Dieser Artikel erscheint als Gastbeitrag in unserer Kolumne des Autorinnenkollektivs "10 nach 8".

Wie ist es zu bewerten, wenn eine deutsche Zeitung in ihrer Berichterstattung über Israel kontinuierlich mit verbalen Versatzstücken spielt, die potenziell judenfeindliche Gefühle auslösen können? Zur Diskussion steht eine Israelkritik, in der nicht zwingend die Rede von Juden ist oder das Existenzrecht Israels explizit bestritten wird, die aber dazu geeignet ist, Israel zu dämonisieren und judeophobe Stereotype im öffentlichen Bewusstsein zu festigen. Ein Artikel steht dafür fast exemplarisch.

Mirjam Fischer hat Jura und Geschichte studiert und einige Jahre für den WDR und andere deutschsprachige Medien über Sport aus aller Welt berichtet. Sie lebt in Süddeutschland und arbeitet als freie Journalistin mit Schwerpunkt Wirtschaft, Recht und Gesellschaft. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

"Israel leidet an seinem Kreislauf der Rache" betitelte am 24. Januar 2016 die Onlineredaktion der Süddeutschen Zeitung einen Artikel ihres Israelkorrespondenten Peter Münch über die jüngsten Unruhen im israelisch-palästinensischen Konflikt. Selbst wenn sie so nicht gemeint war, lässt die Überschrift eigentlich nur eine Interpretation zu: Ein ganzes Volk, Israel, krankt kollektiv an Vergeltungssucht, ist getrieben von irrational-archaischen Motiven. Der Rachebegriff, in deutschen Medien sonst gern im Zusammenhang mit islamistischen Kräften verwendet, wird häufig auch auf den Judenstaat projiziert.

Stereotyp der jüdischen Rachsucht

Spätestens seit der vor drei Jahren hitzig geführten Debatte über das Verhältnis von Journalismus und Antisemitismus, ausgelöst durch die Kritik des Simon-Wiesenthal-Zentrums an einer Kolumne von Jakob Augstein bei Spiegel Online, müsse wohl "jedem Journalisten und jeder Redaktion bekannt sein, dass das Stereotyp der jüdischen Rache und Rachsucht ein uraltes judeophobes Konzept sei, seit dem Mittelalter tief verankert in judenfeindlicher Kommunikation und auch von den Nationalsozialisten viel verwendet. Warum wird es dann also weiter von Journalisten benutzt?", fragt Monika Schwarz-Friesel, Antisemitismusforscherin an der Technischen Universität Berlin.

Die Titelzeile in der Süddeutschen Zeitung stammt aus einem Zitat des palästinensischen Professors Said Zidani von der Al-Quds-Universität: "Die Siedlergewalt befeuere den Kreislauf der Rache", paraphrasiert Münch in indirekter Rede und greift selbst den Topos der jüdischen Rache auf. Er weiß wohl, dass das Bild vom mutwilligen Siedler, der hier für den Juden steht, umso effektvoller wirkt, wenn es ein Betroffener zu äußern scheint. Erst recht, wenn die andere Seite des Konflikts kaum zu Wort kommt und nicht erklärt wird, dass der Anlass der neuen Streitigkeiten die Nutzung des Tempelbergs in Jerusalem war, und nicht die Gewalt von Siedlern, die es natürlich auch gibt und die verabscheuenswürdig ist.

Problematisch ist daran zum einen die Einseitigkeit der Berichterstattung, nämlich dass hier auf die Folgen des schlechten Verhaltens ausschließlich der Juden hingewiesen wird. Zum anderen aber auch die stereotypisierende Verschlagwortung: Aus gewalttätigen Siedlern wird eine pauschale "Siedlergewalt" konstruiert, die mittlerweile in unterschiedlichen Publikationen als fester Begriff auftaucht, wenn der israelische Siedlungsbau im besetzten Westjordanland kritisiert wird.

