Donald Trump sieht nicht ein, warum die USA Europa militärisch zur Seite stehen sollten. © reuters

Barack Obama hat den Glauben an die politische Debatte schon 2008 aufgegeben. Der amerikanische Präsident hat sich bei seiner ersten Kandidatur nicht unbedingt deshalb durchgesetzt, weil er die Wähler mit den besseren Argumenten überzeugen konnte, sondern weil er die Wähler besser kannte. Sein Wahlkampfteam hatte wahlberechtigte Amerikaner identifiziert, die wahrscheinlich nicht wählen gehen, aber für Obama stimmen würden, sollten sie denn wählen. Die entsprechenden Daten stammten von Payback-Karten, aus sozialen Netzwerken und staatlichen Registern.

Obamas Wahlkampfteam führte all diese Daten zusammen und sprach die Wackelkandidaten gezielt an. Um alle anderen kümmerte es sich gar nicht. Das Verfahren nannte sich Mikrotargeting und Konzerne benutzten es schon lange vorher, um möglichst verlustfrei spezifische Zielgruppen anzusprechen. Die Idee, mit Big Data und Mikrotargeting nicht nur Produkte, sondern auch Politiker zu vermarkten, machte aus dem demokratischen Außenseiter Barack Obama den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Auch Angela Merkel wurde immer wieder vorgeworfen, einen Wahlkampf zu führen, der eher den Gesetzen des Marketings als denen der politischen Auseinandersetzung folgte. Sie mied Interviews mit gut informierten Politikjournalisten und sprach lieber mit Auto Bild und der Apotheken Umschau. Sie sagte Rededuelle mit der Opposition ab und verbreitete stattdessen Fotos, die aussahen, als würden sie für Wellness- und Spa-Resorts werben. Mit Angela Merkel konnten die Deutschen ein gutes Gefühl nicht mehr nur kaufen, sie konnten es auch wählen.

Man sieht nur, was man sehen will

Sowohl Obama als auch Merkel haben ihre Wahlkämpfe gewonnen, weil sie sich auf Debatten über konkrete Themen gar nicht erst eingelassen haben. Und aus einer rein erfolgspragmatischen Perspektive waren die Strategien genial. Ein Experiment des amerikanischen Sozialpsychologen Dan Kahan hat gezeigt, dass es in der Politik kaum etwas bringt, sachlich recht zu haben.

Das Experiment sah so aus: Kahan hat 1.000 Amerikanern eine Statistik vorgelegt, die auf den ersten Blick suggerierte, dass eine bestimmte Hautcreme gegen Ausschlag hilft. Doch wenn man sich die Zahlen genauer ansah, stellte sich heraus, dass sie den Ausschlag in Wirklichkeit eher verschlimmert. Das Ergebnis des Experiments: Je besser die Mathematik-Kenntnisse der Probanden waren, desto wahrscheinlicher war es, dass ihnen der statistische Schwindel auffiel.

Im zweiten Teil legte Kahan den Probanden dann eine politisierte Version derselben Statistik vor. Dieses Mal ging es darin um den Zusammenhang von strengeren Waffengesetzen und der Kriminalitätsrate, ein hochgradig umstrittenes Thema in den USA. Und plötzlich spielten die mathematischen Kenntnisse der Probanden keine Rolle mehr: Demokraten und Republikaner entdeckten den statistischen Fehler unabhängig von ihren mathematischen Kenntnissen mit hoher Wahrscheinlichkeit, wenn die Statistik ihrer politischen Überzeugung zuwiderlief. Wenn sie sie untermauerte, erkannten die Probanden den Fehler nicht. Beide Lager sahen in den Zahlen nur, was sie sehen wollten.

Konzepte zählen wenig

Sobald es um eine politische Streitfrage ging, überstimmte die ideologische Orientierung der Probanden ihren Verstand. Es stellte sich sogar heraus, dass die Statistik häufiger falsch ausgelegt wurde, je besser die mathematischen Fähigkeiten des Probanden waren. Der amerikanische Politikjournalist Ezra Klein brachte das Ergebnis auf die Formel: "Je intelligenter eine Person ist, desto dümmer kann Politik sie machen." In der Politik komme es weniger auf die Fakten an als darauf, was man über diese Fakten zu wissen glaube.

Die Forschungen des deutschen Medienwissenschaftlers Werner Früh kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Im Jahr 1991 hat Früh 223 Personen einen Zeitungsartikel vorgelegt und sie danach in verschiedenen zeitlichen Abständen zum Inhalt des Artikels befragt. Ergebnis: Schon eine Woche, nachdem die Probanden den Artikel gelesen hatten, erinnerten sie sich zu 41 Prozent an Inhalte, die in dem Artikel überhaupt nicht auftauchten, sondern aus Gesprächen über das Thema oder anderen Quellen stammten.

Dan Kahan nannte das Phänomen Identity-Protective Cognition: Um seine Identität zu beschützen, hat der Mensch eine selektive Wahrnehmung entwickelt, die vor allem das für bare Münze nimmt, was seiner eigenen Weltanschauung entspricht. Das ist nicht nur für Wissenschaftler und Journalisten ein deprimierender Befund, sondern auch für die demokratische Auseinandersetzung: Für eine Partei spielt es kaum eine Rolle, ob sie bei konkreten Streitthemen wie dem Klimawandel, dem Umgang mit der Globalisierung oder dem Mindestlohn die besseren, belastbareren Konzepte vorweisen kann. Entscheidend ist das private Umfeld der Wähler: Niemand streitet sich gern mit seinen Freunden, Kollegen oder Eltern. In politischen Fragen herrschen auch in unserem aufgeklärten Zeitalter noch immer Stammeshierarchien.