Peter Sloterdijk ist offensichtlich getroffen. Seine Reaktion auf Kritiker in der ZEIT zeugt davon: eine Reaktion, in der er beklagt, dass "Zurückhaltung als Basishabitus von höherer Kultur" offensichtlich verloren gegangen sei. Es ist freilich auch eine Reaktion, die wenig Zurückhaltung übt und ihrerseits jenen Basishabitus infrage stellt. Ein Dialektiker würde wohl sagen, dass sich in diesem Widerspruch die These Sloterdijks selbst bestätigt. Ein Empiriker wird darin sehen, dass Konflikte recht stabile Gebilde sind, in denen die Rollen so stark verteilt sind, dass auch der Versuch, aus dem Gebilde auszusteigen, die Antipoden noch stärker in sie hineinzieht.

Sloterdijks Hauptvorwurf besteht darin, seine Kritiker übten "intentionale Falschlektüre" insbesondere seines Interviews im Februarheft der Zeitschrift Cicero – ein Argument, das seiner Diagnose einer pawlowsch reflexhaften Form der Debatte ein wenig widerspricht, aber tatsächlich ist es ein schwerwiegender Vorwurf.

Ich nehme dazu Stellung, weil auch ich selbst zu den Kritikern Sloterdijks gehöre, in einigen Interviews und in einem (vom ZEIT-Herausgeber Josef Joffe heftig kritisierten) Artikel in der Welt vom 8. Februar. Dort interessierte mich freilich weniger Sloterdijk als vielmehr ein merkwürdiger Diskurs, in dem ein bestimmter männlicher Typus von Intellektuellen ganz offensichtlich jene Ökumene von Vereinfachern bedient, die angesichts der Flüchtlingskrise ein kollektives Selbst imaginieren, das durch Flüchtlinge und Migranten infrage gestellt wird. Das ist exakt das Argument jener, für die die Flüchtlingskrise der willkommene Anlass ist, ihre Unversöhnlichkeit mit dem "System" infrage zu stellen. Mir selbst hat Sloterdijk auf einer öffentlichen Veranstaltung in München sogar "Hetze" vorgeworfen, was ja nur ein Hinweis auf jenen verlorenen Basishabitus ist.

Aber nun soll es nicht darum gehen, Münze mit Münze zu vergelten. In basishabitueller Zurückhaltung, und das ernster gemeint, als es die ironische Formulierung nahelegt, möchte ich den Vorwurf von Sloterdijk ernst nehmen und die "intentionale Falschlektüre" prüfen, indem ich die Argumente des Cicero-Artikels erneut lese, um zu prüfen, ob wirklich Falschlektüre vorliegt.

Um es deutlich zu sagen: Meine Relektüre bestätigt meinen vorherigen Eindruck nicht nur, sondern macht ihn, in Kombination mit Sloterdijks Selbstrechtfertigung gegenüber der Kritik von Herfried Münkler, noch klarer. Das Interview lebt davon, mit einer geschickten Andeutungs- und Undeutlichkeitstechnik deutlich zu insinuieren, worum es Sloterdijk am Ende geht. Das ganze Interview bedient genau jene Semantik, von der rechte und rechtsintellektuelle Invektiven derzeit leben. Sie betreibt eine Kulturkritik, die die Flüchtlingskrise geradezu genüsslich als eine Gelegenheit begrüßt, Sätze zu sagen, die in aller Deutlichkeit zu hässlich wären. Alle Argumente in diesem Interview arbeiten mit einem klaren und deutlichen Grundbass.  

Flüchtlinge als Fremdkörper

Sloterdijk sagt: "Jetzt entscheidet der Flüchtling über den Ausnahmezustand", was unter explizitem Rekurs auf Carl Schmitt bedeuten soll, dass der Flüchtling der Souverän sei. Das ist nicht nur ein Wortspiel, nicht nur die gelungene Volte eines belesenen Autors, sondern die Behauptung, dass der eigentliche Souverän seine Souveränität längst verloren habe.

