Eigentlich ist das Elend seit Jahren bekannt: Nur drei bis vier Prozent aller englischsprachigen Bücher sind Übersetzungen aus dem fremdsprachigen Ausland. Aber was bisher nur wenige interessiert hat: Lediglich ein Viertel der ins Englische übersetzten Bücher stammt von weiblichen Autorinnen. Das ist merkwürdig, bedenkt man, dass Frauen in Großbritannien mindestens zwei Drittel der Leserschaft ausmachen.

Katy Derbyshire kommt aus London und lebt mit ihrer Tochter in Berlin. Sie übersetzt zeitgenössische Autorinnen und Autoren wie Inka Parei, Dorothee Elmiger, Helene Hegemann und Clemens Meyer ins Englische. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Komme ich einmal ins Zählen, kann ich nicht mehr aufhören. 29 Prozent der Romanübersetzungen aus dem Deutschen ins Englische stammen von Autorinnen. Wie kann das denn sein?, frage ich mich. Es ist ja nicht so, dass Frauen in Deutschland weniger verlegt werden. Oder? Leider hat niemand verlässliche Zahlen für mich. Der sonst so eifrige Börsenverein des deutschen Buchhandels führt über alles mögliche Buch; das Geschlecht der Schreibenden bleibt ungezählt. Also Kataloge wälzen, diesmal von 20 deutschsprachigen Verlagen: Im vergangenen Jahr wurden 43 Prozent der Originalveröffentlichungen in der Sparte Hardcover-Belletristik von Frauen verfasst. Je weniger U, desto weniger ♀. Während Frauen bei historischen Romanen und Krimis gut vertreten sind, bringen die renommierten Verlage im Hardcover deutlich weniger Originaltitel von Frauen heraus. Wir reden hier teilweise von einem Verhältnis von zwei zu elf oder elf zu 20 – schockierende Zahlen, eigentlich. Was heißt hier eigentlich?

Und erst die Literaturpreisnominierungen! Ich zähle mich in Rage. Diesmal fand die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse gerade ein einziges von einer Frau geschriebenes Buch gut genug, um es als einen der 15 nominierten Titel aufzuführen. Der Deutsche Buchpreis: 64 von 220 Nominierungen in elf Jahren. Meine Laune sinkt in den Keller. Doch weiter mit dem Deutschen Buchpreis: Obwohl er bisher sechsmal an Frauen und fünfmal an Männer vergeben wurde, wurde nur die Hälfte dieser Gewinnerfrauen ins Englische übersetzt. Von den Männern bleibt nur Frank Witzel mit seiner schwer übersetzbaren Länge übrig.

Zwei wesentliche Faktoren beeinflussen, ob einem Roman die seltene Ehre zuteil wird, ins Englische übersetzt zu werden. Der erste ist Aufmerksamkeit: Eine mutige Lektorin muss das Buch erst mal finden. Ist das Buch dann erschienen, sind Kritiken, Preisnominierungen, Mundpropaganda, Filmrechteoptionen, neudeutsch Buzz, das, was zählt. Schauen wir mal, wer in letzter Zeit den Buzz abbekommt: Ein Humorist, der über einen Frauenmörder schreibt, ein ehemaliger Lebemann, der über einen Rockstar schreibt, eine vom Feminismus angeekelte Debütantin mit einem Roman über Polyamorie. Ich kann keine Aussage zur Qualität der momentanen Buzz-Bücher treffen; ich habe sie nicht gelesen. Was ich aber sagen kann, ist, dass ihre Personen und ihre Themen Männer ansprechen. Was an sich nicht verwerflich ist.

In Deutschland gibt es leider keinen VIDA Count, der in den USA Bücher von Frauen zählt. Also muss ich wieder zähneknirschend ran; das glaubt mir sonst keiner. Ich möchte nun herausfinden, ob weibliche Autorinnen genau wie in der englischsprachigen Welt seltener besprochen werden als männliche. Als Beispiel: Wessen Bücher wurden in den Literaturbeilagen zur Leipziger Buchmesse 2016 besprochen, und von wem? In der Kategorie Romane und erzählende Literatur listet Perlentaucher 14 besprochene Bücher von männlichen deutschsprachigen Autoren auf; sie bekamen insgesamt 45 Kritiken. Von Frauen wurden hingegen nur 5 Originaltitel besprochen, und zwar insgesamt 14 Mal. Von den Kritikern waren 36 männlich und 13 weiblich. Das heißt, in dieser Auswahl haben Frauen 26 Prozent der Kritiken geschrieben und ihre Bücher haben 24 Prozent der Besprechungen erhalten. Autorinnen bekommen weit weniger Aufmerksamkeit – und ausländische Lektorinnen ein schiefes Bild der deutschen Buchproduktion.

