die Tragik dieser Szene wird leider schamlos in die Länge gezogen, bis auch die letzte Zuschauerin in Tränen ausbricht. Wenn die Frauen schon keine Ansichten haben, sollen sie als Muttertiere leiden.

Es steckt leider zu viel von der unübersehbaren "Von Frauen, für Frauen"-Geste in diesem Film, von Frauen produziert, geschrieben und gedreht, womit im Vorfeld zwar ordentlich geworben wurde, aber was nun beim Anblick der flachen und irrelevanten Figuren nur noch schockt. Carey Mulligan kann kaum dagegen anspielen, dass sie wie eine debile Hauptschülerin ständig nach oben schauend, milde lächelnd und immer mit einer Träne im Auge inszeniert wird. Und auch Meryl Streep in der Gestalt von Emmeline Pankhurst wirkt in ihrem zweiminütigen Auftritt, als würde sie sich selbst parodieren. Oder wie eine Großmutter, die mit großem Eifer einer Verabredung zum Nachmittagstee nachgeht. Der Film schafft es nicht, sich zu entscheiden zwischen der Frau als Gefühlsfläche und der Frau als denkendem Wesen. Oder sollen radikale Frauen einfach nicht so gezeigt werden, wie sie sind, nämlich radikal?

Also erzählt Suffragetten von einer mehr oder weniger friedlichen Revolution, in der die Frauen Fenster einwerfen und Briefkästen sprengen, um das Wahlrecht zu erzwingen. Was der Film nicht erzählt, ist, warum es vor allem die bürgerlichen Frauen waren, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts radikalisierten. Was er auch nicht erzählt, ist, dass bereits zwei Jahre, bevor die Handlung des Films einsetzt, Hunderte Frauen von ihren Familien verstoßen wurden und die Polizei mit roher Gewalt auf sie losging. Wie zahlreiche von ihnen an den Folgen der Verletzungen durch die Polizisten starben. Nicht nur deshalb wirkt dieser Film gesäubert. Er höhlt die Geschichte des Feminismus aus, obwohl diese wenig beleuchteten Anfänge aller Frauenbewegungen essenziell für das Verständnis des heutigen Feminismus sind. Er wirkt so gesäubert, dass er eher an eine spanische Seifenoper erinnert als an ein tragisches historisches Ereignis.

Man muss sich diesen Film natürlich trotzdem anschauen. Danach ist man ganz motiviert, auf die Straße zu gehen, um etwas kaputt zu machen.