Der Philosoph Peter Sloterdijk © Thomas Peter/Reuters

Peter Sloterdijk ist offensichtlich getroffen. Seine Reaktion auf Kritiker in der ZEIT zeugt davon: eine Reaktion, in der er beklagt, dass "Zurückhaltung als Basishabitus von höherer Kultur" offensichtlich verloren gegangen sei. Es ist freilich auch eine Reaktion, die wenig Zurückhaltung übt und ihrerseits jenen Basishabitus infrage stellt. Ein Dialektiker würde wohl sagen, dass sich in diesem Widerspruch die These Sloterdijks selbst bestätigt. Ein Empiriker wird darin sehen, dass Konflikte recht stabile Gebilde sind, in denen die Rollen so stark verteilt sind, dass auch der Versuch, aus dem Gebilde auszusteigen, die Antipoden noch stärker in sie hineinzieht.

Sloterdijks Hauptvorwurf besteht darin, seine Kritiker übten "intentionale Falschlektüre" insbesondere seines Interviews im Februarheft der Zeitschrift Cicero – ein Argument, das seiner Diagnose einer pawlowsch reflexhaften Form der Debatte ein wenig widerspricht, aber tatsächlich ist es ein schwerwiegender Vorwurf.

Ich nehme dazu Stellung, weil auch ich selbst zu den Kritikern Sloterdijks gehöre, in einigen Interviews und in einem (vom ZEIT-Herausgeber Josef Joffe heftig kritisierten) Artikel in der Welt vom 8. Februar. Dort interessierte mich freilich weniger Sloterdijk als vielmehr ein merkwürdiger Diskurs, in dem ein bestimmter männlicher Typus von Intellektuellen ganz offensichtlich jene Ökumene von Vereinfachern bedient, die angesichts der Flüchtlingskrise ein kollektives Selbst imaginieren, das durch Flüchtlinge und Migranten infrage gestellt wird. Das ist exakt das Argument jener, für die die Flüchtlingskrise der willkommene Anlass ist, ihre Unversöhnlichkeit mit dem "System" infrage zu stellen. Mir selbst hat Sloterdijk auf einer öffentlichen Veranstaltung in München sogar "Hetze" vorgeworfen, was ja nur ein Hinweis auf jenen verlorenen Basishabitus ist.

Aber nun soll es nicht darum gehen, Münze mit Münze zu vergelten. In basishabitueller Zurückhaltung, und das ernster gemeint, als es die ironische Formulierung nahelegt, möchte ich den Vorwurf von Sloterdijk ernst nehmen und die "intentionale Falschlektüre" prüfen, indem ich die Argumente des Cicero-Artikels erneut lese, um zu prüfen, ob wirklich Falschlektüre vorliegt.

Um es deutlich zu sagen: Meine Relektüre bestätigt meinen vorherigen Eindruck nicht nur, sondern macht ihn, in Kombination mit Sloterdijks Selbstrechtfertigung gegenüber der Kritik von Herfried Münkler, noch klarer. Das Interview lebt davon, mit einer geschickten Andeutungs- und Undeutlichkeitstechnik deutlich zu insinuieren, worum es Sloterdijk am Ende geht. Das ganze Interview bedient genau jene Semantik, von der rechte und rechtsintellektuelle Invektiven derzeit leben. Sie betreibt eine Kulturkritik, die die Flüchtlingskrise geradezu genüsslich als eine Gelegenheit begrüßt, Sätze zu sagen, die in aller Deutlichkeit zu hässlich wären. Alle Argumente in diesem Interview arbeiten mit einem klaren und deutlichen Grundbass.  

Flüchtlinge als Fremdkörper

Sloterdijk sagt: "Jetzt entscheidet der Flüchtling über den Ausnahmezustand", was unter explizitem Rekurs auf Carl Schmitt bedeuten soll, dass der Flüchtling der Souverän sei. Das ist nicht nur ein Wortspiel, nicht nur die gelungene Volte eines belesenen Autors, sondern die Behauptung, dass der eigentliche Souverän seine Souveränität längst verloren habe.

Sloterdijk beschreibt die Flüchtlinge als einen Fremdkörper, der in das ohnehin schon fragile Gebilde des Eigenen eindringt, als Gefahr fürs Kollektive, als Eindringlinge, die gewissermaßen die natürliche Abwehrhaltung kollektiver Gebilde herausfordern. Er spricht "das Unbewusste der phobokratischen Mechanismen" an – und meint damit die "tiefeingewurzelte Realität" einer Herrschaft im Medium der Angst, die sich heute, nach der staatlichen Zivilisierung der Macht, in der Form des entstaatlichten Terrorismus zeige, der vor allem durch die Kumpanei mit der berichtenden Presse ihre phobokratische Wirkung entfalten könne. Hier ist noch die Wahrheitsförmigkeit der Presse das Problem. Die Lügenpresse kommt später.

Die Dramaturgie des Interviews kommt auf diese abstrakte Terrorismusthese wegen der Silvester-Ereignisse in Köln. Diese beschreibt Sloterdijk als einen "Rückfall in die Wehrlosigkeit", in eine uralte Form der Phobokratie und insinuiert damit, dass die Flüchtlinge, letztlich auch diejenigen, die sich nicht an den Kölner Übergriffen beteiligt haben, schon durch ihr bloßes Da-Sein phobokratisch operieren – als gewaltsamer Souverän. O-Ton Sloterdijk: "Bei uns dürfen die Terrorerreger praktisch in Realzeit einreisen. Warum eigentlich?"

Aufgaben, die sich bald stellen werden

Die Grundstruktur von Sloterdijks Argumentation besteht letztlich darin, das Eigene für einen vergleichsweise homogenen beziehungsweise identitären Raum zu halten und die Flüchtlinge für Eindringlinge, die dieses Eigene in seinen Grundfesten erschüttern. Sloterdijk spricht von einem Souveränitätsverzicht durch jene Politik der offenen Grenzen. 

Man kann über die Frage, ob man Grenzregime ändern kann und ob sich die derzeitigen Flüchtlingszahlen steuern lassen, mit gutem Recht kontrovers diskutieren. Recht hat Sloterdijk damit, dass man Asyl- und Einwanderungsrecht unterscheiden muss.

Und definitiv Recht zu geben ist dem Philosophen darin, dass ein künftiges Einwanderungsgesetz sich vor allem mit der Frage zu beschäftigen habe, wer nicht kommen kann. Das sind Aufgaben, die sich alsbald stellen werden. Und sie sind versäumt worden, weil die Bundesrepublik nie als ein offizielles Einwanderungsland gelten wollte.

Das geht sogar so weit, dass – etwa in Bayern – die richtigen Maßnahmen wie Investitionen in Bildung und Wohnungsbau, in Beschäftigungsintitiativen usw. unternommen werden, die Verantwortlichen darüber aber lieber schweigen als sprechen, um den Eindruck zu vermeiden, dass die Dinge tatsächlich zu bewältigen sind. Horst Seehofer verbreitet semantisch eher Angst und Sorge, als sich für die richtigen Investitionen zu loben. Ist das eine – in Sloterdijks Sprachgebrauch – "phobokratische" Strategie mit dem Ziel, die Grenzen zu schließen und einen Diskurs über Einwanderung zu verhindern?