Vor nichts hat dieses Land so sehr Angst wie davor, einen politischen Akteur als das zu bezeichnen, was er ist. Nach den vergangenen Landtagswahlen sagte nun auch Oskar Lafontaine: Die AfD ist ein Denkzettel für neoliberale Politik.

Wenn es den Wählern um einen Denkzettel gegen neoliberale Politik gegangen wäre, warum haben sie aus Protest in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht die Linke gewählt? Sie hat noch nicht einmal die Fünf-Prozent-Hürde genommen. Denn die Alternative für neoliberale Politik ist, wenn wir es nicht völlig falsch verstanden haben, doch gerade die Linke. Ist die AfD möglicherweise der Denkzettel für die nicht völkisch denkende Angela Merkel?

Wieso gab es in Sachsen–Anhalt nur einen Gewinner? Nämlich die AfD und nicht die Linke. Weil sich einer wie Wulf Gallert, der Spitzenkandidat der Linken, geweigert hat, die Sprache von Pegida und AfD zu übernehmen. Von Anbeginn an, seit 2014 hat Gallert diese Leute als Fremdenfeinde bezeichnet und auch gegen Obergrenzen argumentiert. Gallert stand auf der Seite der Armen, ohne zu spalten, ohne die ganze schwarz-rot-goldene Folklore. Er war gegen die "neoliberale Politik", aber, und das war sein Verhängnis, er war gegen Rassismus und bekundete den Flüchtlingshelfern in der jüdischen wie muslimischen Gemeinde in Magdeburg seinen Respekt. Was die Polizei in Clausnitz betraf, die mit Gewalt einen Minderjährigen aus dem Bus zerrte, ergriff er sofort Partei. Aber nicht für jene, die angeblich Denkzettel verpassen wollen, sondern für die wahren Opfer von AfD und ihren Freunden.

Die AfD ist weder Denkzettel noch ungefährlich. Selbst wenn niemals mehr Flüchtlinge deutschen Boden betreten werden, es gibt genügend Feindbilder in diesem Land, die einer gehörigen Anzahl von Deutschen schon lange ein Dorn im Auge sind. Solange die nicht gehen und ihren Platz in dieser Gesellschaft verteidigen, so lange wird es die AfD geben.

Nach REP, DVU und NPD hat sie nun endlich die Form, die Sprache und die Ästhetik gefunden, die einen Maximalkonsens zwischen Ost- und Westrassisten, städtischen und dörflichen, männlichen und weiblichen Rassisten vereint. Zwischen akademischen Rassisten und nicht akademischen. Es ist ein alter schwelender Konflikt. Er wird als dringender empfunden, je mehr die Minderheiten selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft werden. Dieser Konflikt handelt vor allem anderen von Identität. Nicht von bezahlbarem Wohnraum. Wirklich nicht. Obwohl auch Rassisten Rente wollen.

Auch die von Abstiegsangst betroffene Frau Schlichtkowski aus Schkopau hat gefälligst ihren Verstand einzuschalten. Kein Flüchtling und kein Moslem haben ihr etwas weggenommen. Niemand auf dieser Welt will freiwillig nach Schkopau. Kein muslimischer Flüchtling ist schuld, dass Ostdeutschland kaputt gegangen ist und Erich Honecker nicht mehr lebt. Und ihre Kirche kann sie besuchen, so viel sie Lust hat oder im Haus der Volkssolidarität zu Eierlikör auf Ostschnulzen schunkeln. Die besorgte und verängstigte Frau Öztürk aus Duisburg, die ebenfalls von Armut und Abstieg bedroht ist, und deren Rente niedrig ist, geht auch nicht auf der Straße randalieren und schreit, obwohl sie dazu ein Recht hätte, denn es geht bedrohlich oft um die Re-Arisierung des öffentlichen Raums.

Was die AfD sexy macht, ist keine sozialpolitische Vision, sondern ihr Menschenhass. Was die AfD sexy macht, ist keine ausformulierte Alternative zur aktuellen Flüchtlingspolitik, sondern das knittrige Deutschlandfähnlein in der Günter-Jauch-Show. Was die AfD sexy macht, ist doch keine vorsichtige Annäherung an Reformen, sondern das radikale Getöse von Schüssen auf Mütter und Kinder. Jede Rede und jeder Auftritt, den man der AfD im deutschen (Lügen-)Fernsehen schenkte (etwas, das man der NPD beispielsweise nie gönnte), führte zu Entsetzen im Feuilleton bei gleichzeitig rasanter Zustimmung der (original-)deutschen Bevölkerung. In dieser Situation ist ein enthemmtes Klima entstanden, in der öffentlich vor nichts mehr Halt gemacht wird. Völlig selbstverständlich sehen wir abends in der Tagesschau, wie Mitbürger, das, was wir Regierung nennen, Volksverräter nennen. Was wir Bundeskanzlerin nennen, nennen sie Fotze.

Man muss AfD-Wählern bloß eine Frage stellen, um herauszufinden, wie sie drauf sind: "Sind Sie damit einverstanden, dass Muslime in Deutschland leben?" Die baden-württembergische NPD distanzierte sich von der AfD, weil das mit den Schüssen selbst ihnen zu radikal war und ihrem "nationaldemokratischen Humanitätsbild" nicht entspreche. Und im Europaparlament will die Fraktion EKR ihre beiden Mitglieder Beatrix von Storch und Marcus Pretzell loswerden. Lieber zwei Sitze weniger als die beiden Radikalen aus Deutschland.

Wenn selbst ausgemachten Rechten die Rechten zu rechts sind, dann sind wir von Denkzettelmentalität weit entfernt. Hier zwingt eine kleine mächtige Gruppe eine große ohnmächtige Gruppe zur Radikalisierung und erneuten Auseinandersetzung damit, wer oder was das Volk ist. Wer die Bürger. Wer die Nation bildet. Und wie weit man gehen darf, um sein Verständnis von Deutschland durchzusetzen.

Wir hätten die AfD-Anhänger mit Seidenhandschuhen auf Händen tragen können, wer an den Rassismus glaubt, wer ihn so sehr verinnerlicht hat, wem sein Verständnis von Demokratie als Notwendigkeit derart abhanden gekommen ist, den wird weder das Burkaverbotgerede einer Julia Klöckner versöhnen und von der AfD fernhalten noch das Seehofersche Gerede von der letzten Patrone, mit der man die Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme verteidigen werde, noch Sigmar Gabriels Solidaritätsprojekt für "unsere eigenen Leute". Man möchte den verzweifelten Klöckners zurufen: "Leute, vergesst es. Das ist noch nicht offen rechtsradikal genug. Ihr könnt mit dem Original nicht mithalten!"

Wer aber jetzt noch nach der Wahl wie es Oskar Lafontaine erneut tut, AfD-Wähler nicht als "Rassisten abstempeln" will, sondern ihre Wählerschaft als personifizierte Reaktion auf falsche Politik charakterisiert, der glaubt ehrlich daran, dass es AfD-Wählern ausschließlich um bezahlbaren Wohnraum und erhöhte Renten geht. Der erste Schritt, AfD-Wähler ernst zu nehmen, ist zu begreifen: Auch wenn man niemals zuvor in seinem Leben eine rassistische Bemerkung gemacht hat – man tut es, sobald man sein Kreuz bei Rassisten setzt.