Sloterdijk beschreibt die Flüchtlinge als einen Fremdkörper, der in das ohnehin schon fragile Gebilde des Eigenen eindringt, als Gefahr fürs Kollektive, als Eindringlinge, die gewissermaßen die natürliche Abwehrhaltung kollektiver Gebilde herausfordern. Er spricht "das Unbewusste der phobokratischen Mechanismen" an – und meint damit die "tiefeingewurzelte Realität" einer Herrschaft im Medium der Angst, die sich heute, nach der staatlichen Zivilisierung der Macht, in der Form des entstaatlichten Terrorismus zeige, der vor allem durch die Kumpanei mit der berichtenden Presse ihre phobokratische Wirkung entfalten könne. Hier ist noch die Wahrheitsförmigkeit der Presse das Problem. Die Lügenpresse kommt später.

Die Dramaturgie des Interviews kommt auf diese abstrakte Terrorismusthese wegen der Silvester-Ereignisse in Köln. Diese beschreibt Sloterdijk als einen "Rückfall in die Wehrlosigkeit", in eine uralte Form der Phobokratie und insinuiert damit, dass die Flüchtlinge, letztlich auch diejenigen, die sich nicht an den Kölner Übergriffen beteiligt haben, schon durch ihr bloßes Da-Sein phobokratisch operieren – als gewaltsamer Souverän. O-Ton Sloterdijk: "Bei uns dürfen die Terrorerreger praktisch in Realzeit einreisen. Warum eigentlich?"

Aufgaben, die sich bald stellen werden

Die Grundstruktur von Sloterdijks Argumentation besteht letztlich darin, das Eigene für einen vergleichsweise homogenen beziehungsweise identitären Raum zu halten und die Flüchtlinge für Eindringlinge, die dieses Eigene in seinen Grundfesten erschüttern. Sloterdijk spricht von einem Souveränitätsverzicht durch jene Politik der offenen Grenzen. 

Man kann über die Frage, ob man Grenzregime ändern kann und ob sich die derzeitigen Flüchtlingszahlen steuern lassen, mit gutem Recht kontrovers diskutieren. Recht hat Sloterdijk damit, dass man Asyl- und Einwanderungsrecht unterscheiden muss.

Und definitiv Recht zu geben ist dem Philosophen darin, dass ein künftiges Einwanderungsgesetz sich vor allem mit der Frage zu beschäftigen habe, wer nicht kommen kann. Das sind Aufgaben, die sich alsbald stellen werden. Und sie sind versäumt worden, weil die Bundesrepublik nie als ein offizielles Einwanderungsland gelten wollte.

Das geht sogar so weit, dass – etwa in Bayern – die richtigen Maßnahmen wie Investitionen in Bildung und Wohnungsbau, in Beschäftigungsintitiativen usw. unternommen werden, die Verantwortlichen darüber aber lieber schweigen als sprechen, um den Eindruck zu vermeiden, dass die Dinge tatsächlich zu bewältigen sind. Horst Seehofer verbreitet semantisch eher Angst und Sorge, als sich für die richtigen Investitionen zu loben. Ist das eine – in Sloterdijks Sprachgebrauch – "phobokratische" Strategie mit dem Ziel, die Grenzen zu schließen und einen Diskurs über Einwanderung zu verhindern?

Eine klare Absage an die pluralistische Gesellschaft?

Vielleicht ist es so. Sloterdijk jedenfalls spickt seine Bemerkungen darüber, dass wir das "Lob der Grenze" nicht gelernt hätten, mit der geradezu süffisanten Bemerkung, wir hätten eine "angeborene Schwäche, die linke und die rechte Seite einer Linie zu unterscheiden". Wenn ich mich nicht auf basishabituelle Zurückhaltung selbstverpflichtet hätte, würde ich nun darauf hinweisen, dass Sloterdijk sich in seiner Replik auf Münkler als "Linkskonservativen" bezeichnet – darin dann aber selbst die Grenzlinie überschreitet. Denn diese ist wirklich überschritten, wenn schlicht gegen jede Evidenz behauptet wird, Flüchtlinge seien das bedrohlich Fremde schlechthin, geradezu kategorial.

