Achtung, Bilder von Frauen entsprechen nicht zwingend der Realität: Die britische Schauspielerin Sabrina 1956 im Atelier des Malers Fred Wood. © AFP/Getty Images

Mein Buch Giraffen war gerade erschienen und plötzlich berichteten die Leute mir von ihren narzisstischen Momenten. Sie kamen nah an mein Ohr heran und erzählten von ihrer Schuld, von der Zeit, als sie so selbstsüchtig, so verpeilt, so antisozial waren und mit Drogen vollgepumpt ihre Zeit verplemperten und vor lauter Selbstbezogenheit nicht einmal mehr Kontakt zu ihrem Hund aufnehmen konnten. Es waren eine Menge Leute. Und solche, von denen ich es nie erwartet hätte. Mit anderen Worten: Dieser unschöne Zug verbarg sich offenbar in allen menschlichen Wesen. Hin und wieder trat er hervor. Es schien, als müsse der Mensch einmal im Leben durch den Empathielosigkeitsschlamm durchrobben.

Anne Philippi schrieb für die "FAZ", "Vogue" und "Vanity Fair". 2009 zog sie nach Los Angeles und begann für die "Süddeutsche Zeitung" und "GQ" Hollywood-Interviews zu führen. 2015 erschien ihr erster Roman "Giraffen". Derzeit lebt sie in Berlin und Los Angeles. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Joachim Gern

"Berliner Narzissten". Der Begriff stand kürzlich im Spiegel und ich musste an diese nächtlichen Beichten denken. Aber im dazugehörigen Artikel ging es gar nicht um Beichten. Es ging um eine für das 21. Jahrhundert sehr merkwürdige Einordnung von Schriftstellerinnen, die angeblich Schuld waren am Entstehen einer neuen Form des Narzissmus. Drei Hauptfiguren in drei großartigen Romanen wurden auf eine derart unpassende Weise beschimpft, die auf mich wirkte, als versuche man mit dem Vokabular eines Latein-Leistungskurses, Mark Zuckerberg zu erklären: sinnlos und ungeschickt. Die drei Romane stammen von den Autorinnen Ronja von Rönne, Johanna Adorján und Antonia Baum. Drei Frauen, drei Welten, drei Zustände, drei Moods, drei Haarfarben, drei sehr neue Sichtweisen auf unsere Gegenwart. Drei derart unterschiedliche Autorinnen miteinander zu vergleichen ist eine Absage an die Frau per se, die schreibt. Und wenn eine Frau über sich schreibt und keine Krankenschwestergedanken oder Rettungsszenarien entwirft, ist das ja für viele schon narzisstisch. Die drei aber sind für mich die Zukunft. Ein Rettungsanker in einem Land, in dem Schriftstellerinnen entweder als suizidgefährdete Selbstzerstörerinnen oder als hammerharte Moralistinnen gelten.

Ein Wahnsinn aber, was die Autorin dieses Artikels den Protagonistinnen dieser drei Romane alles vorwirft. Sie seien gemacht für die Herrschaft des Kapitalismus (es ist, wie immer, die Schuld der Autorinnen, dass sie darin leben), sie besäßen keine "seelische Muskulatur" (ob wohl Albert Einstein wüsste, wie so eine Muskulatur aussehen könnte), sie hätten keine Geldprobleme (ein Synonym für schlechte Literatur?). Außerdem seien sie kokain-, alkohol-, und facebookabhängig, litten an fehlendem Gemeinschaftssinn und seien therapiebedürftig (ich würde niemandem mehr trauen, der noch nie beim Therapeuten war). Allesamt also knallharte Narzisstinnen von heute. Ich muss an Kim Kardashian denken, wie sie ihrer armenischen Schwester zuruft: "Are you, like, serious?

Weitaus eleganter als Philip Roth

Alle, wirklich alle Schriftstellerinnen, die sehr wahrhaftig, sehr elegant, sehr unterkühlt und sehr kraftvoll über Sex, Luxus, Liebe, Alkohol, Drogen, Geld, Politik, das Feminine, die Verführung und die Depression aka das Leben geschrieben haben (und dazu schlimmstenfalls auch noch Make-up und Chanelkostüme trugen) sind genau diejenigen, die zählen. Es sind Schriftstellerinnen, deren Protagonistinnen immer narzisstische Züge haben. Es sind genau die Schriftstellerinnen, die, wie man so schön als narzisstischer Berliner sagen würde, "rocken". Es sind diejenigen, die sich von der Idee, die Welt kollektiv zu verstehen, befreit haben. Gott sei Dank. Sie spielen mit einem Ego, und zwar weitaus eleganter als zum Beispiel Philip Roth mit seinen daueronanierenden männlichen Helden.

Ich glaube, man muss als Autor beim Schreiben für eine Weile zum Narzissten werden. Nur so kann man Leser berühren. Nur so kann man Lesern das Gefühl geben, zu wissen, wie es ist, wenn man sich durch den narzisstischen Schlamm, also durch das Schlimme, kämpft. Wir lernen von Narzissten, weil wir erkennen, woran wir scheitern. Das macht uns heute jede Netflix-Serie vor.

Die besten, aufregendsten Autorinnen waren übrigens den heftigsten Narzissmus-Vorwürfen ausgesetzt. Allen voran Joan Didion, oft als Autistin bezeichnet oder als "unterkühlte Bitch", die sich das Recht herausnimmt, beim Schreiben nicht immer nur zu fühlen, sondern vor allem zu beobachten. Es war ausgerechnet Nancy Reagan, die Didion als Bitch bezeichnete, in einem Interview für den TV-Sender CBS. Während des besagten Interviews lag Reagan in einem Schaumbad.

Narzisstinnen haben noch viel zu erledigen

Andere Frauen als Bitch zu bezeichnen, während man in einem Schaumbad liegt, ist an Bitchness wohl kaum zu überbieten. Didion galt jedenfalls ihr Leben lang als die Vorzeigenarzisstin von Brentwood, später Malibu (Brentwood ist das Charlottenburg oder Potsdam von Los Angeles). Sie war die Frau, die sich selbst in Bezug zu den Ereignissen setzte. Nicht umgekehrt. Und das machte sie einzigartig. Ja, auch bedeutend.

Sylvia Plath erging es nicht anders mit der Glasglocke. Oberflächlich fanden die Kritiker das Buch, ichbezogen und das Elend der Welt ausklammernd. Schwachsinn. Jeder, der die Glasglocke gelesen hat, weiß, wie sich das Leid anfühlt, das in einer Frau mäandert. Diese merkwürdige Mischung aus frischem Ehrgeiz und dessen Gegenteil, dazu die Verlorenheit, mit der man große Teile seiner Zwanziger verbringt. Keine Narzisstin hat dieses Gefühl jemals präziser beschrieben.

Anaïs Nin erntete übrigens schon Narzissmusvorwürfe, weil sie Make-up und Kostüme wie eine Celebrity trug und sich nicht mit Sack und Asche begnügte. Sie war die erste Frau, die über Sex aus der weiblichen Perspektive, Affären, Ehebruch und Anleitungen zur männlichen Sexualität schrieb. 1940 kam das einem Karriereselbstmord gleich und auch später noch wurde Nin als "Lady Narcissist" bezeichnet. Die Vorwürfe an Lena Dunham heute klingen ähnlich.

Die Narzisstinnen, zumindest wenn sie Bücher schreiben, haben 2016 für uns noch eine Menge zu erledigen, doch sie haben begriffen, wie man die Sache angehen muss. Oder um es mit dem komödiantischen Philosophen Russell Brand zu sagen "I am a narcissist, but I am your narcissist".