Zunächst einmal: Diese Kolumne wird von einer nicht geringen Zahl von Lesern als wöchentliche Volksverhetzung betrachtet. Volksverhetzung ist eine Straftat, und deshalb scheint es an dieser Stelle möglicherweise einmal sinnvoll, die Herkunft der Täterin, äh, Kolumnistin zu nennen. Der Pressekodex des Deutschen Presserates erlaubt das ausdrücklich in seiner Richtlinie 12.1, die lautet:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Wer verstehen will, warum ich – in den Augen meiner Kritiker – Woche für Woche das deutsche Volk aufhetze, Deutschland verachte und alle Deutschen hasse, muss wissen, dass ich das herkunftsbedingt tue. Ich habe einen norddeutschen Bildungshintergrund. Auf dem Weg zur Schule traf ich jeden Morgen mehr Kühe auf der Weide als Menschen auf der Straße. Dabei konnte ich lediglich eine übersteigerte Liebe zu deutschen Rindviechern entwickeln, nicht aber zur Fahne und zum deutschen Volk.

Wären die Euter wenigstens schwarz-rot-golden angesprüht gewesen, und hätte aus jedem Stall die deutsche Nationalhymne geklungen, statt eines intellektuell eher reduziert gehaltenen Muhs, wäre ich in der Beurteilung der politischen Kommunikation unter Umständen kompetenter. Mein Gott, was hätte aus mir werden können, wenn ich geblieben wäre, wo ich ursprünglich herkomme? Ich wäre wahrscheinlich die Starleitartiklerin von Die Harke oder Die Mistgabel, oder vom Fachmagazin der Milchwirtschaft, keine Ahnung, wie es heißt, vielleicht Die Melkmaschine?

Oft ist das Handeln eines Menschen durch seine Biografie zu verstehen. Wenn man sich das Lebensthema eines Politikers anschaut, findet man die Begründung dafür erstaunlich häufig in seinem Werdegang. Die Art, wie ein Vater sein Kind erzieht oder wie er seine Frau behandelt, steht oft im Bezug zu seiner Erziehung und Erfahrung als Sohn. Die Art, wie der Mensch liebt, lebt, Gutes und Schlechtes vollbringt, ist eine Folge von Erlebtem. Manche Menschen lernen nie aus. Andere bleiben auf einem geistigen Level stehen, zeitlebens. Wer wirklich verstehen will, warum einer handelt, wie er handelt, sollte sich etwas Zeit nehmen und die ökonomischen, sozialen, kulturellen Umstände herausfinden.

Ein reichlich seltsamer Grund

Das gilt selbstverständlich auch für Kriminelle und ihre Taten. Manches ist strukturell bedingt, anderes nur familiär zu erklären. Manchmal handelt es sich einfach um sexuelle Störungen, um Traumata. Irgendwas ist immer. Und die Ethnie? Spielt sie eine Rolle? Wenn ja, welche?

Wenn nun, an diesem Mittwoch, der Presserat darüber diskutieren will, ob die ethnische Zugehörigkeit von Straftätern künftig grundsätzlich genannt werden soll, tut er das aus einem reichlich seltsamen Grund. Nämlich in der Annahme mancher, dass die Antidiskriminierungsrichtlinie nach den "Ereignissen von Köln" unter Umständen nicht mehr zeitgemäß sei. Dabei ist Antidiskriminierung in der Berichterstattung zwar ein sehr zeitloser Wert, aber keine 40 Jahre alt.

Damals erachteten es deutsche Journalisten bei Straftaten von amerikanischen Soldaten für wichtig, darauf hinzuweisen, wenn es sich um schwarze Täter handelte. Handelte es sich um weiße Täter, und das tat es mehrheitlich, wurde das nie erwähnt. Die Richtlinie 12.1 sollte also Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit vor negativen Zuschreibungen schützen.

Merkmale wie Hautfarbe, Religion oder Ethnie sollen nur genannt werden, wenn es einen "begründeten Sachbezug" gibt. Doch wann ist der gegeben? Klaut einer, weil er ein Schwarzer ist? Selbst wenn es eine Statistik gibt, nach der Schwarze häufiger kriminell werden, hat das mit dem Schwarzsein zu tun? In Amerika gibt es eine solche Statistik, nach der Schwarze häufiger im Gefängnis landen als Weiße. Über die Gründe gibt es zwei Theorien. Die eine lautet so: Schwarze sind häufiger arm, haben weniger Schulbildung, und ihre Eltern schaffen es nicht, sie für die Zukunft fit zu machen. Also werden ihre Kinder schneller kriminell und landen im Gefängnis.

Die andere Theorie lautet so: Die amerikanische Polizei und Justiz ist mehrheitlich weiß und hat die Schwarzen auf dem Kieker. Für jedes kleinste Delikt werden sie gejagt und inhaftiert. Sie werden häufiger angeschossen. Und erschossen. Obwohl Weiße im niedrig privilegierten Milieu die gleichen Probleme haben und genauso häufig straffällig werden, konzentrieren sich Medien, Polizei und Justiz in der Beurteilung und Ahndung von Kriminalität auf people of color. Dabei läuft es immer nur auf Stigmatisierung und Ausgrenzung hinaus. Sozialprogramme werden massiv gekürzt. Auch weil die Sympathien für diese Bevölkerungsschicht rapide sinken. Worin also liegt die Ursache für das Problem? Im System? Oder im Schwarzsein? Ein Blick nach Amerika zeigt sehr schnell, was die weiße Mehrheit über Schwarze, Latinos und andere Minderheiten denkt und wen sie als Problemverursacher ausmacht.

Zurück zu Köln. Was ist passiert, dass manche im Presserat denken, man müsse die Herkunft von Tätern nennen?

Was wissen wir eigentlich genau? Wir wissen, dass Feiernde ausgeraubt wurden. Und dass Frauen Opfer von massiver Gewalt wurden. Und wer waren die Männer? In welcher Beziehung standen Vergewaltiger und Räuber? Warum taten sie, was sie taten? Und warum haben andere Männer den Frauen nicht geholfen? Weder Passanten noch Polizisten?