Der wirklich ärgerlichste Passus des Interviews beschäftigt sich nämlich mit dem Integrationsbegriff. Integration ist für Sloterdijk ein Ausdruck, der ein unerreichbares Ziel beschreibt. Er schreibt: "Wir wären ja schon mehr als zufrieden, wenn man es zur beruhigten Koexistenz brächte, zu einer freundlichen Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, dass es zu viele Leute gibt, mit denen man fast nichts gemeinsam hat." Was für ein Satz! Er sagt: Es gibt ein konsistentes, identitäres Wir und ein differentes Ihr, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man mit ihnen "fast nichts" gemeinsam hat.

Das ist entweder unbedacht, oder es ist eine klare Absage an eine pluralistische Gesellschaft. Sloterdijk wird hier das Opfer einer insuffizienten Theorie des Gesellschaftlichen. Dass er für Soziologen (und Politologen) nichts übrig hat, hat er in seiner Replik deutlich gemacht. Dass er davon offensichtlich nichts versteht, zeigt er hier. Seine Unterscheidung eher dickwandiger Gesellschaften und eher postmoderner Gesellschaften mit "schmalen Membranen", die Sloterdijk bereits in mehreren Publikationen, so auch in seinem aktuellen Buch Was geschah im 20. Jahrhundert? verwendet, ist von geradezu epischer Banalität, weil sie das Gesellschaftliche letztlich nur von seiner Außengrenze und ihrer osmotischen Dichte her zu verstehen sucht. 

Geraune über fehlende "Vergeistigung"

Wer so denkt, kann nicht anders, als das, was sich innen befindet, letztlich nur als kulturell integrierte Einheit vorstellen zu können. Man wird dann anfällig fürs identitäre Denken. Es erinnert stark an Alain de Benoist, den Nestor des französischen neurechten identitären Denkens, das ein geradezu multikulturelles Lob der Verschiedenheit singt, versehen freilich mit dem deutlichen Grenzargument, die Kulturen sollten sich nicht vermischen, sondern eine Koexistenz in unterschiedlichen Räumen üben.

Man kann das alles abtun und sagen, es sei so nicht gemeint gewesen – Sloterdijk habe doch nur darauf hingewiesen, wie schwierig Integration sei, zumal wenn so viele Menschen kommen. Aber man kann kaum darüber hinwegsehen, wie uninformiert und kenntnisfrei er etwa Integrationsfragen diskutiert und wie fahrlässig er über die Komplexität und innere Differenziertheit der modernen Gesellschaft hinwegsieht. Dass es "viele Leute gibt, mit denen man fast nichts gemeinsam hat", ist geradezu eine Grunderfahrung einer pluralistischen modernen Gesellschaft, deren zivilisatorische Reife sich darin zeigt, dass Handlungskoordination gerade ohne zu viel Gemeinsamkeit möglich ist.

Was tut aber der Philosoph? Er raunt über fehlende "Vergeistigung" und meint damit wohl jene unterbelichtete Idee eines identitären Eigenen, das durch Flüchtlinge von außen bedroht wird, genauso wie die kriminellen Ereignisse auf der Kölner Domplatte ein "Rückfall in die Wehrlosigkeit" seien.

Sollte Sloterdijk all das nicht gemeint haben? Es ist alles hinreichend undeutlich formuliert, um wenigstens das Geschäft derer mitzubetreiben, deren Willkommenskultur den Flüchtlingen gegenüber darin besteht, sie als willkommenen Anlass dafür zu nehmen, bestimmte hässliche Sätze in den Gestus der Sorge zu übersetzen.

