Maja hat gegen den IS gekämpft. Sie sitzt im Raucherraum eines Berlin-Mitte-Restaurants, zieht wie verhungert an der Zigarette, und während sie den Rauch aus Brust und Lippen drückt, leuchtet auf ihrem Telefon ihr letzter Einsatzort im Kampf gegen den Terror. Ein Bad aus falschem Marmor, zwei Bauhaus-Sessel, Blick auf den Bosporus und tausend Kissen auf dem Bett. Sie war in Istanbul, nur eine Woche, nachdem dort zehn Menschen sterben mussten, ermordet von einem Terroristen im Namen des IS.

Anna Prizkau wurde 1986 in Moskau geboren und lebt seit 1994 in Deutschland. Sie hat als Kellnerin, Barkeeperin, Zeitungsausträgerin, Hostess, Probandin, Kunsthändlerin und PR-Beraterin gearbeitet, bevor sie Journalistin wurde. Zurzeit schreibt sie vor allem im Feuilleton der "FAS". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

Vor dem IS hatte sie keine Angst im Urlaub, Maja wollte die Reise auch nicht absagen deshalb, erzählt sie mir im Restaurant. Denn Maja denkt wie viele heute, denkt, dass man gegen Terror mit Alltag kämpfen kann und muss. "Denn sonst hätten die Typen ja gewonnen." "Und sogar Thomas de Maizière", berichtet Maja, "sagte gleich nach dem Attentat in Istanbul, dass Türkeireisen sehr okay sind." In unserer Freundschaft lebten früher nie die Zitate von Ministern, sondern nur die kaputter Schauspieler und Künstler. Aber im Früher lebte auch nicht dieses Böse, der Terror des IS. "Wir müssen weitermachen", sagt sie dann, ich denke an ein anderes Weiter, und vielleicht doch ans selbe, und bestelle noch mehr Wein.

Zu Hause wieder Wein, nur noch ein Glas, ein einsames, während Politiker durchs Fernsehen laufen. Es geht um Sicherheit in Deutschland und IS-Terrorismus: Die Lage hat sich nicht verändert. Wir sind noch immer frei und stark, ungefähr so spult irgendwer es runter. Ich weiß nicht mehr, wer da jetzt spricht, kann die Politiker nicht unterscheiden, vielleicht liegt es am Wein, vielleicht aber auch daran, dass deutsche Abgeordnete, Minister und Noch-Höhere immer dasselbe von den Lippen spulen, wenn es um Islamismus geht. Nach jedem IS-Anschlag, IS-Attentat wird zuerst "verurteilt auf das Schärfste", denn man ist "tief erschüttert", "fassungslos". Und dann kommen die Weiter-Direktiven: Weiter Satire machen. Weiter in Bars und Restaurants rumsitzen. Weiter in Urlaub fahren. Weiter die sogenannten Werte leben.

Weiter trinken, weiter ausgehen!

So geht der deutsche Kampf gegen den Terror. So macht es Maja. Und ja, auch ich habe so gegen den IS gekämpft. Zum Beispiel eine Woche nach dem Charlie-Hebdo-Anschlag, als ich durch drei Zeitschriftenläden rannte, auf der Suche nach der neusten Charlie-Ausgabe, der ersten seit dem Attentat. So wie drei Tage nach den Morden von Paris, mit Austern und Champagner im Kaufhaus Lafayette, es war gerade "Austernwoche", drei Stück für nur drei Euro. "Sie wollen unsere Art zu leben töten, die Terroristen des IS, deshalb müssen wir unsere Art zu leben feiern und zwar jetzt mehr denn je", sagten fremde Menschen mit Champagnergläsern einander, und im Kopf nickte ich dazu. Ausgehen war meine Antwort auf den Terror.

Und dieser Kopf wird morgen schmerzen, denke ich jetzt, trinke deshalb ein Glas Wasser und schaue durch das Internet. Auf Facebook regen sich die meisten noch immer auf über Clausnitzer Rassisten, über die Polizisten und über Ostdeutschland. Nur Martin nicht, er ist durch sein Examen gefallen, schreibt er, und eine Halb-Bekannte kommentiert "keep calm and carry on", was sehr gut passt zur Stimmung. Vielleicht nicht zu Martins Stimmung, aber zum Jetzt in Deutschland, weil "carry on" hier alle sagen.

Wie hättest Du gekämpft?

Zumindest die Politiker im Fernseher, auf dessen Bildschirm jetzt plötzlich Nazideutschland leuchtet. SS- und SA-Uniformen. Erschießen. Schreien. Schlagen. Mal bunt und mal schwarz-weiß. Ein Dokudrama. Was hättest Du im Dritten Reich gemacht? Ich spreche leise mit mir selbst, während auf dem Bildschirm HJ-Kinder brüllen. Gekämpft natürlich gegen Hitler, wie es wahrscheinlich heute jeder von sich denkt. Wie hättest Du gekämpft?, sage ich jetzt zu den Bildern einer sehr schönen blonden Nazi-Frau. Mit Austern, so wie Du den IS bekämpfst? Der Kopf schießt immer neue Fragen nach, während darin Hitler langsam zu Al-Bagdadi wird.

Denkt man an das alte, deutsche Böse, kann man da auch das neue Böse sehen, den Islamismus des IS? Zum Beispiel diese schöne Nazi-Frau im Fernsehen. Ausgestattet mit einer Burka und einer verkehrt-kommentierten Ausgabe des Korans wäre sie auch eine sehr gute IS-Frau geworden. Denn das Frauenbild der Nazis gleicht dem der Islamisten. Das sagt zum Beispiel so ein IS-Frauen-Manifest, darin steht, dass Frausein bedeute, eine gehorsame Ehefrau zu sein, und Mutter, denn Mutterschaft ist heilig, was auch schon Heinrich Himmler hätte schreiben können, so ähnlich hat er es sogar geschrieben, als er den Lebensborn gegründet hat.

Als ich die alten Nazi-Worte im Internet auf einer Seite suche und finde – "Heilig soll uns sein jede Mutter guten Blutes" –, klingelt es auf der anderen Seite. Facebook. "Heute noch ein Glas Wein?" Rebecca, eine Freundin. Sie will ausgehen.

"Nein, heute nicht."

"Was machst Du?"

"Denke, dass der IS vielleicht der neue Hitler ist."

"Nur weil die Islamisten Juden hassen?", schreibt sie, setzt nach mit einem gähnenden Emoji. "Ich bin gleich in der Bar, komm, wenn Du später anders denkst."

Doch ich denke nur an den Judenhass der Islamisten und dann an andere IS-NS-Parallelen: zuerst an diese Art, die Jugend zu bewegen, mit dem Versprechen eines abenteuerlichen und bedeutungsvollen Lebens, das auch die jungen Deutschen wollten, die freiwillig zu Nazis wurden. Und dann an diesen Todeskult der beiden Totalitarismen. Macht Sterben für Allah oder für Adolf Hitler einen Unterschied? Vielleicht nur diesen einen: die Sache mit dem Paradies, das so oft wiederholte Versprechen der IS-Ideologen an ihre Kämpfer, dass das Nicht-Leben nach dem Leben schön wird und sich lohnt.