Ein Besucher des Tunnel-Museums in Sarajevo © Elvis Barukcic/AFP/Getty Images

"Wer wären wir, wenn wir kein Mitgefühl für jene aufbringen könnten, die nicht wir selbst sind und die nicht zu uns gehören? Wer wären wir, wenn wir uns selbst nicht – wenigstens für einen Moment – vergessen könnten? Wenn wir nicht etwas anderes werden könnten, als wir sind." Das sagte Susan Sontag 2003 in ihrer Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Lina Muzur, geboren in Sarajevo, arbeitet als Leitende Lektorin beim Aufbau Verlag in Berlin. Sie ist Mitglied von "10 nach 8".

Nur, wie soll das gehen, wie sollen wir Mitgefühl für jene entwickeln, die nicht wir selbst sind? Wie sollen wir uns selbst überwinden? Wie sollen wir Krieg verstehen, wenn wir niemals im Krieg waren? Wie Folter nachempfinden, wenn wir niemals gefoltert wurden?

Wir können uns zum Beispiel in ein Flugzeug setzen und nach Sarajevo fliegen. So wie Thibaut und seine Freundin Camille. Sie sind mit den Bildern des brennenden Sarajevos groß geworden. "Ich war noch sehr klein, aber ich erinnere mich an den Anblick der einstürzenden Hochhäuser, sie machten mir Angst und ich wusste, das passiert alles ganz in der Nähe, mitten in Europa", erzählt Thibaut und schüttelt den Kopf. Als wäre ein Krieg, der auf dem eigenen Kontinent tobt irgendwie schlimmer als ein Krieg, der, sagen wir, in Kolumbien stattfindet. Thibauts Freundin übernimmt und sagt, sie wären hierhergekommen, um zu verstehen, wie das alles geschehen konnte. Aber auch, weil Sarajevo in Frankreich von den Reiseagenturen als "kleines europäisches Jerusalem" beworben wird. Was natürlich extrem verlockend klingt.

Kriegsopfer in Gedanken

Thibaut und Camille gehen in Sarajevo ins Museum. Das Museum liegt am Rande der Stadt, dort, wo eine der blutigsten Schlachten des Bosnienkrieges geführt wurde. Das Museum ist ein schwarzes Loch, einen Meter breit, eineinhalb Meter hoch, 750 Meter lang. Thibaut und Camille versuchen sich hineinzudenken in das Jahr 1993, als dieser Tunnel, mit bloßen Händen gegraben, der einzige Weg aus der belagerten Stadt war. Als durch den Tunnel Care-Pakete transportiert wurden, Wasser, Medikamente, Benzin, Waffen, Munition und natürlich Zigaretten. Als durch den Tunnel die Kranken, Alten und Verwundeten geschleppt wurden.

Nun kriechen Thibaut und Camille wie Hunderttausende von Touristen vor ihnen ratlos in diesem Tunnel herum. John Travolta und Orlando Bloom waren auch schon hier, das lesen sie am Eingang. Sie kriechen und versuchen sich vorzustellen, sie wären Kriegsopfer, verängstigt, ausgehungert, desperat, jeder Menschlichkeit beraubt. Vielleicht meinen sie sogar kurz den Nachhall der verzweifelten Schreie von damals zu hören. Möglichst authentisch wollen sie sich schließlich auf das Leid der anderen einlassen. Aber irgendetwas hindert sie daran. Also verlassen sie den Tunnel und beschließen, den Tag in einem traditionellen bosnischen Restaurant ausklingen zu lassen. Sie wollen ihre letzten Tage im kleinen europäischen Jerusalem genießen.

Der sogenannte "Tunnel of War" ist eine beliebte Destination des Dark Tourism, einer wachsenden touristischen Bewegung, früher Katastrophentourismus genannt. Das 2012 in Lancashire gegründete Institute for Dark Tourism definiert diese Art des Reisens als "Besichtigung von Orten, Attraktionen und Ausstellungen, die mit Tod, Mord, Gräueltaten, Gewalt, Leid, Schmerz und dem Makabren assoziiert werden". Auf der entsprechenden Website sind 700 Reiseziele in 108 Ländern gelistet, etwa die Killing Fields in Kambodscha, Robben Island in Südafrika, die Sperrzone rund um den Atomkern von Tschernobyl. Auf derselben Seite erhält man auch die Antwort auf die Frage, ob man selbst ein Dark Tourist ist. Nämlich wenn man schon mal in Auschwitz war. Oder den Wunsch hegt, in die Pariser Katakomben hinabzusteigen. Oder den Ground Zero "auszuchecken", wenn man schon mal in New York ist. Man ist ein Dark Tourist, wenn man in Prag das Foltermuseum besucht, wo man dank audiovisueller Effekte das Gefühl bekommt, Zuschauer einer Hexenverbrennung zu sein.