Ein feministisches Protestplakat in Madrid © Marcos del Mazo/dpa

Spätestens die Ereignisse von Köln haben mit schonungsloser Deutlichkeit gezeigt, dass die Gesellschaft einen Feminismus braucht. Der selbsternannte Postfeminismus, die Müdigkeit, sich mit feministischen Themen zu befassen, weil wir dieses ganze Geschlechterdings angeblich längst hinter uns haben, wurde durch die sexuellen Massenübergriffe gegen Frauen in der Silvesternacht als bequeme Selbsttäuschung entlarvt. Frauen werden immer noch durch Männer in ihrer Freiheit eingeschränkt, in einigen Situationen sicher stärker als in anderen, aber von einem allgemeinen Respekt vor der Unantastbarkeit der sexuellen Selbstbestimmung der Frau kann keine Rede sein. Unsere Gesellschaft braucht deshalb einen Feminismus, der Betroffene nicht mit den spezifischen Problemen, die sich aus dem zerrütteten Geschlechterverhältnis ergeben, alleine lässt und der unablässig dafür kämpft, diese Probleme zu lösen.

Man darf bezweifeln, dass der moderne Feminismus in seiner derzeitigen Form diesem Anspruch gerecht wird oder überhaupt gerecht werden kann. Sucht man nach einem Beispiel für die sprichwörtliche verbrannte Erde, dann ist die Frauenbewegung ein ziemlich geeignetes Terrain. Feministische Themen lassen die Kommentarspalten von Medien und Blogs zuverlässig mit Beschimpfungen überquellen. Diese offenbaren eine ungeheure Wut gegen die Bewegung, gegen ihre Positionen und die Menschen, die in ihrem Namen sprechen. Die Anfeindungen reichen dabei von harmlosen Beleidigungen bis hin zu Vergewaltigungs- und Todesdrohungen. Einhundert Jahre nach den ersten Protesten englischer Suffragetten, die für das Wahlrecht der Frauen eintraten, ist das eine erschütternde Bilanz.

Die leichte Entflammbarkeit feministischer Diskussionen ist jedoch nicht allein das Resultat männlicher Angst vor dem Machtverlust. In Blogs und Medien findet sich neben den obligatorisch beleidigten Männerrechtlern immer öfter auch berechtigte, sachliche Feminismuskritik von Autoren und Autorinnen, die sich durchaus mit den Zielen der Frauenbewegung identifizieren können. Der Grund für diesen scheinbaren Widerspruch liegt unter anderem darin, dass der Feminismus selbst allzu oft Ressentiments schürt, auch unter potenziellen Unterstützern.

Die Galionsfiguren der modernen Frauenbewegung lassen solche Kritik, unabhängig davon, aus welchem Lager sie kommt, meist als Ablenkungsmanöver ("Derailing") oder "überflüssige Meta-Diskussion" an sich abperlen. Sie verweisen dann darauf, dass es den einen Feminismus gar nicht gibt, sondern nur individuelle Positionen. Die unangenehme "Bist du nicht mein Freund, so bist du mein Feind"-Rhetorik vieler Feministinnen, bei Twitter kursierende schwarze Listen mit unerwünschten Personen sowie die Ablehnung von Männern als Mitstreiter entlarven den pluralistischen Feminismus jedoch als Hirngespinst. In Großbritannien werden Veranstaltungen über Geschlechterthemen von FeministInnen boykottiert und bisweilen bedroht, wenn dabei unliebsame Personen auftreten. Unliebsam ist dabei mitunter schon, "wer keine Gebärmutter" besitzt.  Die Zuspitzung jeder minimalen Abweichung vom eigenen Standpunkt zu seinem kompletten Gegenteil ist derzeit in vielen Diskursen zu beobachten, es ist die Diskurskrankheit des 21. Jahrhunderts. Kritische Kommentare oder Fragen führen zuverlässig zu der umgehenden Beschimpfung als Nazi, als Antifeminist, als homo- oder islamophob.

Die Mitglieder der Frauenbewegung sägen mit dieser abschottenden Haltung an dem Ast, auf dem sie sitzen. Denn der Erfolg einer Gesellschaftsbewegung hängt nicht nur von ihrem Selbstverständnis, sondern in besonderem Maße auch von ihrer Außenwirkung ab. Feministinnen müssen deshalb lernen, Kritik ernst zu nehmen.

