Die gute Nachricht zuerst: Bei der Entführung des EgyptAir-Flugs von Kairo nach Alexandria, die auf Zypern ihr glimpfliches Ende fand, ist niemand zu Schaden gekommen. Die ganz gewiss noch bessere Nachricht ist aber, dass sich bei diesem Flug ein unerschrockener Millennial an Bord befand, der im Angesicht seines möglicherweise nahenden Todes den Flugzeugentführer um ein Selfie gebeten hat.

Auf diese Weise ist ein Bild entstanden, das eine Version der Geschichte anbietet, die der Weltöffentlichkeit andernfalls höchstwahrscheinlich entgangen wäre. In dieser Version stehen sich nicht zwei paranoide, feindlich gesinnte Militärapparate gegenüber, die bis aufs Messer einen Kampf der Systeme und Weltanschauungen austragen. Sondern zuerst einmal zwei Männer, die nicht unbedingt den Eindruck erwecken, als könnten sie mit profunder geopolitischer Argumentationstiefe herleiten, wie sie in diese Situation geraten sind. Womit es ihnen genauso geht, wie es jedem anderen an ihrer Stelle gehen würde. Was sie beide hingegen ganz genau wissen: Sie sind einander nicht unmittelbar unsympathisch. Und das ist im Zweifelsfall sehr viel mehr wert.

Der brave Soldat Schweijk heißt in diesem Schelmenstück Ben Innes, ist 26 Jahre alt und arbeitet als Wirtschaftsprüfer in Aberdeen. "Ich bin nicht sicher, warum ich es gemacht habe", sagte er dem britischen Guardian, "ich habe die Vorsicht einfach fahren gelassen und versucht, im Angesicht des Unglücks optimistisch zu bleiben. Ich dachte, wenn die Bombe echt ist, habe ich ohnehin nichts zu verlieren, also habe ich versucht, sie mir mal aus der Nähe anzuschauen." So weit alles einleuchtend.

Selfie oder nicht?

Der Rest ist schon jetzt Zeitgeschichte: Ben Innes aus Aberdeen bat ein Crew-Mitglied, für ihn zu übersetzen, und fragte den ägyptischen Flugzeugentführer, ob er nicht vielleicht ein Selfie mit ihm machen wolle: "Er hat nur mit den Schultern gezuckt, also habe ich mich neben ihn gestellt und in die Kamera gelächelt, während die Stewardess das Foto gemacht hat. Das ist wahrscheinlich das beste Selfie aller Zeiten." Noch aus dem Flugzeug schickte er das Foto via WhatsApp einem Freund.

Damit könnte die Geschichte ihr Bewenden haben und es wäre schon eine der besseren Anekdoten dieses Jahres. Wäre da nicht westliche Gymnasial-Öffentlichkeit, deren unmittelbare Reaktion auf diese Geschichte darin bestand, eine bildtheoretische Debatte vom Zaun zu brechen. Die drängende Frage, die in den sozialen Netzwerken so intensiv diskutiert wurde, dass sie mittlerweile sogar vom Guardian aufgegriffen wurde, lautet also: Ist es wirklich ein Selfie, wenn doch offensichtlich keiner der Abgebildeten den Auslöser drückt? Oder geht Ben Innes nicht ein wenig sehr achtlos mit den Begriffen um, wenn er sein Bild als "das beste Selfie ever" bezeichnet?

Stille Übereinkunft

Der aktuelle Stand der Debatte soll niemandem vorenthalten werden: Laut Oxford Dictionary ist ein Selfie eine "Fotografie, die man von sich selbst typischerweise mit einem Smartphone oder einer Webcam gemacht und auf eine Social-Media-Seite hochgeladen hat". Da haben wir's! Wobei zu Ben Innes' Ehrenrettung gesagt werden muss, dass auch Institutionen wie die Times das Bild fälschlicherweise als "Selfie" bezeichnet haben. Ben Innes' Mutter wiederum, die das Foto auch erhalten hat, als ihr Sohn noch im Flugzeug saß, bezog im Telegraph Stellung: "Es ist eindeutig kein Selfie."

Ganz sicher aber ist das Foto die 2016er-Version des legendären Weihnachtsfriedens, den deutsche, russische und britische Soldaten im Jahr 1914 spontan ausgerufen haben sollen. Am Heiligabend des ersten Kriegsjahres haben die Soldaten das Feuer eingestellt, sich in der Mitte des Schlachtfeldes zusammengesetzt und sich den Tee und das Gebäck geteilt, das ihnen ihre jeweiligen Kommandostellen zu Weihnachten haben zukommen lassen. Im Jahre 2016 übernimmt nun das Foto die Rolle des Gebäcks: Es ist das über alle Grenzen hinweg verständliche Zeichen der stillen Übereinkunft.

EgyptAir - Passagiere berichten von Flugzeugentführung Die Reisenden der entführten EgyptAir-Maschine sind mit Jubel in Kairo empfangen worden. Der Airbus war auf dem Weg von Alexandria nach Kairo zur Landung im zyprischen Larnaka gezwungen worden, wo sich der Entführer schließlich ergab.