Jesus mit der Dornenkrone auf einem Ölgemälde von Matthias Stom, um 1635

Übermorgen ist wieder Karfreitag, das Stiefkind unter den Feiertagen. Man weiß nicht so recht, was damit anfangen. Klar, man kann sich aufregen, dass öffentliche Tanzveranstaltungen verboten sind, aber das ist irgendwie doch kleinkariert. Zumal die Debatte um das Tanzverbot in den vergangenen Jahren fast das Einzige war, was man vom Karfreitag überhaupt noch mitbekommen hat.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Der, wie manche sagen, höchste christliche Feiertag dümpelt schon länger vor sich hin. Zwar finden es viele praktisch, dass er arbeitsfrei ist, ein schöner Auftakt für die sogenannten Osterfeiertage. Aber wirklich begangen wird der Tag doch eher nicht. So langsam könnte man ernsthaft die Frage stellen, warum es ihn eigentlich überhaupt noch gibt. Zumal der Karfreitag, anders als Weihnachten und Ostern, auch noch vollkommen unbrauchbar ist, um die Konsumwirtschaft anzukurbeln. Schoko-Kruzifixe und Dornenkronen-Deko? Eben!

Ältere erzählen mir, wie es früher war: Da zogen sich an diesem Tag alle tiefschwarze Trauerkleidung an und gingen in die Kirche. Im Fernsehen lief nur getragenes Programm, im Radio nur klassische Musik, zu essen gab es Fisch, wenn überhaupt. Kinder durften nicht herumtoben oder laut lachen, denn es war ein ernster, ein trauriger Tag: der Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde.

Heute ist es eigentlich ein Tag wie jeder andere, nur die Geschäfte sind geschlossen.

Vielleicht ist dieser Bedeutungsverlust des Karfreitags einfach eine logische Folge der schrumpfenden Bedeutung des Christentums – Jesus und sein Schicksal ist den meisten Menschen heute eben egal. Aber das allein erklärt es nicht wirklich. An Weihnachten und Ostern geht es ja auch um Jesus und diese Feste sind trotzdem gesund und munter. Man hat schon hartgesottene Atheistinnen an Heiligabend rührselig werden sehen – wer freut sich auch nicht über ein Licht in der Dunkelheit und so eine Geburt ist eben ganz generell ein Symbol für Neuanfang und Hoffnung. Auch Ostern ist problemlos inter-, über- und unreligiös zu deuten: die Feier der Fruchtbarkeit, des Frühlings, der Sonne, der aufblühenden Buntheit. Man muss nicht christlich sozialisiert sein, um damit etwas anfangen zu können.

Das Kreuz bleibt ein Ärgernis

Der Karfreitag hingegen ist tatsächlich eine christliche Spezialität: Eine grausame Hinrichtung als Dreh- und Angelpunkt der Erlösung der Menschen? Diese Idee ist alles andere als selbsterklärend. Schon zu Paulus' Zeiten war das Kreuz, wie er an die Gemeinde in Korinth schrieb, "den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit".

Und die christliche Kirche hat in den nachfolgenden 2.000 Jahren ziemlich viel unternommen, damit das auch so blieb. Dass das Kreuz den meisten Juden und Jüdinnen bis heute "ein Ärgernis" ist, liegt ja keineswegs nur an theologischen Differenzen über die Messianität Jesu, sondern vor allem daran, dass es in christlich dominierten Regionen an Karfreitagen regelmäßig zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung gekommen ist: Sie hätten Jesus ans Kreuz gebracht, wurde von den Kanzeln gepredigt, was nicht stimmt, denn eine Kreuzigung als Hinrichtungsmethode war ganz klar eine Spezialität der Römer. Aber mit Logik und Fakten hatte es der Rassismus ja noch nie.

Gläubige anderer Religionen und Atheisten hingegen halten die Idee, ausgerechnet ein gewaltsamer Foltertod könnte der Wendepunkt zur Erlösung der Menschheit sein, bis heute für bekloppt, auch wenn sie das aus Höflichkeit meist nicht so direkt sagen. Ein Wunder ist auch das nicht, wenn man sich anschaut, welch düstere Opferideologie die Theologen des Mittelalters aus der Kreuzigungsgeschichte herbeikonstruierten: Jesus als Gottes Sohn, der vom eigenen Vater "geschlachtet" wird, und zwar stellvertretend für die Schuld der Menschen. Das Ganze opulent visualisiert mit detailreich gezeigten nackten Männerkörpern, aus denen das Blut nur so herausströmt. Diese Gewalt- und Leidbesessenheit nahm streckenweise geradezu obszöne Dimensionen an, und sie half außerdem einem autoritär-patriarchalen Klerus dabei, Menschen Schuldgefühle, Angst und Schrecken einzujagen und sie damit gefügig zu machen.

Ein Glück, dass sich die abendländische Kultur im Zuge der Säkularisierung von dieser Verirrung halbwegs befreit hat, übrigens auch das Christentum, was maßgeblich der Befreiungstheologie und der feministischen Theologie zu verdanken ist. Einzig in Hollywood wird noch das Narrativ vom maskulinen Helden gepflegt, der nicht zögert, sich zur Rettung der Welt selbst zu opfern, gerne auch explizit blutig. Doch selbst dort, auf der Kinoleinwand, wirken diese Möchtegern-Messiasse zunehmend lächerlich.