Es ist ein Donnerstagabend im April und es schneit in Chicago. Wir sitzen in unserer Stammkneipe und gucken Basketball. Ich vermisse die Bundesliga, aber ich schaffe es einfach nicht, mich samstags um acht Uhr morgens auf Fußball einzulassen. Mir geht es vielmehr darum, abends nach der Arbeit ein Bier zu trinken und anderen Menschen beim Spielen zuzusehen. Also bin ich zum Basketballfan geworden. So eine neue Sportart, auch wenn man sie nur im Fernsehen sieht, will erst mal gelernt sein. Das Tempo, die Regeln, die Namen der Spieler, die Fankultur, die Floskeln, das alles ist wie eine andere Grammatik, die man nach einer Weile Üben beherrscht. Üben heißt für mich: drei, vier Spiele pro Woche. Manchmal zu Hause, meistens in der Kneipe.

Jana-Maria Hartmannn, geboren 1981, arbeitet als freie Lektorin und Übersetzerin und pendelt zwischen Berlin und Chicago. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8" © privat

Die Chicago Bulls, einst die berühmteste Basketballmannschaft der Welt, haben eine miserable Saison hinter sich und kämpfen in Miami darum, die NBA-Play-offs zu erreichen. Ich kann die Fans im Stadion sehen, sie sind braun gebrannt und tragen elegante, pastellfarbene Hemden aus leichten Stoffen. Ich trage Wanderschuhe mit starkem Profil und eine warme, atmungsaktive Regenjacke, die ich auch drinnen erst ausziehe, wenn das Spiel hektisch wird. Niemals wäre ich in Berlin-Neukölln, wo ich bis vor Kurzem noch gewohnt habe, so vor die Tür gegangen. Aber jetzt lebe ich im Norden von Chicago, in einem Stadtteil, der halb von weißen, mittelständigen Familien und halb von Arbeitern und mexikanischen Einwanderern bevölkert ist. Um Mode schert sich hier definitiv niemand.

Die Bulls führen mit einem Punkt am Ende des ersten Viertels. Während die Bar sich langsam füllt, essen mein Freund Jorge und ich fades Popcorn aus der Popcornmaschine und unterhalten uns mit George, einem seiner Kollegen aus der Uni, der mitgekommen ist. Das Cardinal ist eine Eishockey-Kneipe, und auch die Chicago Blackhawks haben heute ein entscheidendes Spiel. Wir haben Glück, dass der mexikanische Barkeeper German (den George nur "hermano" nennt) uns auf einem der zehn Bildschirme NBA schauen lässt, ohne Ton.

Mit niemandem etwas gemein

Eishockey ist ein entschieden weißer Sport, von den Spielern bis zu den Fans ist die Kultur nicht sehr gemischt. Die Kneipe, die quasi unser verlängertes Wohnzimmer wurde, ist Thema fortlaufender Auseinandersetzungen zwischen mir und meinem Freund: Ich bin froh, bei der Kälte nicht weit laufen zu müssen, möchte aber am liebsten mit keinem hier reden. Ich habe mit niemandem etwas gemein, weder mit den bärtigen Eishockeyfans, noch mit dem älteren Pärchen, das Trump wählt, noch mit den bleichen Jungs, die montags zum Flipperturnier kommen, noch mit dem tätowierten Vietnam-Veteranen, der immer gebrochen Deutsch mit mir reden möchte.

Jorge allerdings meidet die Hipsterbars in unserem Nachbarviertel, er fühlt sich viel wohler mit den bodenständigen, den ehrlichen Leuten im Cardinal. "Das sind die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, das ist meine Herkunft!" Jorge ist in einem Arbeiterviertel im Westen Chicagos groß geworden, als Kind illegaler Einwanderer; ich in einer Späthippiefamilie im Rheinland. Weiß der Himmel, wie wir zwei uns gefunden haben (trennen kann uns jetzt allerdings nichts mehr).