Dieses Fußballbuch endet mit Goethe. Als sich Jean-Philippe Toussaint im Sommer 2014 vom Halbfinale Argentinien gegen Holland von der Arbeit am neuen Bestseller abhalten lässt, wüten über seinem Wohnsitz Korsika Stürme, Regen und Blitze. Erst verliert sein Internet die Verbindung, dann sein Radio den Strom. Nach nervöser Suche findet er im Keller ein Transistorradio mit Batteriebetrieb, gerade rechtzeitig, um sich am entscheidenden argentinischen Elfmeter zu beglücken.

Ergriffen tritt er auf den Balkon und blickt auf das Unwetter. Eine Anspielung auf eine Szene in Die Leiden des jungen Werther. Dort stehen Lotte und der jugendliche Held am Fenster und betrachten ein Frühlingsgewitter. Sie sagt nur ein Wort: Klopstock, der verehrte Hymnendichter. Dann gehen den beiden unglücklich Verliebten die Augen über. Toussaint lässt sich vom Naturereignis Fußball rühren und bewegen. Seine Frau, noch eine profane Abweichung von Goethe, liegt im Bett und fragt: "Ist der Fußball vorbei?"

Das ist die typische Ironie des gefeierten belgischen Autors Toussaint. Doch die Huldigung des Fußballs in seinem neuen Büchlein Fußball ist ihm ernst. In biografischen Begebenheiten schildert er in Miniaturen seine tiefe Liebe zu diesem Spiel. Es ist eine kindhafte Liebe, ratlos und unergründlich. Es ist auch die Welt- und Selbstbeschreibung eines willentlich naiven Liebhabers über das, was der Fußball mit ihm macht, wohin er ihn treibt, was er dank ihm erkennt.

Der belgische Autor und Regisseur Toussaint wurde durch Romane wie Sich lieben oder Fliehen einem internationalen Leserkreis bekannt. Nach dem Berliner WM-Finale 2006 widmete er Zinédine Zidanes Kopfstoß gegen den italienischen Bösewicht Marco Materazzi ein ganzes, kleines Buch (Zidanes Melancholie). Mit Zidane, dem Kreativen, fühlt der Schriftsteller mit. "Unfähig, sich mit einem weiteren Tor zu verewigen, verewigte er sich in unserer Erinnerung."

"Ich schaue nicht mehr mit den Augen des Kindes", schreibt Toussaint leitmotivisch nun in seinem Essay, "aber ich nehme immer noch mit der unschuldigen Unbefangenheit der Kindheit den Zauber des Fußballs wahr." Der Fußball sei der "zarte Faden", der ihn mit der Welt verbinde.

Wie kindlich staunend sich Toussaint den Fußball erschließt, zeigt das Kapitel über die Weltmeisterschaft 2006. Schon Stunden vor dem Spiel Schweden gegen Paraguay spaziert er um das Berliner Olympiastadion, wo Hitlers Größenwahn seine Spuren bis heute hinterlässt. Als er auf Fans mit australischen Mützen, Mexikotrikots, Hollandschals trifft, das globale multinationale Fußballvolk also, wendet er sich ab von den Nazibauten.

Schweigende Schweden

Einem Mann im peruanischen Trikot möchte er am liebsten die Hände schütteln, um ihm seine Sympathie zu versichern. Nach dem Siegtor fällt ihm ein schweigender Schwede um den Hals, "wie ich nur selten im Leben umarmt wurde". Dabei, schreibt Toussaint, sei er für Paraguay gewesen.

Ein Schlüsselerlebnis seiner Sozialisation als Fan ist für ihn die Weltmeisterschaft 2002, die er in Japan verbringt. Toussaints Blick auf Land und Leute ist so fremd wie liebevoll. Würde sein Buch verfilmt, müsste er von Bill Murray gespielt werden. Er vergnügt sich an hysterischen Fans, tauscht mit Tausenden Japanern Lächeln aus, bringt in der U-Bahn ein verängstigtes Mädchen zum Lachen. Es muss ein glücklicher, sinngesättigter Monat gewesen sein.

Wie die Zeit verrinnt

Während des Spiels Japan gegen Belgien in Saitama feiert er ein belgisches Tor mit einem Mann ein paar Sitze weiter. Es sei "eine der merkwürdigsten Begegnungen" seines Lebens gewesen. "Wir stürzten umständlich aufeinander zu, ohne zu wissen, wie wir unser Tor gemeinsam bejubeln sollten. Wir wechselten kein Wort miteinander, ich weiß nicht mal, ob der Typ überhaupt Französisch sprach."

Toussaints Buch ist ein Fest des Details, aber auch der Reflexion. Anhand des stehengebliebenen Uhrzeigers im Olympiastadion entwirft er eine kleine Philosophie der Zeit. Im Fußball regiere "eine Beziehung genauer Übereinstimmung und perfekter Simultanität zwischen dem laufenden Spiel und der gleichzeitig vergehenden Zeit", schreibt er. Fußball sei nur in Echtzeit genießbar. Man müsse ihn sofort verzehren, wie Austern, Meeresschnecken, Langustinen oder Garnelen. "Ich tue so, als schriebe ich über Fußball, aber ich schreibe, wie immer, über die Zeit, die verrinnt."

"Metaphysische Unruhe"

Wunderbar, wie sich Toussaint in scheinbar Nebensächlichem verliert, wie er sozusagen oft den direkten Weg zum Tor meidet. Mit den dreckigen Geschäften der Fifa befasst er sich nicht, auch nicht mit den Sexskandalen der Profis oder Taktikkram. "Der Fußball der Erwachsenen lässt mich kalt." Von dem 7:1 der Deutschen gegen Brasilien ist ihm die "metaphysische Unruhe" in Erinnerung, sie "in diesen grauenhaften, rot-schwarz quergestreiften Rugby-Trikots" zu sehen. Das Kind in ihm fühle sich um die Sicherheit verletzt, die Deutschen "auf den Fußballplätzen der ganzen Welt und in Ewigkeit" in schwarzen Hosen und weißen Hemden zu sehen.

Fußball ist eine außergewöhnliche Lektüre, nicht nur für den, dem die Standardprosa der traditionellen Fußballreportage zu den Ohren rauskommt. Im Prolog schreibt Toussaint fast kokett: "Dieses Buch wird niemandem gefallen, den Intellektuellen nicht, die sich nicht für den Fußball interessieren, den Fußballliebhabern nicht, die es zu intellektuell finden." Dem soll hiermit widersprochen werden.