Ich kann mich gut an die Dezembernacht erinnern, als Polen in den Schengen-Raum aufgenommen wurde. Kurz vor Mitternacht fuhren wir an den Grenzübergang zur Slowakei. Wir hatten es nicht weit – knapp zwanzig Kilometer. Es war frostig, und es lag Schnee. Einige lokale Honoratioren hielten eine Rede. Sogar Perlwein in Plastikbechern gab es. Wir machten uns ein Vergnügen daraus, locker von einem Land ins andere zu gehen. Die Grenzschützer betrachteten unsere Spielchen mit unsicherem Lächeln. Sie wussten nicht, wie sie sich in der neuen Situation verhalten sollten. Es schien so, als würde ihre Welt bald unwiderruflich der Vergangenheit angehören. Auch wir wussten es nicht. Es wusste wohl niemand.

Wir sind in dem Teil Europas und der Welt geboren worden und aufgewachsen, wo die Grenzen mit Stacheldraht und Wachtürmen versehen waren. Das ist keine Metapher. So sah die polnisch-sowjetische Grenze aus oder die rumänisch-ungarische. Wir wussten also nicht, wie wir uns verhalten sollten, weil wir Zeugen eines unvorstellbaren Ereignisses waren.

Und noch etwas war seltsam: In dieser Gesellschaft einiger Dutzend feiernder Menschen gab es keine Ortsansässigen. Auf polnischer Seite begann das Dorf ein paar hundert Meter vom Grenzübergang. Das nächste slowakische Dorf lag drei Kilometer entfernt. Doch außer den lokalen Beamten, Honoratioren und Grenzschützern waren nur ein paar Touristen da und einige Leute wie wir, die aus der Stadt in diese Gegend gezogen waren. Niemand jedoch von denen, die im Alltag und seit Generationen in der Nähe der Grenze lebten. Sie schliefen oder sahen fern. Vielleicht schielten sie hinter den Gardinen hervor in Erwartung von etwas Spektakulärem wie etwa einem Feuerwerk. Aber wahrscheinlich schliefen sie einfach in ihren mit Schnee bedeckten Häusern. Die Symbolik dieser europäischen Nacht ging sie nichts an. Nur wir, die "Städter", freuten uns, naiv wie Kinder, und tranken den schäbigen kohlesäurehaltigen Wein aus Plastikbechern.

Alle Veränderungen kommen von außen

Heute denke ich, die Abwesenheit an jenem Tag hatte eine Bedeutung, die wir damals nicht zu entschlüsseln vermochten. Denn die Abwesenden, die hinter den Gardinen hervorschauten, ließen sich von dem Instinkt leiten, der diesem Teil der Welt eigen ist. Sie ließen sich von der uralten Weisheit dieser Gegend leiten, die da sagt, dass alle Veränderungen von außen kommen. Dass sie wie ein fremdes Element sind: Hochwasser, Sturm, Krieg. Deshalb ist es besser, in der Sicherheit und Wärme des eigenen Hauses abzuwarten, bis sie vorüber sind. Argwohn ist das Wahrzeichen dieser Landstriche.

Nicht ausgeschlossen, dass wir nie Europäer sein wollten. Reichte uns doch kaum die Kraft, um unser Polentum, Ungarntum, Slowakentum zu verteidigen. Es nahm uns vollkommen in Anspruch, Pole, Ungar, Tscheche, Slowake oder Rumäne zu sein. Für etwas anderes hatten wir keine Zeit. Europa? Ach, das ist eine Flause der Reichen und Gelangweilten. Etwas wie Trabrennen oder Slow Food. Wir hier müssen einfach überleben.

Natürlich nehmen wir mit, soviel wir tragen können, geben Versprechen, die wir nicht halten, und machen uns dann heimlich davon in unsere Häuser, in unsere abgelegenen Hütten, in der Hoffnung, dass uns nie ein Fremder besuchen wird. Denn fremd, anders, von außen – das hat hier immer etwas Schlimmes bedeutet: Krieg, Raub, Vernichtung.

Vor dem Fremden fürchtete man sich, das Fremde verachtete man. Das Fremde wurde auch bewundert, aber diese Bewunderung trug das eigene Minderwertigkeitsgefühl in sich. Noch heute kann man in polnischen Dörfern hören: "Unter den Deutschen, da war Ordnung." Und von Frauen, die sich an die Kriegszeit erinnern: "Wie gut diese Deutschen aussahen in ihren Uniformen." Im Unklaren bleibt nur die Formation, zu der diese gut aussehenden Männer gehörten.  

