Meine Welt ist vor neun Monaten stehen geblieben. Ich hätte das nicht für möglich gehalten, ich war stark, ich habe funktioniert, ich hatte ein funktionierendes Leben. Und dann das. Ein Freund stirbt. Von einem Augenblick auf den anderen ist nichts mehr, wie es war.

Caroline Kraft war die vergangenen zehn Jahre in der Verlagsbranche tätig – in London, Frankfurt und Berlin, wo sie heute lebt und mit geflüchteten Menschen arbeitet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Nadim Hendawi

Der Tod meines Freundes war eine Zäsur. Er warf mich aus der Bahn. Wenn mir Menschen versicherten, dass es mir wieder besser gehen würde, wollte ich schreien. Nach dem Tod ihres Mannes schrieb Sheryl Sandberg: "Real empathy is sometimes not insisting that it will be okay but acknowledging that it is not." Echtes Mitgefühl erkennt den Schmerz über den Verlust an. So war es auch die Aussage einer Freundin, die mich in der ersten Zeit am meisten tröstete. "Das ist schlimm", sagte sie, "ganz, ganz schlimm." Sie hielt die Leerstelle, den Nachklang dieses Satzes aus und ich war ihr dankbar dafür.

Es gibt Menschen, die eine Struktur brauchen, um nach einem solchen Ereignis weiterleben zu können. Bei mir war das Gegenteil der Fall. In meinem Inneren herrschte ein nie erlebter Ausnahmezustand, und ich spürte eine furchtbare Diskrepanz nach außen hin. Ich hielt es kaum aus, dass ich aß und sprach und schlief, dass ich einkaufen ging und mein Bett machte. Ich hatte das Gefühl, ich müsste versehrt sein, körperlich. Es quälte mich, dass man mir mein Leid nicht ansah. Ich konnte mit dieser unsichtbaren Wunde nicht leben, ich musste das Außen dem Innen angleichen, um nicht zu verbluten.

Funktionieren war eine Selbstverständlichkeit

Doch zunächst verstand ich dieses Bedürfnis nicht. Ich vertraute ihm nicht. Die ersten Monate bekämpfte ich es. Versuchte, weiter zu funktionieren. Auf meine Versuche folgten Nervenzusammenbrüche, Krankschreibungen und weitere Versuche. Eine endlose Kette aus Wollen und Nichtkönnen. "Warum glauben Sie, dass Sie funktionieren müssen?", fragte mich meine Therapeutin. Ich wusste mit dieser Frage nichts anzufangen. Weil Funktionierenmüssen eine Selbstverständlichkeit war. Weil ich niemanden kannte, der monatelang einfach ausfiel. Weil ich offene Trauer eigentlich gar nicht kannte. Ich fühlte mich schuldig, weil andere scheinbar besser mit dem Verlust ihnen nahestehender Menschen zurechtkamen. Zweifelte daran, dass der Tod eines Freundes eine solche Wucht rechtfertigte. Ich hatte immer das Gefühl, mein Gegenüber von meinem Leid überzeugen zu müssen, anstatt das Offensichtliche zu sagen: "Es geht mir nicht gut."

Nach drei Monaten gab ich auf. Mein Arbeitgeber sicherte mir eine Krankheitsvertretung für die nächsten sechs Monate zu. Ich legte mich ins Bett und schaute eine Pferdeserie. Acht Staffeln lang, gut sechstausend Minuten, jede Folge mit einem Happy End. Darüber hinaus tat ich nichts von dem, was ich vorher getan hatte. Ich versuchte, durch jeden Tag zu kommen. Alles verlangsamte sich.

Es gab Menschen in meinem Umfeld, die das kritisch sahen. Sie sorgten sich, ob eine derart intensive Form der Trauer gut sein könne. Manche verstanden rundheraus nicht, was ich da tat. "Menschen sterben eben. Was machst du denn den ganzen Tag?", war nur eine von vielen Reaktionen, die oftmals so heftig ausfielen, dass ich glaube, die Menschen fühlten sich durch das, was sie als Nichtstun wahrnahmen, provoziert. Ich hatte dem nichts entgegenzusetzen, ich wusste nur, dass ich keine Wahl hatte.

Der Schmerz veränderte seine Gestalt

Irgendwann fing ich an, zu akzeptieren, dass ich nicht sagen konnte, wann es mir wieder besser gehen würde. Dass es keine Rolle spielte, welche Zeitspanne ich oder andere Leute für angemessen hielten, um ins Leben zurückzukehren. Dass Trauer (und Trauerarbeit) eigenen Regeln folgt und sich nicht beschleunigen lässt, auch wenn sie gut begleitet wird. Die Dinge setzten sich in Bewegung. Der Schmerz wanderte umher, suchte sich neue Plätze und veränderte seine Gestalt. Kam und ging in Wellen. Ich fing an, zu heilen.

Und ich tat noch etwas anderes. Ich setzte mich zum ersten Mal mit der Vergänglichkeit auseinander, mit meiner eigenen Vergänglichkeit und der aller Menschen, die mir etwas bedeuten. Ich hatte das Gefühl, tatsächlich zum ersten Mal zu wissen, dass wir alle sterben würden. Es war die Art von Wissen, die sich nicht beiseiteschieben lässt. Ich versuchte, zu verstehen, wie Leben im Angesicht des Todes möglich ist, und fing an, zu lesen, auf der Suche nach etwas, ohne genau zu wissen, wonach. Bis ich vor einigen Tagen diesen Satz in einem Buch von Irvin D. Yalom entdeckte: "Es gibt Menschen, die sich erlauben, dem Tod authentisch zu begegnen und seinen Schatten in den Kern ihrer Existenz zu integrieren." Genau das war es, was ich instinktiv getan hatte, was ich immer noch tue.

Heute frage ich mich, wie es sein kann, dass ich vorher so wenig über die Formen und Mechanismen von Trauer wusste. Ich habe oft darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn ich keinen Grund für meine Depression gehabt hätte. Wie viel schwerer es mir gefallen wäre, zu sagen: "Ich funktioniere nicht, und ich weiß nicht, warum." Wie viel Scham damit verbunden gewesen wäre. Und wie absurd es ist, dass wir dafür einen einzigen gesellschaftlich anerkannten Begriff erfunden haben: Burn-out. Erst, als ich anfing, über meine eigene Kapitulation, über mein eigenes Nichtfunktionieren zu sprechen, erzählten mir die Menschen von ihren Krisen. Von ihren Verlusten, ihren Depressionen, davon, plötzlich nicht mehr leben zu können. Vielleicht wäre mir einiges von dem, was ich in den letzten Monaten erlebt habe, leichter gefallen, vielleicht hätte ich gewusst, dass es keine offizielle Rechtfertigung braucht, um in eine Krise zu stürzen, und dass es keinen Maßstab dafür gibt, wie verheerend Leid ins Leben einbrechen kann.