"Danke für Ihr Erscheinen und vergessen Sie nicht: 'Everyday is …'" Hamze Bytyci wirft beide Arme in die Höhe.  "Romaday!" gibt das Publikum geschlossen zurück. Hamze Bytyci ist der Kurator des #Romaday, einer Veranstaltungsreihe, die das Gorki Theater im Studio Я anlässlich des Internationalen Romatags initiiert hat. Eine Podiumsdiskussion zur Situation der Roma eröffnet die Reihe. Ich sitze neben einem Freund, dessen Einladung zu dieser Veranstaltung eine kleine Lawine in mir ausgelöst hat, eine Lawine, die mein Selbstbild einer modernen aufgeklärten Frau ordentlich erschüttert hat. Aber eins nach dem anderen.

Caroline Kraft war die vergangenen zehn Jahre in der Verlagsbranche tätig – in London, Frankfurt und Berlin, wo sie heute lebt und für Flüchtlingsinitiativen arbeitet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Michaela Philipzen

Vier Wochen zuvor. Eben jener Freund lädt mich ein, ihn zum #Romaday im Studio Я zu begleiten. Ich sage spontan zu und merke, dass es in den Tagen danach anfängt, in mir zu arbeiten. Vor dem Supermarkt frage ich mich, warum ich der Frau mit dem langen Rock, die mich immer grüßt und Zeitungen verkauft, eigentlich noch nie Geld gegeben habe. Schlüsselreize und Zuschreibungen. Ich kaufe mir ein Buch. Meine 7.000 Nachbarn. Die Autorin Eva Ruth Wemme begleitet in Berlin lebende Roma seit Jahren als Dolmetscherin und Beraterin.

Die Menschen, die mir in ihrem Text begegnen, sind kein Nomadenvolk. Ich lerne, dass der ihnen nachgesagte "Wandertrieb" ein Resultat aus über 500 Jahren Verfolgung, Vertreibung, Krieg und wirtschaftlicher Not ist. Es sind keine Handleser, keine fremden, allzu fremden Wesen. Es sind Menschen, die sich nach einer Wohnung für sich und ihre Familien sehnen, die mit ihren Kindern vor unvorstellbarer Armut und Ausgrenzung in ein besseres Leben geflohen sind. Ein besseres Leben. 

Für die Gruppe der Roma, die Eva Ruth Wemme begleitet – vor allem Anhänger der Pfingstbewegung aus einem rumänischen Dorf nahe Bukarest und damit EU-Bürger – heißt das in vielen Fällen: das Leben einer Großfamilie in überteuerten, schimmligen Einzimmerwohnungen ohne warmes Wasser, ein Leben ohne Krankenversicherung, ein Leben in Schulden. Die Väter arbeiten, meist schwarz oder für einen Hungerlohn, in Schlachthäusern, als Bauarbeiter, Blätter- und Alteisensammler oder Feuerzeugverkäufer und sind oftmals wochenlang von ihren Familien getrennt in anderen Städten, um überhaupt irgendwie über die Runden zu kommen.

"Diese Art zu leben erzeugt Ablehnung", sagt Eva Ruth Wemme, "das ist schmutzig, damit möchte man nichts zu tun haben. Als würden Roma freiwillig so leben, weil sie so wild sind und anders. Das ist Unsinn. Niemand möchte so leben." Die Menschen, mit denen sie zu tun hat, wollen arbeiten. Die meisten Anrufe, schreibt sie, hat sie wegen Zahnschmerzen bekommen, einmal 58 hintereinander. Die zweitmeisten Anrufe kamen, als die Frauen hörten, dass in einem Nachbarschaftsheim zwei Reinigungskräfte gebraucht würden. Doch oft genug ist keine Arbeit da. Das Leben in Deutschland ist hart, aber es gibt keine Alternative. Die Sehnsucht nach der rumänischen Heimat ist manchmal groß, aber dort ist nichts mehr, zu dem man zurückkehren könnte. Viele Familien bleiben hier, weil sie ihren Kindern zumindest eine schulische Ausbildung bieten wollen, und die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft.

Das Buch von Eva Ruth Wemme ist nicht eigentlich ein Text über Roma, es ist ein Text über Armut. Es beschreibt das Leben von Menschen, die in unaushaltbaren Zuständen leben, gefangen in einer Spirale aus Arbeits- und Wohnungslosigkeit. Der Gedanke, dass diese Menschen der Gesellschaft irgendetwas wegnehmen könnten, kommt mir lächerlich vor, genauso wie der Glaube, dass dieses Leben Roma-spezifisch sei.

