Es ist wieder passiert. Erneut ist eine Bombe hochgegangen. Und wieder hat man Dinge gelernt, die man vorher nicht wusste. Nämlich, dass der Flughafen in Brüssel Zaventem heißt und an seiner Fassade ein hässliches Plakat hängt, das Billigflüge nach Spanien bewirbt.

Man kennt diese Flughäfen. Graue, lieblose Fassaden vor den Toren einer Stadt. Jeder kennt den Sound eines solchen Gebäudes. Das Gefühl, da drin zu sein. Die Anzeigetafeln. Das Warten. Und dann geschieht es. Das, womit alle rechnen. Wovon alle wissen, dass es jederzeit überall geschehen kann. Und genau das ist es dann auch. Wieder geht irgendwo was hoch.

Es beginnt immer mit einer gelben Bauchbinde. Auf ihr steht "EIL" und "Explosion". Von dieser Bauchbinde bis zu den ersten Augenzeugenberichten dauert es nicht mehr lang. Gegen acht gingen die Explosionen los. Um zehn Uhr wurde bereits der erste Augenzeuge im Radio rauf und runter zitiert.

Dennis Kranenburg, ein Reporter der niederländischen Tageszeitung de Volkskrant, war während der Explosion im Flughafen und berichtet: Riesiger Lichtblitz. Jeder fing an zu schreien.

Im Laufe des Tages begegnet einem das Zitat noch öfter. Man dreht die Regler im Radio weiter und wieder: Lichtblitz. Alle fangen an zu schreien. Dazwischengestreut die üblichen "Augenzeugen, die von dramatischen Szenen berichten". Im Laufe des Vormittags werden allerhand Leute zitiert. Flughafenarbeiter, die am Band arbeiten. Die berühmte Familie, die in ihren Urlaub fliegen wollte. Immer ist irgendwo eine Familie unterwegs, die unbeschwert Urlaub machen wollte. Die traumatisierte Stewardess.

Und es ist die für die Zeugenschaft so typische Erzählung, der "blutigen Gesichter", der "herumliegenden Beine", der "zerfetzten Körper", und immer wieder das Schreien. Man begreift, dass das Schreien jene Barriere ist, die den Menschen, sobald sie einmal überschritten wurde, am intensivsten berührt, beeindruckt, verstört. Vielleicht, weil es die exzessivste und emotionalste Lautäußerung des Menschen ist. Wenn man das hört, weiß man: Ausnahmezustand!

Noch ein wenig Politfolklore

Aber was ist passiert? Man will es wissen und erfährt es doch nicht. Über Stunden hinweg bewegt sich die Berichterstattung auf der Ebene der Nacherzählung. Die Liveblogs. Die Einschätzungen. Das Warten auf das Bekennerschreiben. Die Mutmaßungen.

Alle paar Minuten werden die Onlineseiten aktualisiert. Sie geben vor, dass es eine Entwicklung gäbe. Aber tut es das? Oder ist der Medienzuschauer nicht eigentlich nur live bei den Aufräumarbeiten dabei? Während die Opfer am Anschlagsort liegen, manche tot und ihre Gesichter aus einer hilflosen Geste der Pietät heraus mit einer Zeitung abgedeckt, während die Sanitäter an den Ort des Geschehens eilen, beobachtet der Medienkonsument, wer alles läuft und schreit und weint. Aber was ist genau Terror? Warum geschieht er? Wie funktioniert er? Hat er ein Muster, was die Motive der Täter betrifft? Noch ist alles zu frisch. Dafür ist an einem solchen Tag keine Zeit.

Die Ermittlungen und Erkenntnisse, die es an die Öffentlichkeit schaffen, sind dürftig. Wenn morgens die Bombe hochgeht und zwölf Stunden später die Hauptnachrichten erscheinen, dann werden die Zeugen von zehn Uhr zitiert. Der Lichtblitz. Das Schreien. Freilich kommt im Laufe des Tages noch ein wenig Politfolklore dazu.

Außerdem die berühmten und wichtigen Stimmen. Sie geben ihr Bestes. Weil sie glauben, kommentieren zu müssen. Weil sie das alles nicht so stehen lassen können. Die Toten. Das Entsetzen. Wo man doch eigentlich verstummen müsste. Die einzig natürliche Reaktion. Stattdessen: live labern.

Und dann kommen die Terrorexperten zu Wort. Die Bandbreite ihrer Einschätzung reicht von vorsichtigen Artikeln bis hin zu Auftritten, während derer man das Gefühl hat, dass der Experte fast ein wenig beleidigt ist, dass er jetzt nur Zuschauer des Geschehens ist und nicht Akteur. Dass er jetzt nicht in irgendeinem Krisenstab sitzt und Expertise verteilen darf, sondern nur auf Phoenix oder N24 oder egal, wo gesendet wird. "In Expertenkreisen war schon länger bekannt, dass …", beginnen seine Sätze. Obwohl ein solcher Tag vollgepackt ist mit Worten wie "vermutlich", "offenbar", kommt am Ende des Tages das heraus, was immer herauskommt. Siehe oben. Jeder weiß, dass es passieren wird, aber niemand weiß, wann. Banalitäten verpackt als Gewissheiten.

Wer sich am Tag eines Anschlages durch die internationalen Medien durchstöbert, egal ob TV oder Onlinezeitung, weiß, dass wir eine Art Common Sense der Reaktion entwickelt haben. Eine Routine, deren Motor Redundanz ist. Wir stellen das auch gar nicht mehr infrage. Dass wir nichts wissen und trotzdem über Stunden hinweg das Nichtwissen in unzähligen Variationen aktualisieren.

Irgendwann im Laufe des Tages folgen noch die Bitte um Distanzierung und Differenzierung. Und die Stimmen der übrigen Weltöffentlichkeit. Jeder muss nun mitmachen. In die Ikonografie der Zeugenschaft gehört das hilflose Peace-Zeichen-Gemale in Kreide auf Asphalt von einer Studentin mit Wollmütze und gepiercter Unterlippe genauso wie die Analyse eines Facebook-Nutzers:

grenzen schliessen und alles was arabisch ist aus europa hinauswerfen. geht leider nicht anders. ich mag diese musel-kultur schlichtweg einfach nicht

Doch all das erklärt zu keinem Zeitpunkt, warum gestern in Brüssel 34 Menschen starben, 230 Menschen verletzt wurden. Was müssen wir ändern? Die Antworten bleiben vage.