Der Freizeitgenetiker Thilo Sarrazin

An keiner Stelle schreibt Sloterdijk etwas über die Erhabenheit des Eigenen als einer fast metaphysischen oder geistigen Kategorie einer gewissermaßen natürlichen Form der Zugehörigkeit. An keiner Stelle steht etwas von völkischer Abstammungsgemeinschaft. Und nirgendwo lässt er sich dazu hinreißen, rechte Ressentiments explizit zu bedienen. Hier bleibt der Philosoph fast unverdächtig. Aber alle seine Argumente imaginieren ein (kollektives) Selbst, das durch die Flüchtlinge bedroht wird. Sie imaginieren eine anthropologische Form des Kollektiven, das in Gefahr gerät. Der letzte Satz des Interviews, jener, der wohl am häufigsten zitiert wurde, lautet: "Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung." "Deutschland schafft sich ab", hieß das noch bei dem Freizeitgenetiker Thilo Sarrazin.

Solche Andeutungen sind es, die Sloterdijk wohl bewusst oder wenigstens unter bewusster Inkaufnahme, so gelesen werden zu können, rechtspopulistischen Akteuren hinwirft – während einer Debatte, die darum ringt, die strittigen und offenen Fragen über die Bewältigung der Flüchtlingssituation ohne die rechtspopulistischen und rechtsradikalen Invektiven des "Wir sind das Volk!" zu diskutieren. Sloterdijk ist nicht aus dem Vorwurf zu entlassen, mit diesen Assoziationen gespielt zu haben. Und wenn ein letzter Zweifel darüber bleibt, dann reicht der Hinweis auf den "Lügenäther", in dem angeblich bewusste Unwahrheiten behauptet werden. Sloterdijk schreckt nicht vor dem Satz zurück: "Das Wort 'Lügenpresse' setzt mehr Harmlosigkeit voraus, als es in diesem Metier gibt."

So weit meine Relektüre. Ich möchte behaupten, dass es wirklich eine Wiederlektüre sine ira et studio ist, eine Relektüre, die "Zurückhaltung als Basishabitus höherer Kultur" übt. Es ist eine Relektüre, die jeglichen pawlowschen Reflex zu vermeiden trachtet. Es ist aber auch eine Relektüre, vor deren Hintergrund Sloterdijks Vorwürfe gegen seine Kritiker kaum mehr etwas wert sind. Seine Behauptung eines "Einknickens vor der Faktizität" jedenfalls ist substanzlos.

Vorsichtiger als manch Anderer möchte ich nicht behaupten, dass Sloterdijk selbst zum Rechtspopulisten oder völkisch-nationalen Denker wird. Aber den Vorwurf, mit diesen Assoziationen kunstvoll zu spielen, muss sich der Philosoph schon gefallen lassen. Für den Soziologen wäre noch anzufügen, dass es einen Unterschied macht, mit welchen Begriffen man die moderne Gesellschaft beschreibt und ob man die innere Differenziertheit und Komplexität der Gesellschaft wirklich ernst nimmt und die vorschnelle Behauptung einer möglichen Identität von Gesellschaften, die nach dem Bild psychischer Ich-Stärke gebaut ist, allzu einfach voraussetzen sollte. Aber das würde hier zu weit führen und würde einen ganz anderen Diskurs mit Sloterdijk erfordern. Vielleicht ist die Heftigkeit, mit der Sloterdijk wort-, aber wenig ertragreich auf seine Kritiker reagiert, ein Vorschein auf das Ergebnis einer solchen Debatte.

Am Ende besteht für mich ein wenig der Verdacht, dass er seinen Interviewern auf den Leim gegangen ist, denen es jedenfalls kunstvoll gelungen ist, Sloterdijk jene Sätze abzutrotzen, die sie gerne hätten. Wenn man weiß, um wen es sich bei den Interviewern handelt, wundert das nicht sehr – aber schmeichelhaft wäre diese Diagnose für den wortgewaltigen Philosophen nicht, würde sie zutreffen. Ich lasse das deshalb explizit offen.