Es war eine kleine Meldung. Ein, zwei Tage prominent platziert und dann weg: "Türkei attackiert Kunstfreiheit". Dieses Mal betraf es die Dresdener Sinfoniker, die zusammen mit dem Musiker Marc Sinan ein Konzert spielen wollten, das Aghet heißt. Aghet ist Armenisch und bedeutet Katastrophe. Mit der Katastrophe ist die Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich gemeint. Genauer müsste es eigentlich heißen, die Vernichtung der Christen. Denn die Deportationsbefehle betrafen alle Christen. Also Katholiken, Chaldäer, Aramäer und weitere Gruppen. Manche davon hatten Wurzeln im heutigen Iran oder Syrien. Der Großteil jedoch waren Armenier und so hat sich der Terminus durchgesetzt:

Völkermord an den Armeniern

Es ist vergleichbar mit dem Begriff Shoah. Auch die Juden konnten für die Vernichtung im Nationalsozialismus nur das Synonym "Katastrophe" verwenden, weil das Geschehen über Bezeichnungen wie Vertreibung, Tod, Mord, Vernichtung hinausging. Und auch hier wissen wir, dass nicht nur Juden zu den Opfergruppen zählen.

Große Katastrophen – nennen wir die politisch und staatlich legitimierten Tötungen einfach mal so – verankern sich im kollektiven Bewusstsein der Gesellschaften immer noch am stärksten über die Kunst. Mehr noch als Statistiken und Dokumentationen sind es Filme, Musik und Bücher, die uns berühren und uns begreifen lassen, dass ein Opfer aus vergangener Zeit genauso beschaffen ist wie man selbst: ein Mensch, der genauso liebt, lebt und trauert. Juden, Armenier, Syrer, alles Menschen wie man selbst einer ist. Und man versteht, diese Person könnte ich sein. Dann erst setzt der Moment des Entsetzens ein. Der Mensch ist leider so gebaut. Er kann Empathie nur über (Nach-)Empfindung herstellen.

Es ist für die künstlerische Aussage eines Werkes sehr wichtig, wann sie stattfindet. Ob vor, während oder nach der Geschichtsaufarbeitung. Die Wirkung eines Filmes oder Buches ist abhängig davon, ob es der Künstler war, der als Erster sagt: Hier ist ein Unrecht geschehen. Sehr gut konnte man das zuletzt in Deutschland an der NSU-Serie im Ersten beobachten. Die Filmtrilogie erzählte nichts anderes als das, was man seit fünf Jahren in den Zeitungen gelesen hatte. Künstlerisch aufbereitet sah man das Ganze zwar nun mit anderen Augen, obwohl das Geschehen und die Erkenntnisse unverändert geblieben sind. Trotzdem blieb die große gesellschaftliche Debatte aus. Denn was blieb für einen Künstler noch Wesentliches hinzuzufügen, nachdem die Spitzen des Staates die Versäumnisse bereits zugaben? Allen voran Angela Merkel, die bei einem Gedenkakt den NSU als "Schande für unser Land" bezeichnete und die Angehörigen der Opfer um Verzeihung bat.

Es macht demnach einen riesigen Unterschied, ob man sich als Künstler in ein staatliches Schweigen und Vertuschen hineinmeldet oder sich auf dem Boden von gesellschaftlicher Aufarbeitung bewegt. Was den Holocaust betrifft, hat die Herausforderung für Künstler immer darin bestanden, eine Sprache zu finden, um aus dem Unfassbaren etwas Fassbares zu machen. Mit Repressalien musste niemand rechnen. Wer im heutigen China, Russland oder Nordkorea Künstler ist und staatliche Verbrechen der Vergangenheit und Gegenwart thematisiert, riskiert viel. Es ist gleichbedeutend damit, ein Dissident zu sein. Der Franzose Claude Lanzmann war als Regisseur von Shoah nie Dissident sondern einfach Künstler.

Über nationale Grenzen hinaus

Man muss das wissen, um zu verstehen, warum es als Kulturschaffender ein Problem darstellt, sich mit Aghet zu befassen. Die Diskriminierung, Vertreibung und Vernichtung der Armenier und anderer Christen der heutigen Türkei geschah stets auf der Grundlage von massiver, staatlicher Einflussnahme und Sanktion. Man kann an keiner türkischen Universität dazu forschen, weil man dafür freien Zugang zu den Archiven benötigt. Den haben nur Wissenschaftler mit staatlicher Erlaubnis. Diese Kommissionen sind natürlich nichts wert.

Die Einflussnahme geht über nationale Grenzen hinaus. Wann immer beispielsweise in Deutschland ein Künstler sich mit dem Thema befasst, kommt ein Lobbyist des türkischen Staates und versucht auf alle erdenkliche Arten den Künstler, seinen Verlag, seinen Veranstalter und wenn möglich auch die deutschen Regierungsvertreter so lange auf Trab zu halten, bis irgendeiner irgendwie irgendwo nachgibt.

Im Fall der Dresdener Sinfoniker hieß es, dass Vertreter der türkischen Regierung wenigstens erreichen wollten, dass das EU-Fördergeld für das Projekt gestrichen wird. Tatsächlich schwelte im Hintergrund noch ein ganz anderer Konflikt. Nämlich der um den Musiker Marc Sinan, dessen Vorfahren Armenier aus der Türkei sind.  

Bereits im vergangenen Jahr hatte Sinan im Gorki Theater Berlin das Musiktheaterstück Dede Korkut – Die Kunde von Tepegöz mit den Dresdener Sinfonikern aufgeführt. Für das Programmheft hat die türkische Gegenwartsautorin Sema Kaygusuz einen kleinen Text beigesteuert, in dem sie das Thema von Dede Korkut, nämlich die Unauslöschbarkeit von Schuld, in die politische Gegenwart übertrug. Sie sah im Text "eine heutige Türkei ohne Gedächtnis", die alle Verbrechen leugnet. Angefangen von der Vernichtung der Armenier bis hin zu der der Kurden.

Hysterie und Folklore

Was dann geschah, war eine Hysterie, die man nur noch als Folklore bezeichnen kann. Allen voran Professor Hakkı Keskin, der einst für die Linken im Bundestag saß und sich in wehleidigen Briefen beschwerte, dass es sich bei dem Theater und dem Künstler um Lobbyisten handele, die zu den Ereignissen von 1915 eine "eingefrorene Haltung" besäßen.

Keskins Engagements sind vielfältig. Auch weil er vielseitig vernetzt ist. Er hat 2009 mit der von ihm gegründeten "Türkischen Gemeinde Deutschland" genervt, als in den Geschichtsbüchern im Bundesland Brandenburg der Völkermord an den Armeniern thematisiert werden sollte. 2004 hat er die deutsche Öffentlichkeit genervt, weil Zypern Teil der Europäischen Union wurde, nicht aber der türkische Teil im Norden. Keskin war übrigens auch schon mal Mitglied in der SPD. Und Teil der Bülent-Ecevit-Regierung in der Türkei. Ach, die türkischen Lobbyisten sind so raffiniert. Aus allen Löchern und Ritzen kriechen sie hervor. Sie sind überall und nerven.