Demonstrationsplakat am Internationalen Frauentag in Berlin © Wolfgang Kumm/dpa

Zum Weltfrauentag wird der Feminismus gefeiert, aber natürlich auch kritisiert, wie die Autorin Meike Lobo es auf ZEIT ONLINE tut. In ihrem Text beschreibt sie den Feminismus als zu wütend und zu laut, als schroff und kontraproduktiv. Sie scheint Bonuspunkte für die Verwendung von Begriffen wie hysterisch und kreischen zu sammeln. Und wie ist der Feminismus nicht verschiedentlich verunglimpft worden: eklig, männerfeindlich, untervögelt, unsexy, latzhosig, zahnbehaart. Glaubt man Hannah Lühmann, hat er dringend eine PR-Beratung nötig, um sich neue Zielgruppen zu erschließen und endlich etwas auf die Reihe zu bekommen. Dass sich in der feministischen Programmatik durchaus Ziele finden lassen, deren Verwirklichung für ein friedlicheres und gerechteres gesellschaftliches Miteinander hilfreich wäre, leugnen viele gar nicht. Nur griffen die Aktivistinnen eben immer daneben.

Die Vorstellung, dass der Feminismus sich gefälligst mal nicht so haben soll, hat Tradition. Zuerst war es ein allgemeingültiges "Schweig!", dann ein "Hör auf, das zu sagen!" gekoppelt an ein "Sag etwas anderes!". Inzwischen ist daraus immer häufiger ein "Nicht in diesem Ton!" geworden.

Gehen wir, mit Meike Lobo, für einen Augenblick davon aus, es gäbe wirklich den Feminismus anstatt all der unterschiedlichen Strömungen, Wellen und Gruppierungen. Anstatt der Myriaden von kleinen, persönlichen Feminismen. Der moderne Feminismus leidet entgegen Lobos Unterstellung weder an thematischer Eindimensionalität noch an genereller Kritikunfähigkeit. Vielmehr kämpft er mit den Auswirkungen übler Nachrede und selektiver Wahrnehmung. Wie anders ist es zu erklären, dass er sich wenige Tage, nachdem sich viele seiner Protagonist*innen öffentlichkeitswirksam hinter dem Projekt Equal Care Day versammelt haben, von Lobo vorwerfen lassen muss, er blende den Bereich Pflege aus? Wie kann es sein, dass sich der Feminismus mit Alleinerziehenden und streikenden Hebammen solidarisiert, wenn er für diese Gruppen angeblich gar kein Interesse aufbringt? Warum betont er landauf, landab in Vorträgen, dass es eben nicht ausreicht, Frauen lediglich in Bezug auf Mint-Berufe gleich zu berechtigen, sondern dass es auch um eine generelle Anerkennung und Aufwertung von Care-Tätigkeiten gehen muss? An vielen Stellen wirkt Lobos Text wie eine Phantomabrechnung mit einem Feminismus, den sie – aus welchen Gründen auch immer – gar nicht so genau kennen will. Sie möchte offenbar gar nicht richtig wissen, an welcher Vielzahl von Motiven er sich abarbeitet. Das ist, als hielte man sich weite Teile eines Gesprächs über die Ohren zu, um dem Gegenüber anschließend vorzuwerfen, es sage immer nur das Gleiche und überhaupt zu wenig.

Kontemplative Harmlosigkeit bliebe folgenlos

Trotz oder gerade wegen solcher und anderer Einengungen des Sichtfeldes fragt Lobos Form der Kritik wie die vieler anderer zudem rhetorisch, ob Feminismus nicht erfolgreicher wäre, wenn er in seiner Außenwirkung netter und freundlicher erschiene. Das mag stimmen. Aber wie hätte er dann in vorausgehender kontemplativer Harmlosigkeit zu seinen Positionen gefunden? Immerhin stellt er die Machtfrage und sollte daher mit einem besonderen Gefahrensiegel versehen werden: Achtung – Feminismus gefährdet bestehende Verhältnisse!

Selbstverständlich muss bei so einer Warnung mit dem gerechnet werden, was Meike Lobo als "männliche Wut" umreißt. Allerdings sind in diesem Zusammenhang keine Verniedlichungsmaßnahmen, sondern Anger-Management-Kurse angebracht. Es ist nicht die Aufgabe des Feminismus, seinen Schmerz über sexualisierte Gewalt für all jene zu beschönigen, die nicht anerkennen wollen oder können, wie sehr diese in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Er muss mit seiner Kritik an rassistischen Strukturen nicht auf einen günstigeren Moment warten als den, wenn im Namen von Frauenrechten Gesetzesverschärfungen gegen Geflüchtete legitimiert werden. Er kann im Kapitalismus ans Ruder wollen oder auch durch ostentative Faulheit Kritik am herrschenden System üben. Er braucht nicht dankbar lächelnd Blümchen am Weltfrauentag entgegennehmen, sondern darf das Ganze Frauenkampftag nennen, Themen anstoßen und Ansichten herausfordern. Er hat letztlich auch die Freiheit, die Impulse dieses Textes eines heterosexuellen weißen Mannes als zu sich gehörig aufzunehmen oder rundweg abzulehnen.

Es geht um das Dazwischen

Darüber hinaus braucht und verdient Feminismus Kritik. Diese sollte sich nur nicht in einer Art wohlfeiler Parteitagsberichterstattung erschöpfen. Wenn sich alle scheinbar mühelos auf etwas einigen können, gilt es als abgekartete, langweilige Sache. Wird jemand hingegen herausgefordert, heißt es sofort Kampfkandidatur. Feminismus als öde Servicewüste, bei dem die unzufriedene Kundschaft in einer Dauerwarteschleife gelangweilt wird. Oder als Kriegsschauplatz, auf dem sich Menschen in sinnlosen Grabenkämpfen aufreiben und die eigentlichen Ziele aus den Augen verlieren. In dem vielschichtigen Dazwischen, das in dieser Betrachtungsweise leider ignoriert wird, ringen Aktivist*innen jeden Tag um die Realisierung dessen, was sie als ihre feministischen Inhalte definieren. Sie flüstern und schreien. Sie kooperieren und streiten. Sie kritisieren und werden kritisiert.

"Das Patriarchat hat keinen Endboss", sagt Anne Wizorek und hat recht damit. Das Patriarchat ist ein Teufel, der im Detail steckt. In unzähligen Details. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass Feminismus mehr als eine Agenda hat. Zweifellos irrt er, wie Meike Lobo konstatiert, zuweilen in der Umsetzung, scheitert und schießt über das Ziel hinaus. Aber einer muss den Job schließlich machen.