Das Genre der DIK-Literatur

Faktor zwei in Sachen Übersetzungslizenzen ist die Art der Literatur. Bisher war die Zielgruppe für übersetzte Literatur in der englischsprachigen Welt größtenteils das, was ich "demonstrativ intellektuelle Kerle" nenne. Ich kenne einige dieser DIKs; sie sind mir gar nicht so unsympathisch – sie leben in Bücherhöhlen, trinken Rotwein und schätzen teure Möbel und gewichtige Themen: Krieg, Krankheit, Midlife-Krisen, Penisse. All das haben sie durchaus auch von der deutschsprachigen Literatur bekommen: Über die Jahre sind Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, Thomas Manns Der Zauberberg, Martin Walsers Ein fliehendes Pferd, Thomas Brussigs Helden wie wir gut bei den DIKs angekommen. Auch beliebt als Lesestoff: Bücher, die sich mit anderen DIKs beschäftigen. Zurzeit hat Volker Weidermann einen kleinen Hit in dieser Kategorie mit seinem Ostende über Stefan Zweig und Joseph Roth; auch Maxim Billers Im Kopf von Bruno Schulz wird in den USA gemocht.

Es braucht weibliche Vorbilder und tolle Erzählerinnen

Man kann es den DIKs nicht zum Vorwurf machen, dass sie sich mit Romanfiguren identifizieren wollen; das wollen viele LeserInnen. Aber wenn hauptsächlich diese Art von Literatur übersetzt wird, darf man sich nicht wundern, dass die Verkaufszahlen eher schrumpelig wirken. Denn obwohl Frauen angeblich empathiefähiger als Männer sind, bleibt die Frage, wie viele Geschichten wir noch über Erektionsstörungen lesen wollen. Trotzdem: Auch wenn die Auflagen oft äußerst bescheiden sind, werden diese Bücher geehrt, weil die DIK-Kultur in breiten Teilen der Verlagswelt den Maßstab setzt. Zum Beispiel mit Übersetzungspreisen.

Und gleich kommt der nächste Schreckensmoment: Der britische Schlegel Tieck Prize für Übersetzung ging seit 1965 an nur acht von Frauen geschriebene Bücher. Da es in manchen Jahren Mehrfachnennungen gab, kamen 56 Männer zu der Ehre. In den USA wurde der Helen and Kurt Wolff Translation Prize seit 1996 nur zweimal an Bücher von Frauen verliehen. Ebenso der britische Independent Foreign Fiction Prize – in seiner 20-jährigen Geschichte. Dachten sie, wir merken das nicht? Jetzt gibt es anstelle der IFFP den Man Booker International Prize: Auf der ersten Longlist stehen vier Bücher von Frauen und neun von Männern.

Wie ändert man diesen Zustand?

Am Ende einer Woche voller erdrückender Statistiken bringt eine Liste das Fass zum Überlaufen: Der niederländische Europäische Literaturpreis hat gerade seine Longlist bekannt gegeben. Eine Freundin fragt auf Twitter, ob ich sie gesehen habe; meine krankhafte Zählerei hat mir inzwischen einen gewissen Ruf beschert. Die Liste beinhaltet mehr Bücher mit nackten Frauen auf dem Umschlag als Autorinnen. 19 ernst dreinblickende Männer und Katja Petrowskaja. Ich stehe mit gezücktem Smartphone vor dem Hotdog-Stand im Möbelhaus und kann nur noch lachen.

Was braucht es, um die Situation zu verbessern? In der englischsprachigen Verlagswelt würden schon mehr Übersetzungen von Genre-Literatur und von Büchern, die Frauen lesen wollen, die Lage verändern. Dörte Hansens Bestseller Altes Land ist vor Kurzem in die USA verkauft worden; Verlage sind gegründet worden, um ausdrücklich mehr Literatur von Frauen zu übersetzen; Übersetzerinnen versuchen bewusst, Autorinnen vorzuschlagen.

Ein paar Neuerungen hierzulande würden sicher auch nicht schaden. Was machen eigentlich die Absolventinnen der Schreibschulen, wo Frauen in der Mehrzahl sind? Wollen wirklich so wenige Frauen Literaturkritiken schreiben oder könnten Redaktionen sie ab und zu auch mal beauftragen? Könnten Preisjurys bewusster mit ihrer Macht umgehen, besonders bei der Vorauswahl? Ich will, dass junge Frauen anerkannte Autorinnen und Kritikerinnen als Vorbilder haben und ich will, dass sie ambitioniert und aufregend schreiben. Ich will dieses lästige Erbsenzählen nicht mehr machen müssen. Ich will meinen Hotdog in Ruhe essen.