Informationen werden gefärbt

Auch die Haltung, paramilitärischen Aktionen der Terroristen weniger Gewicht zu geben als den Aktionen der israelischen Streitkräfte, ist weit verbreitet und ein Indiz für antizionistischen Antisemitismus. Ein Gespür für feine Unterschiede im Wortgebrauch darf man einem Journalisten wie Peter Münch unterstellen. "Palästinenser greifen Israelis an, Israelis schießen Palästinenser nieder", schreibt er im ersten Satz desselben Textes. Warum niederschießen und nicht erschießen? "Ob jemand ein Verb wie ermorden oder töten nimmt, oder niederschießen, lässt immer darauf schließen, welche Perspektive der Schreiber einnimmt", sagt Monika Schwarz-Friesel. Er habe ja die Wahl. Bei "ermorden" und "niederschießen" werde über die Semantik des Wortes immer vermittelt, dass es sich um eine absichtliche, mutwillige Tötungsaktion handle. Eine andere Lesart sei ausgeschlossen. Was bleibt beim Leser haften? Israelis töten intentional, gewollt und nicht aus Notwehr, Selbstschutz oder strategischen Notwendigkeiten.

Natürlich ist die Süddeutsche Zeitung nicht allein. Auch andere deutsche Medien bedienen sich antisemitischer Stereotype oder zeichnen ein Zerrbild Israels, indem sie sich auf eine Seite schlagen, palästinensische Gewalt verharmlosen oder dem Staat das Existenzrecht absprechen. Der ARD-Radiokorrespondent Christian Wagner interessiert sich in vielen seiner Beiträge vor allem für die Motive der Täter: "Bei Terror steht in Israel fest: Es ist Hass auf Juden", schreibt er zu Beginn der Unruhen im Oktober 2015 auf der Themenseite des Senders. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte im selben Zeitraum "Netanjahu verspricht Kampf bis zum Tod" und muss mit diesen Worten den Rachebegriff nicht einmal bemühen.

ZEIT ONLINE schrieb in einer Headline im Januar 2016 nach einem Anschlag auf eine Bar in Tel Aviv, bei dem mehrere Israelis getötet beziehungsweise verletzt wurden: "Zwei Tote bei einer Schießerei in Tel Aviv". Eine Schießerei wäre ein Schusswechsel unter rivalisierenden Parteien. Wenn ein israelischer Araber das Feuer auf unbewaffnete jüdische Zivilisten eröffnet, ist das ein terroristischer Anschlag und (versuchter) Mord. Weitere Beispiele: Der ehemalige israelische Präsident Schimon Peres gab in einem moderaten Interview beiden Seiten viel Raum zur Diskussion und erklärte: "Wir sollten zwei Staaten haben. Es gibt nur einen. Das trägt dazu bei, dass junge Palästinenser sich gegen uns richten. Israel sieht oft nicht die eigentlichen Gründe. Israel sieht diesen Protest nicht. Es sieht nur das Töten." Der Spiegel reißt diese Aussage aus dem Zusammenhang und setzt die Überschrift: "Israel sieht nur das Töten". "Es muss in einem freien Land möglich sein, straflos das Existenzrecht Israels infrage zu stellen", findet die taz und bebildert ihren Artikel mit Netanjahu, dargestellt als blutrünstigen Kindermörder. Durch die Dämonisierung des Judenstaates wird Antisemitismus zur kommunikativen Normalität, die Assoziation "israelisch-jüdisch" ist längst automatisiert.

Und doch fällt die Süddeutsche Zeitung immer wieder besonders auf. Das zeigt auch eine Studie des Kommunikationswissenschaftlers Robert Beyer von 2015, der die israelkritische Berichterstattung der größten deutschen Zeitungen empirisch untersucht und in einem Buch zusammengefasst hat. Zum Teil wird mit geradezu bewusster Beharrlichkeit Antisemitismus über Sprache und Bilder geschürt. 2012 durfte Günter Grass sein Gedicht Was gesagt werden muss in der SZ publizieren, aus dem "der neue Antisemitismus aus dem Unterbewusstsein nur so quoll", wie es der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe ausdrückte. 2013 veröffentlichte die SZ eine Karikatur, die Israel als gefräßigen Juden darstellte.In der Bildunterzeile hieß es: "Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt". 2014 brachten die Münchner eine Zeichnung ins Blatt, die stark an die Darstellung von Juden durch die Nazis erinnerte: Charakterisiert war der jüdischstämmige Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als gierige, hakennasige Krake.