Es war nur ein Nebensatz in einer Meldung. Ein jüngst veröffentlichter Untersuchungsbericht über den Skandal um den 2011 verstorbenen Popstar und BBC-Moderator Jimmy Savile erwähnt, dass das Schweigen und Wegsehen der BBC-Kolleg_innen auch darin begründet gewesen sei, dass viele von ihnen freiberuflich arbeiteten. Savile, posthum als "schlimmster Sexualstraftäter in der Geschichte Großbritanniens" betitelt, hatte zu Lebzeiten jahrzehntelang Hunderte Kinder, vornehmlich Mädchen, Jugendliche und auch Frauen sexuell belästigt und missbraucht, ohne dass ihn jemand stoppte, schon gar nicht diejenigen, die keine "Sicherheit eines Arbeitsvertrages im Rücken" hatten (FAZ, 26. 2. 2016).

Andrea Roedig, geboren in Düsseldorf, lebt als freie Publizistin in Wien und ist Mit-Herausgeberin der Literatur- und Essayzeitschrift "Wespennest". Von 2001 bis 2006 leitete sie in Berlin die Kulturredaktion der Wochenzeitung "Freitag". 2015 erschien ihr Buch "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" (zusammen mit Sandra Lehmann) im Klever-Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Alexandra Grill

Der Vermerk leuchtet erschreckend unmittelbar ein. Klar. Und doch nicht. Immerhin gab es drastische Missbrauchsfälle auch in Schulen und der Kirche, deren Personal im wahrsten Sinn des Wortes in lebenslang fester Anstellung steht. Zur besseren Aufklärung hat das nicht unbedingt geführt. Geschwiegen und gebuckelt wird immer.

Trotzdem gibt der Nebensatz zu denken, auch ganz unabhängig vom BBC-Skandal. Denn Freiberuflichkeit scheint das Arbeitsmodell der Zukunft zu sein; in den letzten 25 Jahren hat sich die Quote der Selbstständigen immer weiter erhöht, und unklar ist, wie sich das eigentlich auf eine Gesellschaft auswirkt. Was passiert mit Hierarchien – die ja wesentlich sind für Missbräuche aller Art –, was geschieht mit der Loyalität gegenüber Institutionen, wie verändert sich der Charakter von Arbeitnehmer_innen, wenn der Chef nicht mehr Chef ist oder Chefin, sondern Kunde?

Modell Ich-AG

In Deutschland arbeiten rund 10 Prozent der Erwerbstätigen als Selbstständige, das liegt unter dem EU-Schnitt von 13 Prozent und klingt zunächst nicht nach viel. Bemerkenswert ist aber doch der Zuwachs seit den 1990er Jahren, damals lag die Selbstständigenquote noch bei acht Prozent; die Zahl der Tätigen in freien Berufen – einer Untergruppe der Selbständigen – hat sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt.

Ein Großteil des Anstiegs, vor allem ab den 2000er Jahren, machten sogenannte Solo-Selbstständige aus – also Freiberufler, die alleine arbeiten und keine Mitarbeiter einstellen. Das Modell Ich-AG und Förderungen des Arbeitsamtes schlugen hier an, eine neue Form des Unternehmer_innentums entstand, der, laut einem Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2013, mittlerweile die Mehrheit der Selbstständigen in Deutschland angehört. Der Bericht vermerkt auch, dass der Frauenanteil unter ihnen hoch ist, Solo-Selbstständige im Schnitt höhere Bildungsqualifikationen mitbringen aber meist schlechter verdienen als Angestellte, und dass die Rate selbstständig Beschäftigter etwas über die Wirtschaftsleistung eines Landes aussagt: Eine hohe Selbstständigenquote ist Merkmal armer Länder. In Griechenland beträgt sie 25 Prozent.

Viel Verantwortung ...

Es geht hier nicht um ein Lamento über Prekarisierung und den neuen Typus des Arbeitskraftunternehmers, obwohl beide Stichworte berechtigt in diesen Zusammenhang gehören. Vielmehr gilt die Frage: Wie wirkt sich berufliche Selbstständigkeit aus, vor allem im Fall eines Gewissenskonflikts? Wie reagiert eine Freiberuflerin, wenn sie herausfindet, dass sie für eine Institution arbeitet, in der – zum Beispiel – ein Jimmy Savile gedeckt wird?

Als Freie ist man frei vom Befehl – aber eben abhängig vom Auftrag. Die konventionellen beruflichen Hierarchien sind außer Kraft. Was Verantwortlichkeit angeht, verschärft das eher noch die moralische Zwickmühle des "mach ich das?", weil die Freiberuflerin nicht regulär die Weisung eines anderen ausführt, sondern sich selbst um die Aufgabe beworben hat. Während Angestellte oft verhärten, eine gewisse muffelige Renitenz entwickeln, die sich nicht selten im sogenannten cocooning äußert, also einem emotionalen Rückzug in einen "Kokon", ist der Freiberufler eher ein nackter Wurm, schnell zu zertreten. Das macht eine gewisse Wendigkeit, mitunter auch ein Sich-Winden notwendig. Freie – wenn sie nicht gerade Künstlerstatus genießen – zeichnen sich vor allem durch eines aus: Sie sind unheimlich vorsichtig.

Wenig Loyalität

Einerseits fühlt sich freiberuflich die moralische Verantwortung für die eigene Tätigkeit also stärker an, andererseits bleibt aber die Loyalität dem Unternehmen gegenüber locker. Der/die Freie ist nicht Teil, sondern nur Zuträgerin des Systems, identifiziert sich nicht über ein Wir und verfügt meist kaum über interne Informationen. Als Freie für ein Unternehmen arbeitend, in dem nicht alles mit rechten Dingen zugeht, würde man wohl sagen: "Es stinkt. Da müsste sich was ändern. Aber ich habe damit nichts zu tun." Freie besitzen nicht nur keinen Arbeitsvertrag, sondern auch kein Mandat zur Einmischung in fremde Angelegenheiten. Aus dieser Position strukturell bedingter Ignoranz heraus fühlen sie sich auch nicht verantwortlich fürs große Ganze.

Hinzu kommt der Faktor Zeit, die ja bei Angestellten in einer Art Flatrate abgegolten ist, nicht aber bei Freien. Jedes Engagement, das nicht im Produkt mündet, ist für sie unbezahlte Zeit, wirkt also produktivkraftmindernd. Freie arbeiten immer auf eigene Rechnung.