Wie viel Biologie steckt in einer Schwangerschaft? In einer Geburt? Ziemlich viel, sollte man meinen. Schließlich befasst sich Biologie, laut Wikipedia zum Beispiel, "mit allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen, speziellen Besonderheiten der Lebewesen, ihrem Aufbau, Organisation und Entwicklung sowie ihren vielfältigen Strukturen und Prozessen" – und was könnte zentraler für dieses Feld sein als das neunmonatige Wachsen und Entwickeln eines neuen Lebewesens in einer Gebärmutter?

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Doch man kann das offenbar auch anders sehen, es scheint sogar völlig normal, es anders zu sehen. In einem Bericht über den Sorgerechtsstreit zwischen einem US-amerikanisch/spanischen Paar und einer von ihnen mit Schwangerschaft und Geburt beauftragten thailändischen Frau schreibt die Süddeutsche Zeitung, dass "die 34-jährige Leihmutter … biologisch nicht mit dem Kind verwandt ist". Als ich das auf meiner Facebook-Pinnwand postete, hat mich überrascht wie viele meiner Bekannten es genauso sehen: Biologie, so scheint es, ist heutzutage deckungsgleich mit Genetik. Als "biologische" Eltern gelten ausschließlich diejenigen, von denen Eizelle und Samenzelle stammen, aus denen das Kind gezeugt wird.

In welchem Verhältnis zu dem Kind steht aber diejenige, die es als Embryo in ihrer Gebärmutter austrägt? Die es monatelang mit der eigenen Körpermaterie versorgt, dafür beachtliche körperliche und psychische Anstrengungen auf sich nimmt, gesundheitliche Risiken eingeht? Oder sogar das eigene Leben aufs Spiel setzt? Immerhin sterben weltweit jedes Jahr 300.000 Frauen an Komplikationen während der Schwangerschaft.

Man fühlt sich unweigerlich an Aristoteles erinnert, jenen antiken Philosophen, der dieses Jahr runde 2.400 Jahre alt geworden wäre. Aristoteles stellte sich das so vor, dass der männliche Samen den Keim für das komplette Kind enthält, er ist dessen einziger und alleiniger Ursprung. Die Gebärmutter hingegen ist bloß die nährende Umgebung, das Gefäß, in dem dieser Samen heranwächst – analog zur Erde, in die man eine Pflanzensaat steckt. Das war keine Wissenschaft, sondern in ein wissenschaftliches Gewand gekleidete Ideologie: Die Behauptung von der allein zeugenden Potenz des männlichen Samens untermauerte den Anspruch von Männern auf Verfügungsgewalt über "ihre" Kinder, was angesichts der doch ziemlich evidenten Tatsache, dass es ja Frauen sind, die Kinder "zur Welt bringen", schon etwas gedankliche Akrobatik erforderte.

Diese aristotelische Ideologie wirkt bis heute nach. Auch wenn inzwischen natürlich erwiesen ist, dass an der Zeugung eines Kindes immer zwei Menschen beteiligt sind – eine Frau, die die Eizelle, und ein Mann, der die Samenzelle beisteuert – so ist es doch weiterhin üblich, zu sagen, Männer würden Kinder "zeugen", Frauen hingegen "austragen und gebären".

Aber Zeugung und Schwangerschaft sind keineswegs analog zu verstehen, und sie sind auch nicht symmetrisch zwischen den Geschlechtern aufgeteilt. Sondern es handelt sich um zwei voneinander getrennte Vorgänge: Zunächst entsteht, in einer weiblich-männlichen Kooperation (Eizelle trifft Sperma), ein Embryo. Damit aus diesem Keimling dann auch tatsächlich ein lebendiger Mensch werden kann, muss sich ein weiterer, ungleich aufwendigerer biologischer Prozess anschließen: Schwangerschaft und Geburt. Dabei spielt der Mann, von dem das Sperma stammte, keine Rolle mehr, jedenfalls biologisch betrachtet. Er kann direkt nach der Zeugung vom Auto überfahren werden oder nach Australien auswandern, für das Schicksal des Embryos ist das vollkommen unerheblich. Dessen Leben ist nun, zunächst untrennbar, mit genau einer Person verbunden: der Schwangeren. Erst qua Geburt wird aus ihm ein Individuum.

Diese biologische Ungleichheit der Geschlechter in Bezug auf die Fortpflanzung ist für menschliche Kulturen eine Herausforderung. Sie bedeutet nämlich, dass Menschen, die schwanger werden können (und deshalb in der Biologie als "weiblich" definiert werden), und Menschen, die das nicht können (also "männlich" sind), nicht als Gleiche behandelt werden können. Alle Regelungen rund um die Fortpflanzung betreffen sie auf existenziell unterschiedliche Weise: Abtreibungsgesetze, Hebammenversorgung, bezahlter Mutterschaftsurlaub, um nur einiges zu nennen. Man kann diese Dinge nicht "geschlechtsneutral" betrachten.

Die klassischen Patriarchate haben das Problem durch einfache Unterordnung von Frauen und Kindern unter männliche Herrschaft gelöst. Die heteronormative Ehe wiederum fasst je genau einen Mann und eine Frau zu einer "Familie" zusammen und macht sie – anstelle des Individuums – zur kleinsten Einheit der Gesellschaft. Aber diese Modelle sind heute überholt. Wir akzeptieren weder Machtverhältnisse, die Frauen generell den Männern unterordnen, noch starre Mann-Frau-Ehemodelle. Wir wollen vielmehr in den unterschiedlichsten Konstellationen mit anderen Erwachsenen und Kindern zusammenleben, unabhängig von deren Geschlecht oder Anzahl.

Aber genau diese Freiheit wird nur möglich sein, wenn wir die Frage nach dem Schwangerwerdenkönnen der einen und dem Nichtschwangerwerdenkönnen der anderen offen und realistisch diskutieren, und wenn wir menschenfreundliche Antworten darauf geben. Das Schwangersein und Gebären zu bagatellisieren und zu ökonomisieren ist ein genauso falscher Weg, wie es zu mythologisieren oder ideologisch zu überhöhen.

Denn noch etwas ist neu: Seit Erfindung der In-Vitro-Fertilisation betrifft diese biologische Ungleichheit der Geschlechter nicht mehr nur das Verhältnis von Frauen und Männern, sondern auch das von Frauen untereinander. Auch Frauen haben jetzt die Möglichkeit, Schwangerschaften an andere auszulagern, sei es, weil sie selbst nicht (mehr) schwanger werden können, oder weil sie einfach keine Lust auf diesen kräfteraubenden und gesundheitsgefährdenden Prozess haben – und es sich finanziell leisten können, jemand anderes dafür zu bezahlen.

Dass Kinder außerhalb der Mann-Frau-Beziehung entstehen, ist nicht ganz neu – auch vor der In-Vitro-Fertilisation hatten Frauen Wege gefunden, wie sie schwanger werden können, ohne mit einem Mann Sex zu haben, Lesben zum Beispiel. Doch mit dem Boom der Reproduktionsmedizin und dem lukrativen Geschäftsmodell, das dahinter steht, wird es so langsam immer offensichtlicher: Jedes Kind hat potenziell drei biologische Eltern, die Eizellenspenderin, den Samenspender und die Gebärerin. Sie alle sind biologisch mit dem Kind verwandt – die beiden Zeugenden durch ihre Gene, die Gebärerin durch die Tatsache, dass der Embryo monatelang ein Teil ihres Körpers war.