Wenn ich gefragt werde nach Neuigkeiten von der Familie H., die wir vor vier Monaten aus Aleppo hierhergeholt haben, berichte ich immer ganz brav: Y. und R. besuchen inzwischen einen Integrationskurs, R., Y. und Hu. jobben nachmittags und abends zum Mindestlohn in einem Büro und in einer Restaurantküche, auch für A. haben wir einen Job gefunden, in einer Schuhwerkstatt, sobald sein Deutsch besser ist, kann er ihn antreten; Ha.'s Deutsch ist bereits so gut, dass sie in der Schule am Regelunterricht teilnehmen kann. A. hat Diabetes, bei Hu. ist noch nicht raus, was sie hat, R. und A. waren endlich beim Zahnarzt. Mit der Vermieterin der Wohnung, in der sie verbilligt leben dürfen, verstehen sie sich gut, Gott sei Dank.

Marion Detjen ist Historikerin am Zentrum für Zeithistorische Forschung. Ihre Schwerpunkte liegen auf der deutsch-deutschen Migrationsgeschichte, Gender und den Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Warum quält es mich zusehends, diese Berichte von mir geben zu müssen, obwohl es doch unterm Strich Erfolgsberichte sind, Berichte von "gelingender Integration"? Die dahinterstehende ausgesprochene oder unausgesprochene Frage ist immer: Wird die Familie H. aus Aleppo es in Deutschland schaffen? Wird sie sich hier eingliedern? Keine Sorge. Sie wird niemandem zur Last fallen, sie wird niemanden stören, sie ist fleißig und nett und umgänglich und auf bürgerliche Karrieren aus. Nur an die Hijabs werden wir uns gewöhnen müssen, nur die Hijabs werden uns daran erinnern, dass da etwas ist, das nicht so sein will wie wir.

Das Wort Integration habe ich schon gehasst, bevor die Familie H. nach Deutschland kam. In der Behindertenpädagogik – selbst ein schreckliches Wort – benutzt man es nicht mehr und spricht stattdessen von Inklusion, die zwar in der Praxis fast immer scheitert, aber in der Theorie endlich einen Ansatz ohne Diskriminierung bietet. Integration heißt, dass eigentlich störende, nicht dazugehörende Elemente in eine ohne sie existierende Einheit so einbezogen werden, dass sie nicht mehr stören. Wenn man das Pech hat, ein solches störendes Element zu sein, ist das fürs Selbstbewusstsein nicht gerade gut. Und es stellt sich die Frage, wie die Einheit überhaupt beschaffen ist, die das Störende ausschalten und eingliedern will.

Es soll Schluss sein mit der "Krise"

Seit dank des Türkei-Deals und der Schließung der Balkanroute die Flüchtlingszahlen in Deutschland spürbar sinken, geht durch einen großen Teil der Bevölkerung, quer durch alle politischen Lager, ein Seufzer der Erleichterung. Auch Linksliberale bekennen plötzlich, dass es zu der Merkel'schen Politik wohl keine Alternative gegeben habe und dass ihr "kleiner deutscher Egoismus" sich fürchte, "wenn zu schnell zu viele Fremde aus völlig anderen Kulturkreisen dazukommen" – auch wenn die Vernunft ihnen sagt, dass unser reiches Land durchaus auch mit dem Doppelten und Dreifachen, ja Zehnfachen fertig geworden wäre. Es soll jetzt Schluss sein mit der Ausnahmesituation, der "Krise" des letzten Dreiviertel-Jahres. Es soll jetzt wieder Normalität herrschen, möglichst die Normalität, die wir vor dem Sommer 2015 kannten. Mit ein paar Modifikationen soll der Status quo ante wiederhergestellt werden, der uns suggerierte, wir hätten die Kontrolle darüber, was das, was in der Welt zurzeit passiert, mit uns macht und ob und wie es uns betrifft.

Aber ich kann das nicht, es geht nicht mehr. Für mich hat sich im vergangenen Jahr irreversibel etwas verändert. Dass an den Rändern und jenseits der Grenzen Europas in großem Stil gelitten und gestorben wird und Menschheitsverbrechen geschehen, dass Europa seine Werte verrät, dass wir unsere eigenen Probleme, von der Demografie über den Klimawandel, die Desintegration Europas bis hin zu all unseren mörderischen Abhängigkeiten nicht lösen, sondern auf die lange Bank schieben, all das ist ja nicht neu, sondern sattsam bekannt. Aber im letzten Jahr, durch die Beziehungen und Bekanntschaften mit Geflüchteten, durch viele intensive Erlebnisse, hat dieses Wissen für mich eine körperliche Qualität bekommen. Es macht eben doch einen großen Unterschied, ob man etwas abstrakt weiß und jederzeit aus dem eigenen Alltag verdrängen kann oder ob man eine persönliche Verbindung dazu hat. Die Erleichterung wegen der sinkenden Flüchtlingszahlen in Deutschland kann ich nicht nachvollziehen; mich erfüllt Trauer und Wut.