Melissa Benoist als "Supergirl" © Warner Bros.

Wohin man blickt: Superhelden. Seit mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt feiern sie im US-amerikanischen Film und Fernsehen immer neue Erfolge – ob das nun direkt mit dem Ohnmachtserlebnis von 9/11 zu tun hat, wie oft behauptet, oder aber mit allgemeineren Eskapismus-Bedürfnissen, sei dahingestellt. Fest steht, dass fast das ganze Personal von Marvel und DC Comics mittlerweile eigene Filme und Fernsehserien bekommen hat, oft sogar in mehreren Versionen: von Batman über Spiderman zu Hulk und den Fantastic Four, von Iron Man über Daredevil, The Avengers und Captain America bis zu Arrow und The Flash.

Catherine Newmark lebt in Berlin und arbeitet als Kulturjournalistin mit Schwerpunkt Film, Philosophie und Geisteswissenschaften. Sie ist Autorin und Redakteurin bei Deutschlandradio Kultur und beim "Philosophie Magazin" sowie Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Auch der wohl ikonischste amerikanische Held, der moralisch über jeden Zweifel allzeit erhabene Superman, hatte zuletzt soviel Bewegtbildpräsenz wie seit den siebziger und achtziger Jahren nicht mehr: Seine Jugend wurde von 2001 an in epischen zehn Staffeln in der Fernsehserie Smallville ausgewalzt; 2006 kehrte er mit Superman Returns zum ersten Mal seit fast 20 Jahren auf die große Leinwand zurück. Und seit 2013 erfährt die Figur mit Man of Steel ein Reboot, das als DC Extended Universe demnächst in die zweite Runde geht, diesmal im Verein mit der Fledermaus (Batman v Superman – Dawn of Justice). Weitere Filme in derselben Franchise sind auf Jahre hinaus vorgeplant.

In der Reihe all dieser Men gab es bislang immer nur sehr vereinzelt weibliche Superwomen. Etwa die Batman-Nebenfigur Catwoman, die 2004 mit Halle Berry im Leder-BH einen eigenen Film bekam, oder das jeweils singuläre weibliche Teammitglied von The Avengers oder den Fantastic Four.

Jetzt dürfen die Schwestern ran

Seit Neustem zeichnet sich allerdings ein Trend ab, weiblichen Comic-Superhelden auch etwas gehaltvollere eigene Filme und Serien angedeihen zu lassen. Die neuste Version von Wonder Woman (Gal Gadot), die ihren ersten Auftritt in gut einer Woche im Streifen Batman v Superman haben wird, kommt 2017 mit eigenem Film in die Kinos. Im vergangenen Herbst veröffentlichte Netflix die vielgelobte erste Staffel seiner Marvel-Serie Jessica Jones mit Krysten Ritter, eine intelligente und düstere Meditation über eine gebrochene, nur mittelsympathische Heldin, die stärker als die meisten ist, mehr oder weniger fliegen kann und trotzdem zum Opfer eines Schurken geworden ist, der anderen seinen Willen aufzwingen kann.

Und kurz vorher schon startete beim amerikanischen Network CBS die Serie Supergirl, deren erste Staffel noch läuft und ab 15. März auch im deutschen Fernsehen auf ProSieben zu sehen sein wird. Melissa Benoist spielt darin Kara Danvers, die nerdige Assistentin einer eher garstigen Medienunternehmerin namens Cat Grant (Calista Flockhart), die sich im Laufe der ersten Episode dazu entschließt, endlich ihre lange versteckten außerirdischen Fähigkeiten zu nutzen und zur Heldin zu werden. Was ihr mithilfe ihrer Adoptivschwester Alex Danvers (Chyler Leigh) und zweier männlicher Sidekicks – Mehcad Brooks als Fotograf James Olsen und Jeremy Jordan als Techie Winn Schott Jr. – auch gelingt.

Supergirl ist ein Alien

Ehe wir uns versehen, hat der Kumpelfreund Winn der schüchternen Bürohilfskraft ein praktisches Kostüm inklusive Cape entworfen, und sie ist als weibliche Version von Superman erfolgreich: Genau wie er reißt sie, sobald ein Bankraub, eine Flugzeugkatastrophe oder auch eine außerirdische Invasion anstehen, ihre Bluse auf und rauscht im ikonischen Rot-Blau-Gelb der darunter getragenen Superheldenkleidung durch die Luft, um verlässlich und selbstlos Menschen oder gleich die gesamte Menschheit zu retten. Nach vollbrachter Tat nimmt sie dann abgehetzt und mit einer unplausiblen Ausrede auf den Lippen ihren niederschwelligen dayjob wieder auf.

Für alle, die sich mit den Stammbäumen der DC-Comicwelt nicht so gut auskennen: In der gängigsten Inkarnation und auch in dieser Serie ist Supergirl als Figur die Cousine von Superman, sie wird wie ihr Cousin von ihren Eltern vom kurz vor der Zerstörung stehenden Planeten Krypton weggeschickt und landet, allerdings aufgrund jeweils unterschiedlich ausbuchstabierter Umstände, später als er auf der Erde. Wie er besitzt sie aufgrund der "gelben Sonne" unseres Planeten Kraft und Stärke, mit der es kaum etwas, jedenfalls nichts auf unserer Welt, aufnehmen kann. Unter den berühmtesten der Comic-Heroen ist Superman einigermaßen speziell, weil er seine Fähigkeiten weder durch Mutationen, medizinische Experimente oder Unfälle erlangt hat, noch, wie etwa Batman, seine Überlegenheit dem geschickten Gebrauch von besonders avancierter Technik verdankt. Vielmehr ist er schlicht ein Außerirdischer, der hienieden nahezu unverwundbar und so unvorstellbar viel stärker ist als Menschen und als fast alles, was Menschen an Technik entwickeln können, sodass er auf diesem Planeten einigermaßen gottähnlich wirkt.

Zumindest auf den zweiten Blick. Auf den ersten, wenn man ihn ohne sein Cape zu sehen bekommt, wirkt er in seiner Verkleidung als Normalsterblicher, nämlich als Journalist Clark Kent, immer etwas dusselig und ungeschickt, und trägt eine unansehnliche Brille, die – warum auch immer – dazu führt, dass ihn keiner mehr erkennt, sobald er sie abnimmt und durch ein Superhelden-Kostüm ersetzt.