Und doch ist es das – die Ethnisierung sozialer Verhältnisse –, was dafür sorgt, dass Roma tagtäglich unendlichen Formen von Diskriminierung ausgesetzt sind. In einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2014 heißt es: "Im Vergleich zu anderen Minderheiten wird ihnen die geringste Sympathie entgegengebracht, sie sind am wenigsten als Nachbarn und Nachbarinnen erwünscht und ihr Lebensstil wird als besonders abweichend eingeschätzt."

Es scheint, als würden wir, wenn es um Roma geht, plötzlich alles vergessen, was wir über die Funktionsweisen von Rassismus gelernt haben. "Die Roma" werden zu einer homogenen Gruppe, die oft genug synonym mit kriminellen Machenschaften verwendet wird. In dieses fatale Vakuum grätscht der Text von Eva Ruth Wemme hinein. Sie schafft es, die vermeintlich so verschiedenen Lebenswelten von Roma und Deutschen miteinander in Bezug zu setzen. An die vielbeschworene "Roma-Kultur" glaubt sie ohnehin nicht. "Die Roma sind zu divers, sie haben schon lange nicht mehr nur eine Geschichte. Sie kommen aus verschiedenen Ländern, verschiedenen Kulturen, sprechen verschiedene Sprachen." Und doch sind es immer dieselben Diskriminierungen, die sie erlebt, wenn sie Roma begleitet: Sie werden beschimpft und beleidigt oder sogar bespuckt – wegen ihres Aussehens, ihrer Kinder, ihres Verhaltens oder ganz einfach, weil sie da sind, und das Tag für Tag.

Zurück zur Podiumsdiskussion. "Wir sitzen hier heute Abend zusammen mit der Elite der Roma-Community", lacht Hamze Bytyci. Ein neuer kleiner Stromstoß der Selbsterkenntnis: Während ich die Menschen in den Erzählungen von Eva Ruth Wemme noch einigermaßen in Einklang bringen kann mit meinen eigenen Vorstellungen der Roma, will die "Elite der Roma-Community" nicht so richtig in dieses Bild passen. Woher kommen diese Stereotype, Zeichen eines tief eingepflanzten Antiziganismus? Im Verlauf der Podiumsdiskussion beginne ich zu ahnen: die Gründe sind vielfältig. Arme Roma sind sichtbarer als gebildete Roma. Scham ist verbreitet, weil das öffentliche Bild so negativ besetzt ist. 

"Viele Roma positionieren sich zu Antiziganismus gar nicht, weil sie Angst haben. Sie outen sich nicht, egal, ob sie Manager, Anwälte oder Politiker sind. Der Gedanke, stolz darauf sein zu können, dass man Roma ist, erscheint immer noch absurd", meint Gilda-Nancy Horvath, selbst Romni und ORF-Journalistin. In der Politik und den Medien ist Antiziganismus als Thema gleichermaßen unbeliebt. Sich dagegen zu positionieren kostet Wählerstimmen und die Gunst der Leser. Indes wird darüber geschwiegen, dass die systematische Vertreibung und Verfolgung von Roma in den sogenannten "sicheren Herkunftsstaaten" immer noch gang und gäbe ist.

"Antiziganismus funktioniert über Entmenschlichung", sagt Soraya Post, Abgeordnete des Europäischen Parlaments. "Seit Jahrhunderten werden Geschichten von Roma erzählt, die darauf abzielen, sich möglichst wenig mit ihnen identifizieren zu müssen. Roma frieren nicht so viel wie du. Sie müssen nicht so viel essen wie du. Sie sind faul." Ich versuche mich zu erinnern, welche Geschichten mir erzählt wurden. Mir fällt eine oft gesehene Filmszene meiner Kindheit ein: Romy Schneider will als "Sissi" in einem ungarischen "Zigeunerlager" eine laut schreiende Frau retten, die von ihrem Mann verprügelt wird. Als die "ungarische Königin" ihm einen Hieb mit der Reitgerte verpasst, schüttet ihr die Frau erzürnt einen Eimer Wasser über – und lässt sich anschließend weiter den Hintern von ihrem Mann versohlen.

Die Erzählung eines anderen, fremden Volkes. Ich verstehe, dass die Geschichte von gesellschaftlicher und staatlicher Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung bis hin zu Vertreibung, Internierung, Zwangssterilisierung und staatlich organisiertem Völkermord auf diesem Boden gebaut ist. Der Abend im Studio Я klingt aus und mir bleiben die Worte des Mannes aus einem kurzen Video in den Ohren hängen, der in einem der Romaslums in Hütten aus Pappkartons lebt, wie es sie in Mazedonien, Serbien, der Slowakei, Bulgarien und allen ehemaligen Ostblockstaaten gibt: "Was denken Sie? Natürlich würden wir gerne leben wie alle anderen."