Wir sind Europäer, aber andere

Nun gut. Wir sind Europäer, aber andere. Wenn Europa eine Halbinsel ist – und das ist unbestritten – dann kommen wir aus dem Landesinneren. Selbst wenn wir immer nach Westen geblickt haben, wenn wir vom Westen unsere historischen, religiösen und zivilisatorischen Lektionen gelernt haben, so hatten wir doch den asiatischen Abgrund im Rücken. Im Grunde genommen waren wir zwischen zwei Räumen gefangen. Asien wollten wir nicht sein, aber Europa konnten wir nicht sein, weil Europa schon "besetzt" war. Da war kein Platz für uns.

Deshalb fristeten wir jahrhundertelang unser seltsames Grenzdasein. Wir waren mentale Nomaden. Immer wieder haben wir uns gefragt: Wer sind wir eigentlich? Was gehört zu uns, und was haben wir uns von anderen angeeignet? Von den "Wilderen" und von den Zivilisierteren. Wir haben uns mehr oder weniger reale Stammbäume ausgedacht. Wir leiteten unsere Herkunft von den Sarmaten ab, von Attila, von den Römern, von den Dakern, Thrakern oder Geten, von Alexander dem Großen oder in direkter Linie von Adam.

Wir sind spät, wir sind als Letzte in der europäischen Familie erschienen, und wir hatten den Komplex des Bastards. Alle waren älter, preisgekrönter, vertrauenswürdiger, selbstsicherer als wir. Außerdem scheint es so zu sein, dass unsere Unsicherheit, unsere rätselhafte Herkunft uns umso mehr verfolgte, je länger wir in dieser Familie weilten. Unsere eigene Identität verfolgte uns. Da wir uns ihrer nicht sicher waren, fürchteten wir umso mehr, sie zu verlieren. Da wir keine besonderen Verdienste aufzuweisen hatten – wir haben ja kaum Entdeckungen gemacht, keine neuen Kontinente erobert, weder die Dampfmaschine noch den Verbrennungsmotor, keinen Gott und keine Religion erfunden –, haben wir uns immer darauf konzentriert, wer wir sind.

Die Zukunft verurteilt uns zum Scheitern

Ich denke, wir sind müde. Seit Jahren sind wir im Wettlauf mit der Welt, im Wettlauf mit dem Westen. Wir müssen die Deutschen einholen, Italien überholen, mit San Marino mithalten. Wir sind müde, weil die Zukunft uns nicht betrifft. Wir werden in diesem Wettlauf immer zurückbleiben. Wir sind dazu verurteilt, ewig fremden Spuren zu folgen. Die einzige Chance für uns ist der Zerfall Europas, denn dann hört der Wettlauf auf. Die Zukunft verurteilt uns zum Scheitern. Die Zukunft ist für uns ein weiteres Element, das wie ein Gewitter am Horizont aufzieht und uns Vernichtung bringt. Deshalb wählen wir die Vergangenheit, das, was gewesen ist. Mithilfe von Mythen, Vorurteilen, mithilfe der historischen Politik haben wir Macht über die Vergangenheit und können sie nach Belieben gestalten. In der Vergangenheit gibt es keinen Wettlauf, keine Konkurrenz. Schließlich wird niemand mit uns um unsere Vergangenheit rivalisieren. Das Vergangene, die Geschichte, die Tradition ist die Zuflucht für Völker mit mäßigen Errungenschaften, für periphere Nationen. In der Vergangenheit liegt ihre mehr oder weniger imaginierte Größe.

Was wird werden? Schwer zu sagen. Nicht ausgeschlossen, dass unser Kontinent, unsere Halbinsel zerbröselt wie eine Eisscholle im steigenden Wasser des Frühjahrs. Und wir hier, am Rand, werden abdriften und unsere Geschichten von der endlich wiedergewonnenen Souveränität und Identität erzählen. Aber um zu überleben, werden wir gezwungen sein, unklare Bündnisse einzugehen und pragmatische Freundschaften zu schließen. Gleichzeitig werden wir besorgt den Horizont beobachten, ob nicht ein Gewitter aufzieht, das uns verschlingen wird. Wieder werden wir alle unsere Gedanken auf das Überleben richten. Wir werden uns in unseren Häusern vor der Nacht verstecken, um besorgt und argwöhnisch hinter den Gardinen hervorzuschauen. 

Und ihr werdet wieder eine Insel sein und mit Erleichterung den immer breiter werdenden Wasserstreifen betrachten, der euch von dem unberechenbaren Land im Osten trennt.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall