Im Rahmen der "Wir machen das"-Veranstaltungsreihe "Begegnungsort Buchhandlung": Neuankömmlinge und Alteingesessene treffen aufeinander und tauschen ihre Geschichten aus. Fünfzehn Eindrücke von einem Abend in der Buchhandlung Thaer in Berlin

1. "Egoistisch ist nicht, wer darauf besteht, so zu leben, wie er möchte. Egoistisch ist, wer darauf besteht, dass alle so leben, wie er möchte." Diese Worte, vorgetragen in einem ruhigen, syrisch eingefärbten Englisch von Ferial Bergli, schallten durch die Buchhandlung Thaer. Sie brachen sich an den Regalen, rollten die Rücken von gebundenen und Taschenbüchern entlang, klangen den Zuhörern in den Ohren und hallten noch lange nach Ende der Veranstaltung in meinem Kopf wider. Diese beiden Sätze markieren ein existenzielles Dilemma: Wie wird man anderen gerecht, ohne sich selbst zu verbiegen? Ein Dilemma, in dem wir alle uns irgendwann wiederfinden, und mit dem manche, seitdem Tausende Neuankömmlinge unter uns leben, heftiger ringen als jemals zuvor.

2. Die Diskussion – kundig geleitet von der palästinensischen Autorin Adania Shibli – bot Einblick in den persönlichen und politischen Werdegang dreier sehr unterschiedlicher Frauen, die dennoch manche Erfahrungen und Ansichten teilten. Katja Ponert vom Team des "Wir machen das"-Rechtsberatungsbusses verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in Paraguay und Chile. Es sollte eine prägende Zeit für sie werden. Sie erfuhr, wie ungleich überall auf der Welt Reichtum und Privilegien verteilt sind, und beschloss – in der Überzeugung, dass Ungerechtigkeit mit rechtlichen Mitteln zu bekämpfen sei –, Jura zu studieren.

Priya Basil ist eine britisch-indische Schriftstellerin. Sie ist in Kenia aufgewachsen, studierte in Großbritannien und lebt heute in Deutschland. Sie veröffentlichte zwei Romane und eine Erzählung sowie verschiedene Essays und Artikel. 2010 war sie Mitgründerin von "Authors for Peace" und engagiert sich heute unter anderem in der "Wir machen das"-Initiative. Sie ist Gastautorin von "10nach8". © privat


Zahraa Qais erinnerte sich an bessere Zeiten im Irak: So grauenvoll das Regime Saddam Husseins gewesen sein mag, die Frauenrechte wurden damals doch zumindest in Teilen geachtet. Zahraa ahnte, in welcher Weise Recht und Gesetz das Leben beeinflussen konnten, und wollte daraufhin Anwältin werden.

Eine Sprache verdrängt die andere

Ferial gab sich skeptischer und äußerte Zweifel an der Macht des Rechtssystems. In Syrien habe es ihrer Meinung nach immer nur kurze Phasen gegeben, in denen Hoffnung auf Gleichberechtigung der Geschlechter aufkeimte. Trotzdem schaffte sie es, sich als alleinstehende Mutter von drei Kindern ein Leben aufzubauen, indem sie privat Englisch unterrichtete und Geld verdiente.

3. Die Übersetzung ins Englische geriet recht hölzern, und nach einigen Minuten beichtete der Dolmetscher Salem, dass er in letzter Zeit voll und ganz mit Deutschlernen beschäftigt sei und ihm das Umschalten auf Englisch schwer falle. "Könnte ich stattdessen von Arabisch ins Deutsche übersetzen?", fragte er. Und so wurden wir Zeuge des ungewöhnlichen Moments, in dem jemandem klar wird, dass in seinem Kopf eine Sprache eine andere verdrängt hat, und dass er sich, zumindest hier und jetzt, in der neuen Sprache – die er erst ein knappes Jahr lang spricht – wohler fühlt als in der alten, Englisch, die er sein halbes junges Leben lang gelernt hat.

4. Ferial, die Damaskus verlassen hatte, nachdem ihr Wohnblock bombardiert worden war, verriet uns, dass ihr ursprüngliches Ziel Schweden hieß, dass Deutschland nur eine weitere Station auf dem Weg war. Doch kaum war sie angekommen, wurde sie krank und konnte nicht gleich weiterreisen. Schließlich stellte sie ihren Asylantrag hier. Ihr von mächtigen Kräften – Geopolitik, Religion und Krieg – gelenktes Schicksal wurde plötzlich von einem internationalen Virus bestimmt, der Grippe.

Öffentliche Auseinandersetzung

5. Plötzlich meldete sich ein Zuschauer und sagte etwas auf Arabisch. Er frage, erläuterte der Dolmetscher, ob auch die englischen und deutschen Beiträge ins Arabische übersetzt werden könnten, nicht nur anders herum. Dieser kleine Akt der Selbstbehauptung war ein weiteres Anzeichen für den Wandel, in dem unsere Gesellschaft begriffen ist: Es gibt Menschen, die an ihr teilhaben wollen und die darauf angewiesen sind, dass wir ihnen den Zugang etwas erleichtern. Und so hatten wir, die wir kein Arabisch sprachen, uns zu gedulden und erlebten, was für die Neuankömmlinge eine alltäglich Erfahrung war: Sprache als eine unverständliche Melodie, deren Bedeutung man nur zu gern entziffern würde.


6. "Niemand will sein Land verlassen", sagte Zahraa. Sie beschrieb die Ängste, denen sie über zehn Jahre lang ausgesetzt war. "Krieg bedeutet Unsicherheit." Sie selbst, fügte sie hinzu, hätte damit leben können – und lange Zeit hat sie es ja auch getan. "Ich bin stark, ich bin erwachsen. Ich konnte mich arrangieren." Doch alles änderte sich, als sie ein Kind bekam. Ihre Tochter sollte nicht in solch unsicheren Umständen aufwachsen, den Grundfreiheiten beraubt und unter ständiger Bedrohung. Deswegen machte sie sich auf den Weg nach Europa.

7. "Die Jahre weicher Demokratie in Deutschland sind vorbei", erklärte Katja. Bürger dieses Landes zu sein – so habe ich ihre Aussage verstanden -, ist heute kein Freizeitvergnügen mehr, kein Hobby. Die Zeiten sind vorbei, in denen es ausgereicht hat, über Gleichberechtigung und Chancengleichheit für alle nur zu reden; in denen die beschwerlichste unserer demokratischen Pflichten darin bestand, wählen zu gehen. Die neue Wirklichkeit verlangt eine neue, härtere Haltung. Gefordert ist die Schwerarbeit von öffentlicher Auseinandersetzung, von Protest und Engagement. Es gilt, die Augen auch vor schwierigen Situationen nicht zu verschließen. Die Ellbogen auszufahren und bereit zu sein, all diejenigen unterzuhaken, die eine offene Gesellschaft wollen und sie gegebenenfalls gegen Fremdenfeinde zu verteidigen. Wir leben in Zeiten harter Demokratie, in der unsere Werte ernsthaft auf die Probe gestellt werden.