Die syrische Mutter von vier Kindern hatte extra Molokhya, eines meiner ägyptischen Lieblingsgerichte, für mich gekocht, und es schmeckte köstlich. Wir saßen zusammen um den Tisch in dem Berliner Flüchtlingsheim und aßen zu Abend: die drei jungen Männer, das kleine Mädchen, Mutter und Vater aus der Nähe von Damaskus und ich, die Deutsch-Ägypterin, die in Kairo aufgewachsen ist. Wir alle lebten erst seit ein paar Monaten in Berlin und trafen nur deswegen aufeinander, weil eine deutsche Freundin mich bat, der Familie beim Ankommen in Deutschland zu helfen.

Dina El-Sharnouby lebt in Kairo und Berlin. Sie promoviert in Politikwissenschaften über Demokratie, Revolution und die Rolle der Jugend in Ägypten. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

Auch wenn ich nicht hierhergeflohen bin und die Familie schon, teilen wir etwas, das für mich noch viel bedeutender ist als eine gemeinsame Fluchterfahrung – und das ist: die Revolution. Wir wissen, was es bedeutet, auf Freiheit und Würde zu hoffen und dafür zu kämpfen.

Scheinbar ist in unseren Ländern, Syrien und Ägypten, nicht mehr viel von der Idee der Revolution übrig. In Syrien ist sie in einen Bürgerkrieg umgeschlagen, und in Ägypten sind die Menschenrechtsverletzungen des Regimes und sein Vorgehen gegen oppositionelle Stimmen schlimmer als vor 2011. Die Frage, ob die Revolutionen in beiden Ländern ein Fehler waren und die Menschen nicht doch besser weiter unter autoritären Regierungen gelebt hätten, stellt sich also in beiden Ländern.

War die Revolution ein Fehler?

Kaum hatten wir mit dem Essen begonnen, fingen wir auch schon an, über den Arabischen Frühling zu diskutieren. Der syrische Vater sagte, es sei keine gute Idee gewesen, sie hätten doch gut gelebt vorher, jeder sei versorgt worden und für alle habe es kostenlose Bildung gegeben. Nur bestimmte Themen hätte man eben nicht ansprechen dürfen: Politik, Religion und Sexualität. Einer der Söhne widersprach ihm sofort, er und seine Generation sähen das ganz anders, die Revolution musste ausbrechen, um den Menschen ihre Würde zu schenken. Und ich stimmte ihm zu. Denn auch in Ägypten teilen viele, vor allem junge Menschen, seine Meinung, auch wenn sie nicht mehr dort leben möchten. Dass der junge Mann trotz allem, was ihm und seinem Land passiert ist, zur Revolution steht, fand ich beachtenswert.

Ich erinnerte mich in diesem Moment wieder daran, dass die Revolutionen in der arabischen Welt doch noch andauern, wenn auch nicht sichtbar durch aktive Teilhabe, so doch sehr wohl in der Haltung der Menschen. Auch wenn der Arabische Frühling heute nicht mehr in der Lage ist, unsere Hoffnungen zu tragen, fragen sich trotzdem immer noch viele Menschen in dieser Region, wie und was man fundamental ändern könnte, um endlich in einer freien und gerechten Gesellschaft zu leben. Diese Frage wäre vor den Umbrüchen in undenkbar gewesen, und deswegen bin ich auch nach wie vor überzeugt, dass die Revolutionen ein immenses Umdenken und eine Freiheit der Gedanken möglich gemacht haben.

Wir sind kritischer und mutiger geworden

Die arabische Welt hat viele Gemeinsamkeiten wie Sprache, Kultur und Religion (wobei vor allem die Religion zu den größten Konflikten führt), aber vor dem Arabischen Frühling war jedes Land mehr oder weniger für sich. Während die Militärregierungen sich gegenseitig unterstützt haben, hatten die Menschen nicht viel miteinander zu tun. Und nun saß ich mit einer syrischen Familie in Berlin und reflektierte in aller Offenheit und Ehrlichkeit, was das autoritäre System für sie bedeutete und welche Änderungen wir uns vorstellen könnten. Das hätte es vor den Revolutionen nicht gegeben. Ein Teil der arabischen Welt hat sich also geändert, wir sind kritischer geworden und mutiger. Umso schmerzhafter ist es, dass der Traum vieler Syrer von Freiheit und Würde dazu geführt hat, dass es unzählige Tote gibt und die Hälfte der Bevölkerung ihre Heimatorte verlassen musste, um im eigenen Land umzusiedeln oder den langen, gefährlichen Weg nach Europa auf sich zu nehmen.

Viele Deutsche helfen den Flüchtlingen und versuchen so, der Menschlichkeit gerecht zu werden. Die deutsche Regierung zeigt hierbei ein doppeltes Gesicht: Während sie – anders als andere europäische Staaten – viele Flüchtlinge aufnimmt, hat sie gleichzeitig kein Problem, Diktaturen wie Ägypten ökonomisch zu unterstützen. Egal welche Menschenrechtsverletzungen dort auch passieren, Siemens investierte beispielsweise erst vergangenen Sommer circa acht Milliarden Euro.