Vieles ist in Kürze besser. Stundenlang spielende Bands verursachen beim Publikum häufig Hüft- und Rückenschmerzen. Ein zu langer Mittagsschlaf führt zu unangenehmer Duseligkeit. Und viele Reden auf Veranstaltungen ließen sich auf vier, fünf Sätze kürzen, ohne den Gehalt des Vortrags maßgeblich zu beeinträchtigen. In längeren Briefen stehen häufig Sachen, die unangenehm oder unrealistisch überzeichnet sind. Mit Postkarten hingegen hat bisher kaum jemand etwas falsch gemacht. Und auch ein Tweet gelangt meist nur zur Höchstform, wenn er nicht überstrapaziert wird.

Zum zehnten Geburtstag der Kurznachrichtenplattform Twitter hat ihr Chef Jack Dorsey nun bekannt gegeben, dass das 140-Zeichen-Limit eines Tweets nicht aufgehoben wird. Die größte Angst jener, die schon ein zweites Facebook kommen sahen, wird sich vorerst nicht erfüllen. Die Twitterer hatten sich erfolgreich empört und können nun den Finger wieder von der Feststelltaste nehmen. #zumglueck

Doch warum eigentlich so ein Geschrei, als es hieß, Twitter würde eventuell seine Zeichengrenze auf 10.000 Zeichen erweitern? Sonst will der Internetznutzer doch auch immer alles, was er haben kann. Sagen wir es mal so: Twitterer sind speziell. Sie lieben jedes der 140 Zeichen, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie lassen sich Abkürzungen und Wege einfallen, um durchaus komplexe Zusammenhänge in einen Tweet zu quetschen. Gerade in Deutschland etablierte sich Twitter anfangs vor allem als Dienst für jene Menschen, die schnelle, prägnante, vor allem aber humorvolle Kommunikation zu schätzen wussten. Manche von ihnen twittern bis heute. Man hört bisweilen von Entwurfsdokumenten in Word, in denen Tweets komponiert werden und eine Weile reifen dürfen, bevor sie dann in die Öffentlichkeit geschickt werden. Der Tweet als #Kunstform.

Ob der Rapper Kanye West sich so viele Gedanken um seine Ergüsse in Bröckchen macht, kann man bezweifeln. Seine Tweets wirken häufig wie beim Schluckauf verlorene Emotionen, reflexhafte Äußerungen aus den Händen eines Multimillionärs. Doch auch Kanye West weiß: Ein guter Tweet steht für sich allein, er kommt mit 140 Zeichen aus und will auch gar nicht mehr. Im Netz der unbegrenzten Möglichkeiten ist der Tweet eine Form der digitalen Zurückhaltung, was auch im Falle West nicht automatisch bedeutet, dass der Inhalt nicht selbst vor Überschätzung strotzt, doch gibt man sich zumindest, was den Platz betrifft, mit einem Kleingarten zufrieden. Ein wahrer Landschaftsarchitekt kann auch hier Wunder vollbringen.

Und diese Genügsamkeit ist im Netz mittlerweile eine seltene Tugend. Jeder hat schon einmal den Entfolgen-Button geklickt, wenn Twitterer sich in Tiraden äußerten, kilometerlang Tweet für Tweet im Sekundentakt in die Timeline ballerten. Diese Leute verbinden ihre Tweet-Roman-Bruchstücke (1) auch gern mit Nummern, um dem Otto-Normal-Leser (2) zu verstehen zu geben, dass es hier (3) zwischen den einzelnen Tweets einen Zusammenhang gibt (4) – viele dieser Tweet-Ausbrüche hätte auch die Hosentasche twittern können. Und man fragt sich jedes Mal wieder: Wieso wählt derjenige einen Schuh, der ihm drei Nummern zu klein ist? Denn Twitter ist kein guter Ort für sachliche Diskussionen und reflektierte, tiefschürfende Auseinandersetzung, aber ein guter Ort für die Poesie der Prägnanz.

"Ich verstehe das nicht"

Der gute Tweet ist kein Herdentier, er grast allein. Damit gibt er sich zufrieden. Überdies hält er sich vornehm zurück und verzichtet auf #Laberei. Zu viele Satzzeichen und Versalien sind ihm zuwider. In der Kürze liegt seine Eleganz. Er ist eine, aber nicht die einzige Form des Anstands im digitalen Knigge. Man beherrscht ihn selten sofort. Das lässt ungeduldige Menschen, die sich neu bei Twitter anmelden, häufig verzweifeln: "Ich verstehe das nicht." Das ist nicht so schlimm, vielleicht gehört man dann einfach nicht hierher. Auf Twitter trifft sich vor allem, wer Kürze zu schätzen weiß.

Und Twitter lebte schon immer von der Sinnstiftung durch seine Nutzer. Die Gründung des Unternehmens war vor allem der Versuch einer kapitalisierten Formgebung: 140 Zeichen, mehr gibt’s nicht. Die Nutzer willigten ein. Menschen mögen Regeln, auch wenn sie das ungern zugeben. Und weil kurze Sätze eben schnell zu erfassen sind, gilt auf Twitter: Ich erkenne dich. Twitter-Nutzer folgen einander, weil man schneller als auf anderen Plattformen ein Gespür für den Humor des anderen bekommt, für die Zwischentöne, die man nicht aus 500 Zeilen Gefasel klauben muss.

Dass Jack Dorsey sich nun gegen eine Ausweitung des 140-Zeichen-Limits entschieden hat, ist mutig. Passt aber zu Twitter. Dort, wo jeder alles darf, im Netz der unbegrenzten Möglichkeiten, tut ein Ort gut, an dem es zumindest eine Regel gibt: Bis hierhin und nicht weiter als 140 Zeichen.