Leonardo diCaprio hat auf der Oscarverleihung eine weltweit gefeierte Rede gehalten. Die vorgeschriebene Minute Sprechdauer nur artige fünf Sekunden überschreitend, informierte der Superstar eine glamourhungrige Weltöffentlichkeit über die Tatsache der globalen Erwärmung und empfahl, keine Leute zu wählen, die mit Umweltzerstörung Profite machen.

Das war ein politisches Statement: die Schauspielerin Maria Cruz alias Sacheen Littlefeather 1973 bei der Oscarverleihung anstelle von Marlon Brando. © Hulton Archive/Getty Images

Marlon Brando hatte für die Oscarverleihung 1973 auch etwas vorbereitet: An seiner Statt ließ er die Trophäe, die er für den Paten erhielt, von der amerikanischen Ureinwohnerin Littlefeather ablehnen und gab ihr so die Gelegenheit, im Festgewand der Apachen über die Diskriminierung ihres Volkes zu sprechen. Der bereits verfettete und längst als wunderlich geltende Brando selbst war gar nicht erst erschienen. Seine Aktion brüskierte die Branche und verwirrte die Fans.

Das Modell Marlon hat in seinem Changieren zwischen Originalität und Abseitigkeit sowohl im Showbusiness als auch in der Politik ebenso ausgedient wie übergewichtige Protagonisten in beiden Betrieben. Rebellion ist der rechtzeitig abzuschaffende Babyspeck der Karriere. Die Glätte politischer Botschaften korrespondiert längst mit jener der aufbereiteten Gesichtszüge. Lieblingssportart hier wie dort: das Einrennen weit offener Türen. So moderiert der US-Vizepräsident Joe Biden bei den Oscars Lady Gagas Tearjerker-Song über sexuellen Missbrauch ebenso bereitwillig an, wie George Clooney sich anlässlich seines Berlinale-Besuchs bei der Kanzlerin sehen lässt. Man kennt sich, man hilft sich. 

Die armen Menschen, das ist nicht schön

Auch die Eröffnungsgala der diesjährigen Berlinale, dem gemäß Eigenwerbung "politischsten aller A-Festivals", setzte eifrig Zeichen der, nun ja, Solidarität, diesmal mit Flüchtlingen. Anke Engelke platzierte frei und pointiert vorgetragene Spitzen gegen anwesende Besitzstandswahrer, die sie in vorauseilender Selbstironie heftig beklatschten. Empörung löste allein die ihrem Redenschreiber unterlaufene Verwechslung Leipzigs mit Dresden aus. Ansonsten klar, die armen Menschen von Irgendwoher, das ist nicht schön. Da muss man was tun, zum Beispiel ein paar Flüchtlinge "hospitieren", also für umsonst beim Festival mitarbeiten lassen, Spendenboxen renommierter NGOs aufstellen und zwischendurch sehr kurze Spots eines Aktionsbündnisses zwischen die Werbeschleifen von Parship und L'Oréal auf einer LED-Wand schalten.

Im Jahr zuvor bildete die nicht inszenierende Frau das offizielle Empathiezentrum der Berlinale. Alle redeten über ProQuote-Regie, monierten das Dilemma, forderten Lösungen und feierten die Tatsache, dass der Eröffnungsfilm von einer Regisseurin stammte, nämlich Isabel Coixet. Der war dann aber leider so schlecht, dass die massenhafte Flucht der Zuschauer den Festivalchef Dieter Kosslick dazu bewogen haben mochte, in diesem Jahr nur zwei von insgesamt 24 Wettbewerbsbeiträgen an Regisseurinnen zu vergeben.

Die Asymmetrie zwischen Promi und Publikum

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

Natürlich hatte derselbe Kosslick – wie zahlreiche andere "Männer des öffentlichen Lebens" – im vergangenen Jahr die Aufrufe der ProQuote-Regie-Aktivistinnen unterschrieben. Einen dieser "offenen Briefe", an denen das einzig Offene die Antwort auf die Frage bleibt, was die eigentlich bewirken sollen. Außer neuerlich die üblichen Verdächtigen zu featuren, also die sogenannten prominenten Erstunterzeichner mit angefügtem Porträtfoto in Schwarzweiß und ernstem Blick.

Prominenz lebt von Multiplikation, und sie ist Multiplikation. Mittels Produkt, Tat, Wort, Bild, Posting, Tweet – oder Unterschrift vergrößert sie beständig die Asymmetrie zwischen der Anzahl der Menschen, die die prominente Person selbst kennt und der Anzahl all jener, die sie kennen: Weil sie wissen, mit wem sie schläft, welches Parfum sie dabei trägt und warum sie keine Angst vor dem Alter, aber sehr große vor dem Abholzen des Regenwaldes hat. Sie wissen diese und zahllose andere Dinge aus den Medien, all den vielen Medien, die die vielen Dinge bedeutsam machen, bei denen es allein darum geht, wer etwas macht und nicht, was jemand macht.