Wie ein Kind, das "Feuer!" schreit

Einer der Gründe für die schlechte Außenwirkung ist neben der Kritikresistenz die Übererregbarkeit weiter Teile der feministischen Bewegung. Sie pumpt oft jedes noch so kleine Konfliktchen zwischen den Geschlechtern zu einem staatstragenden Skandal auf, der unverzüglich zu einer Kündigung oder Verhaftung des Mannes zu führen hat. Verdiente Wissenschaftler müssen zum Beispiel weinend vor die Kameras treten, um sich für die Wahl ihres Oberhemdes zu entschuldigen, andere werden für gedankenlose Witze gleich gefeuert.

Die grellen Stimmen des Feminismus finden nichts dabei, den wütenden Mob zu geben. In ihrer Empörung ist jemand, der vor Kameras ein Shirt mit Pin-up-Motiven trägt, praktisch das Gleiche wie jemand, der eine Frau vergewaltigt. Die moralischen und juristischen Abstufungen männlicher Übergriffe sind für sie irrelevant, wodurch allmählich eine Überkriminalisierung der Männer entsteht. Die empfindlichen Teile der Frauenbewegung sind laut, paranoid und nicht im entferntesten an einer Welt, in der alle Geschlechter friedlich und ebenbürtig miteinander leben, interessiert. Es geht ihnen hauptsächlich darum, ein Ventil für ihre Wut zu finden, und dafür scheinen ihnen auch niedrigere Anlässe willkommen.

Mit dieser Hysterie ist der Feminismus wie das Kind, das "Feuer!" schreit, obwohl es gar nicht brennt. Nachdem es die Leute zum x-ten Mal umsonst aufgeschreckt hat, glaubt ihm keiner mehr und als es wirklich brennt, winken alle nur verärgert ab. Die moderne Frauenbewegung gefährdet aktiv die Unterstützung für die Opfer männlicher Gewalt, indem sie immer nichtigere Anlässe zu gewaltsamen Akten erklärt, etwa verbal violence nach verunglückten Dates. Der gefährliche Missbrauch des Themas Gewalt führt nicht etwa zu mehr Solidarität mit Opfern, sondern ganz im Gegenteil zu mehr Skepsis gegenüber Berichten über Gewalterfahrungen. Der Feminismus arbeitet damit der rape culture zu, die Opfern zu wenig Glauben schenkt und die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung allzu oft als Lappalie abtut.

Der Prinzessinnen-Mythos in Reinkultur

Gut möglich, dass sich hier, nach Jahrtausenden der Unterdrückung, eine Wuteruption Bahn bricht. Doch das lautstarke Zetern über die Zumutungen der Männerwelt scheint eher Programm als Ausrutscher zu sein. Was fehlt, sind Analysen, Ursachenforschung und die für alle verständliche Vermittlung der Mechanismen der Ungerechtigkeit.       

Beobachtbar war das gerade auch nach den Übergriffen von Köln, als sich innerhalb kurzer Zeit das feministische Bündnis #ausnahmslos bildete, das nicht nur pauschal die Abschaffung von sexueller Gewalt, sondern auch – da die Täter überwiegend dem muslimisch geprägten Kulturraum entstammten – von Rassismus forderte. Eine Analyse sowohl der Auslöser als auch der strukturellen und kulturellen Ursachen der Übergriffe unterblieb auch hier, während paradoxerweise gleichzeitig die Wichtigkeit einer differenzierten Debatte betont wurde.

Der Feminismus ist heute kaum mehr als die ständige Neuformulierung der immer gleichen Haltung: "Männer, Ihr macht die Welt schlecht für Frauen, hört auf damit." Mit seiner anklagenden, passiven Erwartungshaltung redet der Feminismus den Frauen ständig ein, dass sie kaum Einfluss auf den Verlauf ihres Lebens und die Erfahrungen, die sie in dieser Welt machen, nehmen können. Das ist das Gegenteil von empowerment. Vermutlich ohne es zu wollen, beschwört er immer wieder das Narrativ vom schwachen Geschlecht, das nur durch das gute Verhalten ehrbarer Männer frei sein kann, ein Prinzessinnen-Mythos in Reinkultur.